Den Trainern der alten Sowjetunion haftete oft etwas Mythisches an: ihre Unnahbarkeit, das Geheimnisvolle, ebenso sehr Sphinx wie Trainer. Man denke an den legendären Eishockey-Befehlshaber Viktor Tichonow oder an den erratischen Coach von Fußball-Champion Dinamo Kiew, Valeri Lobanowski. Und das galt auch und sehr besonders für den Generalissimus des sowjetischen Handballs, Anatoli Jewtuschenko.
Im Alter von 91 Jahren ist Jewtuschenko am Dienstag gestorben. Er kam aus einer anderen Zeit des Leistungssports, aus einer Zeit, in der man sich den Medien noch weitgehend verweigern konnte. Jewtuschenko sprach zu seiner Glanzzeit fast nie mit den Reportern, seine Pressekonferenzen waren schnell beendet, das Klischee des großen Schweigers und Trainer-Schleifers, der seine Spieler zusammenfaltete, wenn sie nicht in seinem Sinne spurten.
Ein Handball-Besessener
Jewtuschenko war aber noch viel mehr ein Perfektionist, ein Handball-Besessener. So richtig zufrieden war er selten mit seinen Teams, irgendetwas gab es immer zu verbessern. Sport war für ihn eine Wissenschaft, lange Zeit, bevor die Heere von Datenanalysten und Statistikfreaks die Branche überschwemmten.
Jewtuschenko bei der WM 1974
Foto: Werner Schulze / IMAGOAuf diese Weise formte er Weltklasse, zunächst im Klub bei MAI Moskau, mit denen er sechsmal den sowjetischen Meistertitel holte und 1973 auch den Europapokal der Landesmeister gewann. Danach war er reif für höchste Aufgaben, und das bedeutete: die sowjetische Nationalmannschaft.
Zweimal wurde er mit dem Team Olympiasieger, 1976 in Montreal und zwölf Jahre später in Seoul. Er feierte den WM-Titel 1982 bei den Titelkämpfen in Deutschland.
Und doch ist der Name Anatoli Jewtuschenko zumindest in Deutschland mit zwei großen Niederlagen verbunden.
Heimniederlage bei Olympia
Bei den Olympischen Spielen in Moskau unterlag das Team trotz des Heimvorteils der DDR-Auswahl 22:23 nach Verlängerung. Der DDR-Trainerfuchs Paul Tiedemann hatte seine Mannschaft um Torwart-Ikone Wieland Schmidt, Frank Wahl, Günther Dreibrodt und Peter Rost perfekt eingestellt. In der Schlusssekunde der Verlängerung lenkte Keeper Schmidt einen Wurf von Alexander Karschakewitsch an die Latte, der Ball sprang aus dem Tor heraus, und der Gold-Traum vor eigenem Publikum war geplatzt.
Beim Finale gegen die westdeutsche Auswahl 1978
Foto: Sven Simon / IMAGODie DDR war zu jener Zeit eine Handball-Macht, insofern war der Olympiasieg der Auswahl keine Sensation. Anders war es zwei Jahre zuvor gewesen, als das westdeutsche Handballteam ins WM-Finale von Kopenhagen als Gegner der Sowjets vorgestoßen war. Jewtuschenkos Mannschaft war der haushohe Favorit, gespickt mit den damaligen Superstars der Zeit: Alexander Anpilogow, Jewgeni Tschernitschow, Alexej Schuk, Wladimir Krawzow, Sergej Kuzhnirjuk.
Das Wunder von Bröndby
Und dann geschah das Wunder von Bröndby. Die deutsche Mannschaft von Trainer Vlado Stenzel wuchs über sich hinaus. Torwart Manfred Hofmann, Kapitän Horst Spengler, Abwehrboss Heiner Brand, die Offensivspieler Kurt Klühspies, Jo Deckarm, Arno Ehret, Erhard »Sepp« Wunderlich – alles heutzutage Legenden. Und über und neben allen Jimmy Waltke, der, von Stenzel in der zweiten Halbzeit als Joker gebracht, drei Tore am Stück warf und maßgeblich dazu beitrug, dass Deutschland am Ende 20:19 gewonnen hatte. Das Spiel seines Lebens.
Vlado Stenzel und sein DHB-Team feiern den WM-Titel 1978
Foto: Sven Simon / IMAGOEin Handball-Mirakel, das Erweckungserlebnis des westdeutschen Hallenhandballs, und Vlado Stenzel bekam noch in der Halle eine Krone aufgesetzt.
Es ist schwer zu sagen, welche beider Niederlagen mehr schmerzten, Jewtuschenko hat darüber später nicht geredet, natürlich nicht. Nach der politischen Wende im Osten versuchte er sich als Trainer in dem Land, das ihm diese Finalniederlagen beibrachte. Aber als Coach des TSV Milbertshofen wurde er nicht glücklich. Das System Jewtuschenko, es funktionierte außerhalb der Sowjetunion nicht mehr.
Auch in Kuwait war er tätig, zuletzt in Österreich, wo er die Frauen der Fivers Margareten als Trainer und Sportdirektor betreute. Noch heute sprechen sie in dem Klub mit Hochachtung davon, dass Jewtuschenko ein Ausbildungssystem kreiert hat, von dem das Team über Jahre profitierte. Von wegen der Schleifer Jewtuschenko. Stattdessen der Pädagoge Jewtuschenko. Er konnte auch anders.
