SpOn 10.01.2026
07:16 Uhr

Hans Herrmann ist tot: Nachruf auf den Motorsportler


Hans Herrmann war ein Pionier des Motorsports in Deutschland, er fuhr in der Formel 1 und triumphierte in Le Mans. Sein größter Erfolg jedoch: Er überlebte seine Karriere.

Hans Herrmann ist tot: Nachruf auf den Motorsportler

Das Märchen »Hans im Glück« erzählt die Geschichte von einem jungen Wanderburschen, der erst mit einem Klumpen Gold losmarschiert, durch Tausch immer weniger Wertvolles erhält, am Ende nur noch einen Stein in Händen hält und trotzdem glücklich ist: weil er das Leben liebt. Und weil das Leben ein Wert an sich ist.

Hans Herrmann wurde auch Hans im Glück genannt. Weil er das Wichtigste immer behalten hat, was man als Rennfahrer in den Fünfziger- und Sechzigerjahren behalten konnte: sein Leben. Motorsport in jenen Zeiten war eine kühne Sportart, ein großes, wildes Abenteuer, der totale Nervenkitzel, es war Glamour und Jetset. Es war vor allem lebensgefährlich.

Es konnte jäh zu Ende sein

Hans Herrmann hat das alles mitgenommen, die große weite Welt, Indianapolis, Monte Carlo, Mexico City, er hat das Leben genossen, aber auch, weil er wusste: Es konnte in jedem Moment zu Ende sein.

2011 noch mal hinter dem Steuer

2011 noch mal hinter dem Steuer

Foto: sportfotodienst / Stefan Zeitz / IMAGO

So viele seiner Zeit sind in ihren Autos verbrannt, sind in den Tod gerast, Mario Alborghetti, Luigi Musso, Peter Collins, Harry Schell, Wolfgang Graf Berghe von Trips, Jochen Rindt. Die Liste ist dermaßen unvollständig.

Dass Hans Herrmann nicht in diese Reihe aufgenommen wurde, hatte er seinem fahrerischen Geschick zu verdanken, aber auch einem gnädigen Schicksal. 1955 erlitt er einen schweren Trainingsunfall in Monte-Carlo, 1959 raste er über die Berliner Avus, dort, wo heute die Berliner auf der Stadtautobahn im Stau stehen und früher Rennen gefahren wurden, als ihm die Bremsen versagten. Der Wagen überschlug sich, Herrmann wurde aus dem Auto katapultiert, wie durch ein Wunder blieb er unverletzt. Hans im Glück.

Er hat es geschafft, er hat sein Leben bis ins 98. Jahr verlängern können. Am Freitag ist er im Alter von 97 Jahren gestorben.

Immer wieder ins Auto – trotz allem

Es gehört dazu, dass die Fahrer jener Zeit, obwohl ihnen links und rechts die Freude und Kollegen wegstarben, immer wieder ins Auto stiegen. Die Faszination der Geschwindigkeit, der Rausch, er hatte auch Herrmann ganz früh erfasst. Der Krieg war kaum vorbei, der junge Herrmann war in den letzten Kriegstagen getürmt, als 17-Jähriger war er zuvor zur Waffen-SS gezogen worden, das letzte Aufgebot, das verheizt werden sollte.

Beim Rennen auf dem Nürburgring 1956

Beim Rennen auf dem Nürburgring 1956

Foto: HORSTMUELLER GmbH / Horstmüller / IMAGO

Herrmann machte das nicht mit. Er hatte den Krieg miterlebt, jetzt wollte er das Leben mit ganzen Händen packen. Die Konditorlehre absolvierte er zwar, um seiner Mutter, einer Cafébesitzerin, einen Gefallen zu tun, aber ihm stand der Sinn da schon nach anderem: nach Autofahren, so schnell wie möglich.

Schon bald fuhr er seinen ersten kleinen BMW, er verdiente sich ein bisschen Geld, indem er einen Arzt damit zu dessen Patienten herumfuhr. Nach dem BMW war bald der Porsche dran, logisch, Herrmann war schließlich Stuttgarter.

Erster Sieg mit dem Privatauto

Mercedes und Porsche, das ist Stuttgart, die Autostadt. Herrmann hat in seiner Rennfahrerkarriere für beide Marken sein Leben riskiert, aber Porsche war seine Nummer eins. Sein erstes Rennen bestritt er mit seinem Privatwagen 1952 auf dem Nürburgring, er gewann, und der Autobauer aus Zuffenhausen wurde auf diesen jungen Mann aufmerksam und nahm ihn unter Vertrag.

An seinem 60. Geburtstag für die Fotografen noch einmal im Porsche

An seinem 60. Geburtstag für die Fotografen noch einmal im Porsche

Foto: sportfotodienst / Pressefoto Baumann / IMAGO

Ab dann gehörte Herrmanns Leben den Rennstrecken, der Formel 1 ebenso wie den berühmten Langstreckenrennen in Daytona Beach oder in Le Mans. Ein Draufgänger, das war er schon früh. Als er 1954 an der berühmten italienischen Mille Miglia teilnahm, fuhr er mit vollem Tempo auf einen Bahnübergang zu, als sich die Schranken zu schließen begannen. Fürs Bremsen war es zu spät, also duckte er sich in seinen Autositz und huschte mit seinem Porsche unter der sich senkenden Bahnschranke hindurch – kurz bevor der Schnellzug nach Rom vorbeikam.

18 Mal in der Formel 1

18 Rennen hat er in der Formel 1 zwischen 1953 und 1968 bestritten, für Mercedes, Porsche, er fuhr aber auch für Maserati, Cooper und BRM. Einmal schaffte er es auf Platz drei, das war sein größter Erfolg in der Königsklasse. Er hat sie alle kennengelernt: Juan Manuel Fangio, Stirling Moss, John Surtees, die Pioniere der Formel 1, diesen äußerst exklusiven Klub, Herrmann war Klubmitglied.

In seinem Haus im gut gefüllten Trophäenzimmer

In seinem Haus im gut gefüllten Trophäenzimmer

Foto: Fabian Sommer / dpa

Und dennoch behält man ihn sportlich nicht vorrangig wegen der Formel 1 in Erinnerung, sondern wegen seiner Erfolge im Sportwagen auf der Langstrecke. Bei der legendären Carrera Panamericana in Mexiko wurde er 1954 Dritter, bei der Mille Miglia im folgenden Jahr lag er vor dem großen Stirling Moss an der Spitze – dann passierte es. Ein Tankwart hatte vergessen, den Tankdeckel an Herrmanns Porsche zuzuschrauben, Herrmann raste los, das Benzin spritzte in den Fahrerraum und begann, seine Kleidung und die Haut zu verätzen. Der Deutsche musste aufgeben. Tollkühne Männer in ihren fliegenden Kisten.

Langstrecke war sein Ding

Herrmann war schon mehr als zehn Jahre in dem Zirkus unterwegs, er hatte alle Unfälle überstanden, da begann seine beste Zeit. Ab 1966 brauste er mit Porsche zu seinen größten Erfolgen: Sieg beim 24-Stunden-Rennen in Daytona Beach, den Triumph beim 1000-Kilometer-Rennen auf dem Nürburgring verpasste er nur knapp.

Noch enger war es 1969 in Le Mans, beim Mythos der 24 Stunden. 100 Meter fehlten ihm am Ende zum Erfolg, eigentlich hatte er schon geplant, danach aufzuhören, er hatte es seiner Frau versprochen, die immerzu bangen musste, wenn ihr Mann sich hinters Steuer zwängte. Aber so konnte er nicht Schluss machen.

1954 im Mercedes auf der Avus in Berlin

1954 im Mercedes auf der Avus in Berlin

Foto: UIG / IMAGO

Also machte er 1970 noch einmal einen letzten Anlauf in Le Mans. Es regnete in Strömen, nur sieben Fahrzeuge kamen am Ende in die Wertung, eines davon war der Porsche von Herrmann und seinem Partner Richard Atwood. Als Sieger. Zum ersten Mal konnte sich Porsche als Gewinner einschreiben.

Mit 42 war Schluss

Ein krönender Abschluss, jetzt konnte Herrmann aussteigen. Mit 42 Jahren. Er trat danach weiterhin als Förderer von Motorsporttalenten auf, eine fast ikonische Figur für all die jungen Rennfahrer, die ihm in Deutschland nachfolgten.

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Schlagzeilen machte er sehr viel später aber noch auf andere Art. 1991 wurde Herrmann das Opfer einer Entführung und gegen Zahlung eines Lösegelds wieder freigelassen. Wer dahintersteckte, konnte nie aufgeklärt werden, auch Fernsehermittler Eduard Zimmermann und »Aktenzeichen XY ungelöst«, die den Fall 1992 aufnahmen, brachten kein Licht ins Dunkel.

Noch einmal in Gefahr, noch einmal Angst ums Leben, aber er kam heil daraus. Er war Hans im Glück.