Zehn Jahre nach Griechenlands Finanzkrise zeichnet Ex-Ministerpräsident Alexis Tsipras ein schonungsloses Bild seines damaligen Finanzministers Yanis Varoufakis. In seinen nun erschienenen Memoiren »Ithaki« wirft der frühere Syriza-Chef dem Wirtschaftswissenschaftler vor, er habe am Höhepunkt der Schuldenkrise 2015 weniger den Kampf um Griechenlands Rettung geführt. Stattdessen habe er seine eigenen Theorien erprobt und dabei Verbündete wie Kollegen vor den Kopf gestoßen. Darüber berichtet der britische »Guardian« .
Tsipras schreibt, er habe Varoufakis wegen dessen internationaler Reputation und rhetorischer Schlagkraft bewusst ausgewählt, um Härte in den Verhandlungen mit der Eurozone zu signalisieren. »In Wahrheit war er mehr Celebrity und weniger Ökonom«, heißt es. Aus Varoufakis sei rasch ein »negativer Protagonist« geworden, den weder potenzielle Partner noch die eigene Mannschaft ertragen konnten. Varoufakis habe eine persönliche Agenda verfolgt – bis hin zur Förderung eigener Buchprojekte.
Im Zentrum von Tsipras Kritik steht die erste Jahreshälfte 2015 und Athens Ringen mit der Eurozone um drastische Sparmaßnahmen. Varoufakis habe die Gespräche als »Experiment« verstanden – als historische Gelegenheit, die Richtigkeit seiner ökonomischen Modelle zu beweisen, schreibt Tsipras.
Schärfste Kritik übt Tsipras an einem von Varoufakis skizzierten Notfallplan: Parallelwährung, Gutscheine für Rentner, Druckmittel gegen die Gläubiger – an diesem Punkt, so der Autor, sei ihm klar geworden, »dass das Spiel aus ist«. Varoufakis sei »ungeeignet« gewesen für eine Einigung, die »komplexes und feinfühliges Vorgehen« erfordert habe. Sein Auftreten habe Griechenlands Isolation vertieft und jenen Auftrieb gegeben, die auf einen EU-Austritt drängten, allen voran der ehemalige Bundesfinanzminister im Kabinett Merkel, Wolfgang Schäuble (CDU).
Obwohl beim Referendum vom Juli 2015 eine deutliche Mehrheit gegen die von der Eurozone verlangten Sparmaßnahmen stimmte, sah sich Tsipras nach eigenen Worten gezwungen, das Votum faktisch zu übergehen und einen neuen, noch härteren Hilfskredit zu akzeptieren. Varoufakis trat kurz nach der Abstimmung zurück. Öffentlich hielten beide Politiker den Ton lange freundlich.
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In Athen sorgt das Buch des früheren Regierungschefs bereits für Wellen – Tsipras deute eine politische Rückkehr an, schreibt der »Guardian« weiter.
Wie »Politico« berichtet, sagte Varoufakis im Interview mit einem staatlichen Sender, er habe das Buch nicht gelesen, werde aber »lieber auf den Kinostart des Films warten«. Tsipras sei die größte Errungenschaft der Gläubiger: »Er hat ihnen alles gegeben, und sie haben ihn bestraft«, sagte der Ökonom. Varoufakis fügte hinzu, dass das Buch seiner Meinung nach ein Versuch des ehemaligen Ministerpräsidenten sei, seine Schuld als Naivität darzustellen, um seine damaligen Entscheidungen zu rechtfertigen.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Texts wurde Wolfgang Schäuble als Wirtschaftsminister bezeichnet. Tatsächlich war er im Kabinett von Angela Merkel Bundesfinanzminister. Wir haben den Fehler korrigiert.
