SpOn 15.12.2025
11:35 Uhr

Handball-EM der Frauen: Finaleinzug als Chance für bessere Bedingungen


Gut gekämpft, knapp verloren: Im deutschen Handball der Frauen erhoffen sich vom Finaleinzug der Nationalmannschaft viele einen Aufschwung. Der wäre bitter nötig, die Lage vieler Vereine ist prekär.

Handball-EM der Frauen: Finaleinzug als Chance für bessere Bedingungen

Das Turnier ihres Lebens lag hinter ihr. Antje Döll, 37, Kapitänin der deutschen Handballerinnen, war ins All-Star-Team der Weltmeisterschaft gewählt worden. Um ihren Hals hing eine Silbermedaille, ihr Team hatte im WM-Finale gegen die Gegnerinnen aus Norwegen (20:23) lange einen großen Kampf geliefert.

Trauernde Deutsche waren nicht zu beobachten, sie freuten sich stattdessen über ein starkes Turnier und über die erste Medaille seit WM-Bronze 2007.

Noch bevor Youngster Viola Leuchter die Feierlichkeiten einläutete (»Die dritte Halbzeit gewinnen wir«), kämpfte Anführerin Döll mit dem Blick zurück aber doch noch mit den Tränen: »Nach dem ganzen Scheiß, der im Sommer passiert ist«, sagte sie mit brüchiger Stimme, »haben wir uns einfach verdient, eine Medaille zu holen.«

»Der ganze Scheiß«: Im September hatte Dölls Arbeitgeber, der Topklub HB Ludwigsburg, Insolvenz anmelden müssen. Wie Döll hatten sich auch die WM-Teilnehmerinnen Mareike Thomaier, Xenia Smits, Jenny Behrend und Leuchter plötzlich neue Jobs suchen müssen. Ein Kapitel, das zeigt, wie düster der Alltag im deutschen Frauenhandball ist, wie prekär seine Finanzierung. Behrend, die nun in Oldenburg untergekommen ist, muss nebenher minijobben.

DHB-Kapitänin Döll: »Einfach verdient, eine Medaille zu holen«

DHB-Kapitänin Döll: »Einfach verdient, eine Medaille zu holen«

Foto: Federico Gambarini / dpa

Die Hoffnung in der Branche ist groß, dass das WM-Silber nun die teils tristen Rahmenbedingungen verändert, dass das abwehrstarke Team von Bundestrainer Markus Gaugisch der lange dahinsiechenden Randsportart nun Leben einhaucht. Von größeren Träumen ist der deutsche Frauenhandball, von zwei vom SPIEGEL enthüllten Missbrauchsskandalen erschüttert, weit entfernt.

Und das aus Gründen, wie Peter Prior, altgedienter Manager des Bundesligisten Buxtehuder SV, erklärt. Als zwei BSV-Spielerinnen, Heike Axmann und Andrea Bölk, 1993 aus Oslo mit WM-Gold zurückkehrten, glaubten auch viele an eine Konjunktur. »Ich weiß noch, wie wir damals alle hofften, dass es einen Boom gibt.« Aber die Realität war ernüchternd. Weshalb Prior jetzt sagt: »Ob das WM-Silber jetzt Effekte zeitigt, werden wir sehen.«

Andererseits schauten im Gegensatz zum WM-Finale 1993, welches das Fernsehen ignorierte, nun seit dem WM-Viertelfinale Millionen von Zuschauern in ARD und ZDF zu – die ersten sechs Spiele waren im Internet von Sporteurope.tv übertragen worden, weshalb DHB-Präsident Andreas Michelmann die Öffentlich-Rechtlichen massiv kritisiert hatte, sie würden ihrem Auftrag nicht nachkommen.

»Optimistisch, dass wir etwas vom WM-Hype mitnehmen können«

Die Live-Spiele in der K.-o.-Runde machen den Verantwortlichen daher Mut. »Ich bin relativ optimistisch, dass wir etwas vom WM-Hype mitnehmen können«, sagt der Präsident der Handball-Bundesliga Frauen (HBF), Andreas Thiel. Davon ist auch Andreas Lampe, Manager des VfL-Traditionsklubs Oldenburg und HBF-Vorstand, überzeugt. »Wir werden positive Resonanz haben, egal wo, ob nun in der Jugend, in der ersten oder in der zweiten Liga.« Er sei überhaupt sehr positiv, sagt Lampe, »was die große Entwicklung des deutschen Frauenhandballs angeht«.

Das liegt auch an den Zukunftsaussichten des deutschen Teams. Die Altersstruktur des neuen Vizeweltmeisters weckt Zuversicht, dass das Finale in Rotterdam nicht das Ende war, sondern der Anfang. Rückraumspielerinnen wie Viola Leuchter, die zur besten Nachwuchsspielerin der WM gewählt wurde, und die Blombergerin Nieke Kühne (beide 21) und auch Nina Engel, 22, haben noch viel Handball vor sich.

Das Gleiche gilt für das Torhüterduo Katharina Filter und Sarah Wachter (beide 26) und Abwehrspezialistin Aimée von Pereira, 25. Und selbst das routinierte Trio im Rückraum, Alina Grijseels, 29, Xenia Smits, 31, und Emily Vogel, 27, die ebenfalls ihr bestes Turnier spielte, kann den olympischen Zyklus bis zu den Spielen 2028 in Los Angeles locker durchlaufen, wenn ese von Verletzungen verschont bleibt.

Bundestrainer Markus Gaugisch mit seinem Team: Viele Spielerinnen sollten auch bei Olympia noch zum Kader gehören

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Foto: Federico Gambarini / dpa

Bis dahin wird sich die TV-Präsenz für die Nationalmannschaft verbessern. Während ARD und ZDF die Rechte für die kommenden Europameisterschaften erworben haben, liegen die Rechte für die WM-Turniere bei ProSiebenSat.1.

Aktuell ist der Abstand zu den Profis im Männerbereich nicht nur in dieser Hinsicht riesig. Während in der Frauen-Bundesliga viele Spielerinnen faktisch unter Mindestlohn arbeiten, kassieren die besten Handballer beim SC Magdeburg oder bei den Füchsen Berlin satte fünfstellige Nettomonatsgehälter. Allein der Champions-League-Sieger Magdeburg (Umsatz über 16 Millionen Euro) setzt mehr um als die gesamte Bundesliga der Frauen.

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Im Verteilungskampf um Sponsorengelder und mediale Aufmerksamkeit hat der Frauenhandball zudem mit den Fußballerinnen große Konkurrenz bekommen. Deren TV-Präsenz hat dazu geführt, dass auch die regionalen Sender wie WDR, NDR oder SWR viel seltener die Bundesliga zeigen als noch in den Achtzigerjahren. »Leider hat uns der Frauenfußball klar überholt«, sagt Renate Wolf, die langjährige Handball-Chefin des TSV Bayer Leverkusen.

Konzepte wie im Fußball der Frauen, wo die DFL-Klubs die Frauenabteilungen querfinanzieren und pushen, sind im Handball nicht denkbar – die einzige Ausnahme ist hier Borussia Dortmund, dessen Stammverein die Bundesliga-Handballerinnen im Wesentlichen trägt. »Für den Fußballklub ist es ein leichtes, eine Frauensparte mitzufinanzieren«, sagt Thiel, im Handball lägen die Dinge anders. »Auch bei den Männer-Bundesligisten ist nicht genügend Geld im Beutel.«

Dennoch gibt es in den Profiligen Überlegungen, künftig gemeinsam die TV-Rechte zu vermarkten, nachdem in diesem Sommer der gemeinsam ausgetragene Supercup in München gut angenommen worden war. Aber das muss noch warten. Erst 2029 beginnt der nächste Rechte-Zyklus.