83 Minuten waren vorbei, sieben Minuten regulär plus neun Minuten Nachspielzeit standen noch bevor, doch der Ball rollte nicht im Spiel des Hamburger SV gegen den FC Bayern München, er konnte nicht rollen. Gleich drei Profis lagen danieder, sie alle trugen HSV-Trikots.
Etwa Sambi Lokonga. Der Mittelfeldspieler war gerannt wie ein Langstreckenläufer, er jagte Gegenspielern und den Pässen seiner Teamkollegen hinterher, aber nun ließ ihn sein Körper im Stich. Mit von sich gespreizten Beinen lag Lokonga auf dem Rasen, der 26-Jährige sah aus, als könnte er nie wieder aufstehen.
Der HSV verausgabte sich, aber er kam ins Ziel. Der Aufsteiger errang ein Remis gegen den FC Bayern, 2:2 hieß es nach 90 Minuten, die in Wahrheit weit über 100 gewesen waren. In der ersten Hälfte wurden sechs Minuten Nachspielzeit angekündigt, in der zweiten Hälfte weitere neun.
Auch deshalb fühlte sich dieses Unentschieden an wie ein gewonnener Boxkampf über zwölf Runden.
Als das Spiel vorbei war, sprang die Hamburger Bank im Gleichklang auf und jubelte wie nach einem Sieg im Spitzenspiel. »HSV zwei! Bayern zwei!« rief der Stadionsprecher stolz. Die Nordtribüne hüpfte und sang und noch lauter als während des Spiels. »Hier regiert der HSV«, skandierten die Fans.
0:5, 0:6, 0:8, 0:5, 0:8
Erstmals seit September 2014 errang der Klub einen Punkt gegen die Bayern. Dazwischen lagen fiese Niederlagen, zweimal unterlagen die Hamburger 0:8, einmal 0:6, zweimal 0:5. Dazwischen lagen vor allem auch viele Jahre der Hamburger Zweitklassigkeit. Acht Jahre lang waren die Münchner nicht mehr ins Volksparkstadion gereist, dabei war der HSV den Bayern einst der größte nationale Rivale.
Die Rückkehr allein war das Symbol dafür, dass der HSV zurück ist aus der sportlichen Bedeutungslosigkeit. Dass die Bayern nicht gewinnen konnten, ließ alle beim HSV einige Zentimeter größer erscheinen.
Luka Vušković im Duell mit Harry Kane
Foto: Justus Stegemann / EPA»Ein magischer Abend hier im Volksparkstadion«, sagte Trainer Merlin Polzin. »Wir genießen den Moment, weil es schön ist nach vielen Jahren, in denen das Volksparkstadion kein Duell gegen die Bayern erlebt hat.«
Dieses Spiel hat der Bundesliga gefehlt.
Das gilt zumindest ein bisschen auch für die Tabelle; denn immerhin besteht die Chance, dass Borussia Dortmund mit einem Sieg am frühen Abend über Heidenheim den Vorsprung der Bayern auf sechs Punkte verkürzt. Ernsthaft spannend dürfte der Titelkampf aber nicht werden. Es ist nicht davon auszugehen, dass viele andere Bundesligateams den Münchnern Punkte abknöpfen. Weil sie nicht wie der HSV mit einem riesigen, emotionalen Stadion im Rücken spielen können.
Und weil es den wenigsten Teams gelingt, die Bayern aus der Fassung zu bringen.
»Mut gehört dazu, um gegen uns was zu holen«
Zu Spielbeginn setze der HSV den Ton, in den ersten acht Minuten gab die Mannschaft vier Torschüsse ab, das ist mehr, als anderen Teams gegen den FC Bayern in 90 Minuten gelingt. »Mut gehört dazu, um gegen uns was zu holen«, sagte Münchens Manuel Neuer später am Abend. »Der Mut wurde auch belohnt.«
Zu diesem Mut, eigene Angriffe auszuspielen, kam die Strategie, den Spielfluss der Bayern zu unterbrechen: durch Fouls, durch Diskussionen, durch Zeitspiel.
Und so schaffte der HSV, was nicht vielen gelingt: Die Bayern wirkten angespannt wie selten in der Bundesliga.
Lange sah man die Bank des Rekordmeisters nicht in dieser Komplettheit aufspringen, weil sie einen Elfmeter fordert. Auch Trainer Vincent Kompany wirkte unruhiger als üblich, er haderte mit etlichen Schiedsrichterentscheidungen und den vielen vom HSV provozierten Unterbrechungen. »Ich hatte Emotionen im Spiel, das stimmt«, sagte der Belgier, der einst selbst in Hamburg gespielt hatte, hinterher bei Sky. »Es hätten wahrscheinlich 20 oder 25 Minuten sein können«, sagte er bei Sky über die Nachspielzeit. Und Sportchef Max Eberl sagte, dass Schiedsrichter Harm Osmers »auf sehr viele Fallen des HSV hereingefallen« sei.
»Das ist ein verdammt komplizierter Wettbewerb«
Der lag tatsächlich manches Mal daneben in seiner Bewertung von Zweikämpfen, das Spiel entschied er allerdings nicht. Er ließ sich womöglich ebenso beeindrucken von diesem Flutlicht-Spiel und diesem Stadion wie der FC Bayern.
Beeindruckende Fußballspiele gab es in dieser Bundesligasaison zu wenige. Gewiss gilt das auch für Spiele, in denen die Bayern beeindruckt waren. »Wir sagen nicht, dass wir alles an die Wand spielen. Das ist ein verdammt komplizierter Wettbewerb«, befand Max Eberl. »Das war ein gutes Spiel für die Bundesliga«, sagte Trainer Kompany.
Am Tag vor dem Spiel in Hamburg sprach der Coach über seine Zeit beim HSV, wo er von 2006 bis 2008 spielte. Als er sich daran erinnerte, begann er zu schwelgen. »Wir hatten schon eine geile Mannschaft«, sagte er und lächelte. Dann zählte er seine damaligen Mitspieler auf. Jérôme Boateng. Rafael Van der Vaart. Nigel De Jong. Paolo Guerrero. Guy Demel. Timothée Atouba. Frank Rost. Viel Klasse, viel Charakter.
Die Gesichter des HSV waren am Samstagabend andere. Verteidiger Luka Vušković, der mit 18 Jahren in jeden Zweikampf mit Harry Kane ging, als wäre auch der ein Teenager, und der das 2:2 nicht nach einem Standard erzielte, sondern aus dem Spiel heraus, er war einfach so nach vorne marschiert. Nicolai Remberg, den sie beim HSV »Rambo« rufen und der so spielte, wie man sich das anhand dieses Spitznamens vorstellt. Oder der sich verausgabende Sambi Lokonga.
Der HSV im Jahr 2026 ist längst nicht mit der Klasse von einst gesegnet. Aber Charakter hat er.
