SpOn 31.01.2026
12:01 Uhr

Handball-EM: Deutsche Handballer erreichen das Finale nach starker Teamleistung


Mal schießen die Youngster die Netze kaputt, mal sichert der Torhüter den Sieg, und im Halbfinale gegen Kroatien überragte die Defensive: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft hatte bei ihrem Run bis ins Endspiel viele Schlüsselspieler.

Handball-EM: Deutsche Handballer erreichen das Finale nach starker Teamleistung

Justus Fischer schrie kurz auf. Der Kreisläufer der deutschen Handballer stand nach dem Finaleinzug in den Katakomben, als ihn jemand von hinten an der Kniekehle zwickte. Der Übeltäter war unter einer Werbebande aufgetaucht und schnell wieder verschwunden. Fischer schaute nach links und erkannte ein paar Meter weiter einen grinsenden Mann. Es war Co-Trainer Erik Wudtke.

Dabei ist Fischer eigentlich die Spaßkanone im deutschen Team, doch nach dem 31:28 der Deutschen gegen Kroatien war die fast schon zu viel besungene »hinten, vorne, rechts und links gute Laune« (ein Lied, das über die Stadionboxen gespielt wurde) allenthalben zu spüren.

Der bullige Kreisläufer Jannik Kohlbacher erdrückte jeden, der in die Kabine kam, fast schon mit seinen Umarmungen. Weiter unten warf der Sohn von Kapitän Johannes Golla mit einem Handball in Richtung Kopf von Rückraum Marko Grgic. Deutschlands Finaleinzug führte zu einem Quell kindlicher Freude – selbst bei mehrfachen Großvätern.

»Sie sind in diesem Turnier gewachsen«

Bundestrainer Alfreð Gíslason hatte mit einem breiten Grinsen jeden einzelnen seiner Spieler auf der Platte geherzt wie ein stolzes Familienoberhaupt, das seiner Rasselbande in der Aula nach dem Schulabgang gratulierte. Gíslason kennt die Tiefpunkte der Mannschaft, wie das selbst verschuldete WM-Aus 2025 oder die jüngste Vorrundenpleite gegen Serbien.

Nun aber hatte er einen Auftritt gegen die unangenehmen Kroaten gesehen, der so etwas wie eine bestandene Reifeprüfung dieser immer noch jungen, aber durch die Unmengen an Turnieren gestählten Mannschaft darstellte. Gíslason sagte: »Ich freue mich für die Spieler. Sie sind in diesem Turnier gewachsen, sind routinierter geworden. Abgezockter.«

Deutscher Bundestrainer Gíslason

Deutscher Bundestrainer Gíslason

Foto: Bo Amstrup / EPA

Fischer steht für diese Entwicklung. Der 22-Jährige gibt das Radio in dieser Mannschaft (zusammen mit David Späth), immer mit Späßen, lockeren Sprüchen und einer Portion Spitzbübigkeit unterwegs. »Es war ein Spiel, bei dem es von beiden Seiten viel auf den Sack gibt. Das haben wir alle gut gemacht«, sagte Fischer und grinste.

100 Prozent Wurfquote

Fischer war in seiner Jugend lange Judoka, sein Vater hat mal bei »Wer wird Millionär?« die Million abgeräumt. Fischer besitzt die Fähigkeiten zur Topklasse auf der Kreisläuferposition. Er kann vorn die Bälle aus der Nahdistanz verwerten. Er kann aber auch hinten in der Abwehr die Gegner stressen.

Das zeigte er gegen Kroatien: Zu Beginn des zweiten Durchgangs blieb Kroatien fünf Minuten ohne Treffer, weil Fischer und sein Kollege Matthes Langhoff dreimal hintereinander Würfe blockten. Der Gegner nahm entnervt eine Auszeit. In diesen Momenten konnten die Deutschen auch dank Fischers 100 Prozent Wurfquote (4/4) auf sechs Tore wegziehen und von dieser Führung bis zum Ende zehren, als die Kräfte schwanden.

Fischer, der Spaßmacher, hatte Ernst gemacht.

Bei der DHB-Auswahl herrscht in diesem Turnier Job-Splitting der Heldenrolle. Mal schossen die Youngster von der Bank die Netze kaputt, um die Spiele zu retten. Mal sicherte allein der Torhüter den Sieg, und nun eben die eingesprungenen Defensiven wie Langhoff und Fischer.

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Dabei war die exponierte Rolle für Fischer gar nicht vorgesehen. Er galt als Kreisläufer Nummer zwei (vielleicht sogar drei) hinter Kapitän Golla. Der Bundestrainer ließ diesen in den ersten Spielen fast durchweg auf der Platte. Nach der Niederlage gegen Serbien in der Vorrunde entschloss sich Golla selbst dazu, dem Bundestrainer zu sagen, dass die anderen mehr Spielzeit bekommen und er häufiger pausieren solle.

»Es ging von ihm aus nach dem Serbien-Spiel, dass er nicht durchspielen kann. Das haben wir mit dem Trainer besprochen und jetzt stimmen wir uns beide untereinander ab, ob einer Pause braucht oder nicht«, erklärte Fischer die doch erstaunliche Selbstlosigkeit des Kapitäns, der gegen Kroatien ebenfalls viermal traf.

Golla, Fischer, Langhoff und vielleicht Tom Kiesler (dem es nach seinem Magen-Darm-Infekt besser gehen soll) stehen nun vor der größten Herausforderung im EM-Finale. Am Sonntag (18 Uhr, TV: ZDF) warten die Dänen mit dem Welthandballer Mathias Gidsel. Vor zwei Jahren, im Olympia-Finale, wurden die Deutschen von dieser Übermacht überrollt.

»Wenn wir das schaffen, haben wir eine ganz gute Chance.«

Justus Fischer

Der Bundestrainer hatte monatelang mit der deftigen Niederlage zu tun gehabt, weil seine Mannschaft nach einer Viertelstunde abschenkte und sich mit Silber begnügte. So eine Einstellung gebe es jetzt nicht mehr, sagte Gíslason. Der Tenor der Deutschen lautete am Freitagabend in Herning: Wir sind weiter als vor zwei Jahren.

Fischer brachte es auf den Punkt: Man müsse Gidsel im Zaum halten. Er musste lachen und fügte an: »Und die ganzen anderen Weltklasseleute von denen auch.« Fischer blickt aber zuversichtlich auf das Endspiel: »Wenn wir das schaffen, haben wir eine ganz gute Chance.«