Sie erhöhen das Tempo: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft hat den vorzeitigen Einzug ins Halbfinale verpasst. Gegen den Topfavoriten Dänemark hielt das Team von Bundestrainer Alfreð Gíslason zumindest eine Hälfte gut mit, doch nach der Pause zeigten die Dänen ihr gefürchtetes Tempospiel. Bei diversen Angriffen dauerte es, egal ob nach deutschen Toren oder Ballverlusten, gerade mal vier oder fünf Sekunden, ehe die dänischen Sprinter vor dem deutschen Gehäuse standen und nahezu frei stehend verwandelten.
Ergebnis: Das DHB-Team verliert das dritte Hauptrundenspiel gegen Dänemark 26:31 (12:13). Auf deutscher Seite traf Renārs Uščins mit sechs Toren am besten, bei Dänemark war mal wieder auf Mathias Gidsel und Simon Pytlick (jeweils 8 Tore) Verlass.
Schützenhilfe: Als die deutsche Mannschaft im zweiten EM-Spiel gegen Serbien eine unerwartete, aber verdiente Niederlage einstecken musste, sprach wenig für ein erfolgreiches Turnier. Der Deutsche Handballbund (DHB) hatte das Halbfinale als Ziel ausgegeben, was angesichts der Fülle an exzellenten Gegnern zu ambitioniert wirkte. Doch es folgten drei Siege in Folge, Deutschland ging als Tabellenführer in das Spiel gegen Dänemark. Und weil am frühen Abend überraschend Spanien gegen Frankreich gewinnen konnte, war die Ausgangslage klar: Ein Punktgewinn hätte für das Semifinale gereicht.
Die Übermannschaft: Vier WM-Titel in Folge, Olympiasieg 2024 – das dänische Nationalteam gilt zu Recht als die derzeit beste Handballmannschaft der Welt. Das weiß die DHB-Auswahl nur zu gut, denn es gab seit der EM 2016 keinen Pflichtspielsieg mehr gegen den Rivalen aus dem Norden. Zuletzt, bei der WM 2025 und bei den Olympischen Spielen in Paris, setzte es sogar zwei deftige Pleiten mit 40 und 39 Gegentoren.
Welthandballer Gidsel (r.): Kaum zu stoppen
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Gidsel hier, Aluminium da: Die deutsche Mannschaft startete überraschend mit David Späth im Tor. Damit hatte kaum jemand gerechnet, nachdem Andreas Wolff gegen Norwegen 22 Paraden gezeigt hatte. Die Idee, Wolff zu schonen und Späths Emotionalität ins Spiel zu bringen, ging zu Beginn nur bedingt auf. Vor allem gegen Welthandballer Gidsel bekam Späth keine Hand an den Ball, der Däne traf nach neun Minuten schon zum vierten Mal. Auf der anderen Seite warfen Marko Grgić und Uščins viermal an Latte oder Pfosten – das war in der Anfangsphase der Unterschied.
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Ohne Außen: Der Bundestrainer hatte im Laufe des Tages bereits eine weitere Überraschung verkündet. In seinem 18er-Kader ist er vor jedem Spiel gezwungen, zwei Profis auf die Tribüne zu setzen. Dieses Mal erwischte es mit Lukas Zerbe und Lukas Mertens die beiden Außenspieler, die bisher die meisten Minuten auf dem Feld standen. Das hatte zeitweise eine taktische Änderung zur Folge, denn statt Rune Dahmke bot Gislason bisweilen Jannik Kohlbacher als zweiten Kreisläufer auf. Auf deutscher Seite überzeugte vor allem die Abwehr, Nils Lichtlein vergab mit dem Halbzeitpfiff die Chance, per Siebenmeter zum 13:13 auszugleichen. Anders als in den vergangenen beiden Jahren drohte kein Debakel.
Pauseninterview: Anders als im Fußball stehen im Handball Spieler auf dem Weg in die Kabine für Interviews zur Verfügung. An diesem Abend war das Kreisläufer Justus Fischer. »Wir können stolz auf unsere Leistung sein«, sagte der Spieler von der TSV Hannover-Burgdorf. »Wir müssen einfach so weiterspielen, dann gehen die Dinger schon rein.«
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In Unterzahl geht es dahin: Als Grgić in der 35. Minute zum 13:13 ausgleichen konnte, hatten die Dänen über acht Minuten kein Tor erzielt. Die Hoffnung auf die Sensation war da, doch auf deutscher Seite folgten nun zu viele Zeitstrafen. Erst foulte Dahmke Gidsel im Gegenstoß (36. Minute), dann stellte Kohlbacher den Fuß ein Stück zu weit nach raus bei einem Versuch des dänischen Rechtsaußen (38.) und nur wenige Sekunden später wurde Grgić für ein Stoßen gegen Gidsel bestraft – zumindest die letzte Entscheidung war etwas hart. Doch die Gastgeber spürten sofort, was möglich war, und entschieden das Spiel mit einem Zwischenspurt bis zum 16:23 durch Pytlick (47.).
Der Routinier kommt spät: In der Schlussphase durfte Wolff doch noch zwischen die Pfosten, weil Späth in der zweiten Hälfte nach starkem Beginn mit drei Paraden im Anschluss nur noch wenig zu melden hatte. Das Spiel war schon entschieden, doch mit drei gehaltenen Würfen konnte sich der Kieler Torhüter noch für das entscheidende Spiel gegen Frankreich in die richtige Stimmung bringen.
Ausblick: Die deutsche Mannschaft ist in der Tabelle vorerst auf den zweiten Platz zurückgefallen, hat es aber weiterhin in der eigenen Hand, das Halbfinale zu erreichen. Gegen die Titelverteidiger aus Frankreich (Mittwoch, 18 Uhr; TV: ZDF) ist dafür ein Punktgewinn nötig.
