Deutschland trifft bei der Handball-EM am Montagabend (20.30 Uhr, TV: ARD, Stream: Dyn) auf Dänemark und könnte in diesem Hauptrundenduell vorzeitig das Halbfinale erreichen. Beide Mannschaften haben die besten Torhüter der Welt in ihren Reihen, Deutschland mit Andreas Wolff und die Dänen mit Emil Nielsen.
Was zeichnet sie aus? Und wer wird die Oberhand behalten?
Der SPIEGEL konnte mit beiden Torhütern vor dem Duell sprechen und hat dazu die Expertenmeinung von Torwart-Legende Carsten Lichtlein eingeholt. Er ist Rekordspieler der Bundesliga, wurde mit Deutschland zweimal Europameister und Weltmeister. Sein Neffe Nils spielt in der deutschen Auswahl.
Der Torwart mit der »Windmühle«
Andreas Wolff: 22 Paraden gegen Norwegen
Foto: Maximilian Koch / IMAGOAm Sonntag verriet Wolff mit einem Schmunzeln das Geheimnis hinter seinen famosen 22 Paraden gegen Norwegen . »Es liegt an der Arbeit der Trainer, am Videostudium – und am Morgen zuvor habe ich meinen Bankdrückrekord geschafft.«
160 Kilogramm sollen es gewesen sein, doch damit sei er nur der »Zweitstärkste im Zimmer« hinter seinem Kollegen Jannik Kohlbacher. Wolff zeichnet aber nicht nur Kraft aus, sondern eine besondere Athletik, gepaart mit Schnelligkeit. Der Torwart sagte, dass der DHB-Athletikcoach Simon Overkamp ihm ganz neue Trainingsarten aufgezeigt habe.
Mit seiner »Windmühle«, also dem hochgezogenen Bein neben dem Kopf, und den Reflexen knackte er die Norweger, deren Torwart seinerseits Wolff als »Gott« betitelte. Viel mehr Anerkennung geht nicht, auch wenn der Hochgepriesene selbst die Spitzenposition unter den Torhütern an seinen dänischen Widerpart weitergab. Zu Emil Nielsen sagte Wolff: »Er wird aufgrund seines Körpers gern mal unterschätzt, aber er ist der weltbeste Torwart. Er hat ein abgeklärtes und ruhiges Spiel.«
Das sagt die Statistik: Mit einem Schnitt von über 34,5 Prozent gehaltener Bälle ist Wolff allerdings der derzeit beste Torwart des Turniers, er bekam dabei mehr Würfe aufs Tor als Nielsen. Im bisher letzten Spiel gegen Norwegen hielt er nicht nur sehr viele, sondern auch sehr schwierige Bälle. Wolff war oft zur Stelle, wenn die Gegner frei abschließen konnten. Würfe von außen nimmt er reihenweise weg. Seine Schwachstelle, wenn man das denn überhaupt so nennen darf, liegt vom Schützen gesehen rechts unten (mit 15 Prozent gehaltenen Bällen). Bei den Siebenmetern parierte Wolff bisher jeden Fünften.
Das sagt Experte Lichtlein: »Die 22 Paraden waren schlichtweg überragend. Andy lebt von seiner Körperlichkeit, er bleibt lange stehen und betreibt ein offensives Stellungsspiel. Auf diese Art verkleinert er das Tor für den Schützen. Früher hat er sich noch oft von Emotionen herunterziehen lassen. Das Thema kannte ich auch. Doch mittlerweile bleibt er – trotz des Ärgers über die Abwehr – konzentriert. Er hat sich mental weiterentwickelt.«
Der Torhüter mit einer bewegten Jugend
Emil Nielsen: Gedächtnislücken, Orientierungsprobleme, explosives Erbrechen
Foto: Bo Amstrup / EPAVor zehn Jahren schien es undenkbar, dass er überhaupt wieder Handball spielen könnte. Nielsen erkrankte damals im Alter von 19 Jahren an einer Hirnhautentzündung. Der heute 28-Jährige klagte über Gedächtnislücken und Orientierungsprobleme; außerdem, so schreibt es Sport1, über explosives Erbrechen.
Den Großteil der darauffolgenden Monate soll Nielsen im Hausarrest bei völliger Dunkelheit verbracht haben. Dem SPIEGEL sagte Nielsen über die damalige Zeit: »Für mich war es eine lange Reise. Ich war acht oder neun Monate nicht beim Handball. Nach meiner Rückkehr ging ich erst eine Minute ins Fitnessstudio, dann bin ich direkt nach Hause und habe zwölf Stunden geschlafen. Am nächsten Tag waren es dann zwei Minuten Sport. So ging es weiter. Es war hart.« Seine Attitüde als Wettkämpfer habe ihm bei der Rückkehr geholfen.
Vor zwei Jahren bei der EM ging Nielsens Stern endgültig auf – ausgerechnet im Halbfinale gegen Deutschland. So mancher Gelegenheitszuschauer könnte Nielsen beim ersten Blick spöttisch als »pummelig« oder »bubenhaft« bezeichnen, doch mit diesem Eindruck haben sich schon viele getäuscht. Gerade wenn er nach dem Sieben-gegen-Sechs-Unterzahlspiel ohne Torhüter wieder zurück ins Tor muss, ist er flink auf den Beinen.
Das sagt die Statistik: Nielsen hielt im Schnitt 30,6 Prozent der Würfe, wie Wolff jeden Dritten von außen und jeden fünften Siebenmeter. Verwundbar ist Nielsen vom Schützen gesehen unten links (nur vier Paraden von 24 Würfen).
Das sagt Experte Lichtlein: »Vom Körperbau her gibt es keine Gemeinsamkeiten mit Andy, aber Nielsen ist genauso schnell und reaktionsstark. Seine mangelnde Reichweite in den Armen gleicht er durch Intuition aus. Er liest den Schützen gut und bleibt lange stehen. Dabei profitiert er auch von der dänischen Abwehr, die voll auf Kontakt geht und ihm Arbeit abnimmt. In diesem Punkt hat die deutsche Abwehr Andy zu oft hängen lassen.«
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Prognose
Mit einem Sieg wäre die DHB-Auswahl sicher im Halbfinale. Eine Niederlage würde jedoch nicht das Turnier-Aus bedeuten, denn dank ihrer bisherigen Punkteausbeute von 6:0 hätten die Deutschen im letzten Hauptrundenspiel am Mittwoch noch einen zweiten Matchball für das Halbfinale. Der Gegner ist dann Frankreich (18 Uhr, TV: ZDF, Stream: Dyn).
Wie so oft dürfte das Torhüterduell für den Ausgang der Partie gegen Dänemark mitentscheidend sein. Allerdings ist der Vergleich in einem Punkt unfair, weil Dänemark die weit bessere Offensive stellt. Experte Lichtlein sagt deswegen: »Andys wahnsinnige Leistung gegen Norwegen wird gegen Dänemark schwierig zu wiederholen sein. Die Abwehr muss Andy von Beginn an helfen, damit er durch leichtere Würfe ins Spiel kommen kann.«
Doch wie sollte das gegen die Weltklasse im Rückraum der Dänen funktionieren? »Du musst Mathias Gidsel weiter vorn annehmen und das Tempo verschleppen. Denn die Dänen rennen pausenlos. Wenn wir uns auf diesen Wettkampf einlassen, ziehen wir den Kürzeren«, warnt Lichtlein. Gidsel ist der wohl beste Spieler der Welt und koordiniert das Angriffsspiel der Dänen. Mehr über ihn erfahren Sie hier.
Am Montagabend muss eben nicht nur Wolff über sich hinauswachsen, sondern die komplette Defensive. Bei den letzten beiden Partien kassierten die Deutschen gegen die Dänen 39 und 40 Tore. Auch mit Wolff.

