Am Montagabend beim Handballspiel zwischen Dänemark und Deutschland zu Beginn der zweiten Halbzeit hing es in der Luft: ein ganz bestimmtes Geräusch bei den 15.000 Fans in der ausverkauften Arena in Herning. Es war eine Mischung aus unruhigem Geraune und ängstlichem Gemurmel der Heimfans mit einer klaren Aussage: Das Spiel kann kippen!
Deutschland kann die Übermacht Dänemark tatsächlich schlagen und das Halbfinale vorzeitig perfekt machen.
Was war passiert? Geschlagene sechs Minuten hielt die deutsche Auswahl Dänemark ohne eigenen Treffer in eigener Halle – das würde den Gastgebern eigentlich nicht mal mit auf dem Rücken verbundenen Armen passieren. Die deutsche Abwehr spielte formidabel.
Bei 13:13 schien alles möglich
David Späth, der im Tor überraschend für Andreas Wolff begonnen hatte, fing in der 32. Minute einen Wurf weg. Ja, er hielt ihn fest. Im Amateurhandball muss der Schütze mitunter dafür eine Kiste Bier ausgeben.
Späth wehrte auch den nächsten Ball ab und schrie seine Freude heraus. Er fuhr die Volumenregler der Halle auf fast stumm. 35. Minute,13:13. Um die zehn Minuten blieb Dänemark ohne Tor! Nicht nur der Deutsche Tom Kiesler fand: »Wir hatten da das Gefühl, sie zu packen.«
Torwart David Späth
Foto: Bo Amstrup / EPADoch dieses Gefühl sollte flüchtig sein.
Als die Dänen wieder aufdrehten, entschieden sie das Spiel in ihrer unverbrüchlichen Selbstgewissheit. 31:26 hieß es am Ende vollkommen verdient. Die fünf Tore Unterschied drückten die Überlegenheit noch nicht einmal genau aus. Die kurz stille Halle feierte ihre Spieler zum Hit »Celebrations«, die Deutschen konnten wieder einmal nur betrübt zuschauen. Eine gute Halbzeit reichte nicht.
Dann kippte die Partie
Kiesler analysierte den Absturz in bemerkenswerter Klarheit: »Wir kriegen zwei unglückliche Zeitstrafen, die uns wehtun. Dann haben wir vorn nicht die Abschlüsse gesucht und nicht bekommen, waren hinten zu löchrig. Wir haben ein paar Tempotore zu viel von den Dänen kassiert. So wird es schwer gegen sie.«
Handball-Party in Herning
Foto: Maximilian Koch / IMAGOAlles richtig. Nach einer harten Zwei-Minuten-Zeitstrafe gegen Marko Grgic musste Deutschland in doppelter Unterzahl die Dänen mit zwei Toren wegziehen lassen – und kurz darauf das ganze Spiel. Die Abstände wurden in der Deckung zu groß, gegen das Sieben-gegen-Sechs gab es zu wenig Mittel und vorn – ja, vorn... Es ist kompliziert.
»Wir hatten Pech mit Pfostentreffern.« »Der dänische Keeper Emil Nielsen hält überragend.« »Die Würfe müssen sitzen.« Diese Sätze konnte man fast unisono von allen Deutschen hören. Sie stimmten, aber erzählten auch nur einen Teil der Geschichte.
Gislasons überraschender Wechsel
Der Plan sei gewesen, den Mittelblock der Dänen zu binden, um die Würfe aus dem Rückraum abzusichern, hieß es. Aus dem Rückraum hatte zuletzt mal der eine (Miro Schluroff), dann der andere Shootingstar (Marko Grgic) das Spiel gerettet. Doch Deutschland läuft mitunter in Spielen Gefahr, sich zu sehr darauf zu verlassen.
Bundestrainer Alfred Gislason
Foto: Sebastian Elias Uth / EPADas begann schon vor dem Spiel. Da hatte der Bundestrainer Alfred Gíslason die beiden etatmäßigen Außen Lukas Mertens und Lukas Zerbe gestrichen. Er begründete die Entscheidung hinterher mit der Belastungssteuerung. Doch auch wenn bei den Deutschen die Außen auf der Platte stehen, werden sie ohnehin zu selten eingebunden. Auch das mangelnde Tempo oder Kreisläuferspiel sind Symptome für eine im zweiten Durchgang kränkelnde Offensive.
Wäre Wolff besser gewesen?
Das wollten die befragten Spieler nicht so stehen lassen. Renars Uscins sagte: »Wir haben enorm viel Qualität aus dem Rückraum, das müssen wir uns beibehalten. Es gehört dazu, dass man sich drei, vier Würfe zu schnell nimmt.« Auch Bundestrainer Gíslason meinte: »Der Angriff war befreiter und mutiger als zuletzt. Nur man muss halt das Tor machen.«
Dänemarks Torwartstar Emil Nielsen
Foto: Bo Amstrup / EPAEinen weiteren Mutmacher fürs letzte Hauptrundenspiel am Mittwoch gegen Frankreich (18 Uhr/TV: ZDF; Stream: Dyn) sah er auf der Torhüterposition, auf der das Team zweimal Weltklasse besitze. So hatte er gegen Dänemark Späth für den gegen Norwegen überragenden Wolff aufgeboten. Seine weiteren Gründe zählte Gíslason nacheinander auf: Wolffs schlechte Bilanz gegen Dänemark in der Vergangenheit, wiederum die Belastungssteuerung und Späths Stärke gegen Rückraumwürfe.
Die gute Vorstellung von Späth schien den Trainer zwar zu bestätigen. Dennoch blieb die These im Raum, ob nicht Wolff kraft seiner Aura und der zuletzt herausragenden Leistungen die Dänen noch mehr ins Grübeln gebracht hätte. Auch diese Sichtweise wollte keiner der deutschen Spieler gelten lassen, eher richteten sie den Blick nach vorn.
- DHB-Team verliert bei EM: Wenn der dänische Express erst mal ins Rollen kommt Von Marcus Krämer
- Handball-EM-Erfolg gegen Norwegen: Der Leit-Wolff führt Deutschland zum nächsten Sieg Von Peter Ahrens
- Deutsche Handballer bei der EM: Der Steineschmeißer und die »Siedler von Catan« Aus Herning berichtet Ron Ulrich
»Es ist noch alles drin«, sagten sie sich untereinander und in der Interviewzone. Ein Punkt gegen Frankreich reicht für das Halbfinale in dieser »Hammergruppe«. »Hätte uns das vorher einer gesagt, hätten wir es direkt genommen«, war so ein anderes oft benutztes Mantra.
Frankreich hatte am Montag gegen Spanien verloren, die Dänen im ersten Hauptrundenspiel aber viel länger in einen Angstzustand versetzt. Deutschland hingegen wusste ab Mitte der zweiten Halbzeit Dänemark nicht mehr viel entgegenzusetzen.
Eine Niederlage am Mittwoch bedeutet das Aus. Die DHB-Auswahl steht aktuell bei sechs Punkten, Frankreich bei vier. Die Tabelle kann trügen.
