Als FK Bodø/Glimt am Dienstagabend im legendären Giuseppe-Meazza-Stadion Inter Mailand aus der Champions League geworfen hatte, musste man sich die Gegensätze noch einmal vor Augen führen. Ein Verein aus einer kleiner norwegischen Stadt bezwingt den Vorjahresfinalisten und steht im Achtelfinale. In Zahlen ausgedrückt: 60 Millionen Euro Marktwert schlagen 670 Millionen Euro Marktwert.
Ein Märchen. Wie ist das möglich?
In der Kolumne »Haltungsnote« würdigen oder kritisieren wir jede Woche besondere Auftritte in der Sportwelt.
Trainer Kjetil Knutsen, 57 Jahre alt, seit 2017 beim Club, antwortete wie jemand, dem das Rampenlicht fast unangenehm ist. »Ich kann es kaum glauben«, sagte er. Und dann dieser fast demütige Satz: »Wenn wir das schaffen, können es auch andere.«
Knutsens größter Taktikkniff war womöglich seine eigene Beharrlichkeit. In einer Zeit, in der manche Trainer schon nach einer guten Saison dem Ruf des Geldes folgen, blieb er in Bodø, 50.000 Einwohner, nördlich des Polarkreises gelegen. Dunkelheit im Winter, ein Club mit bescheidenen Mitteln. Man muss Fantasie haben, um hier Großes zu sehen. Knutsen hatte sie.
Torjäger Hauge: Spielte mal bei Milan und in Frankfurt, fand erst in Bodø seine ganze Stärke
Foto: IPA Sport / ABACAPRESS / IMAGOIm Vorjahr führte er sein Team als erste norwegische Mannschaft überhaupt ins Halbfinale der Europa League. Nun steht Bodø/Glimt unter den besten 16 Teams der Champions League. Vor den jüngsten zwei Erfolgen über Inter hatte es Atlético Madrid und Manchester City besiegt.
Vielleicht half bei diesem Triumphzug, dass die norwegische Erstligasaison im November endete, so blieb Zeit, jeden Gegner zu sezieren. »Wir arbeiten jeden Tag sehr hart«, sagte Knutsen. Kein Pathos, keine Pose. Nur die Haltung eines Mannes, der beweist: Erfolg ist kein Zufall, wenn man sich am richtigen Ort befindet und das zu schätzen weiß.
Knutsen und Hauge, in Bodø am richtigen Ort
Die Vorstellung, dass Trainer oder Fußballer nur an einem bestimmten Ort ihr Glück finden und Erfolg haben: Manchmal bestätigt sie sich. Bodø ist gerade das beste Beispiel dafür.
Angreifer Jens Petter Hauge hat in den Play-offs gegen Inter Mailand gleich zweimal getroffen, auch zum wichtigen 1:0 im Rückspiel. Sechs Champions-League-Saison-Tore sind es insgesamt, dazu eine Vorlage, das sind bemerkenswerte Zahlen.
Und: Wer hätte dem Linksaußen das noch zugetraut? Wahrscheinlich nur einer: Trainer Kjetil Knutsen. Der kennt den heute 26 Jahre alten Hauge, seit dieser in Bodø ausgebildet wurde. Doch ab 2020 suchte Hauge sein Glück woanders, er ging zur AC Mailand, danach zu Eintracht Frankfurt, zu KAA Gent nach Belgien – eine kleine Europareise, die von Verein zu Verein etwas glückloser wurde.
Im Januar 2025 kehrte das einstige Versprechen endgültig nach Bodø zurück. Und plötzlich passt wieder alles: der Trainer, der Ort, das Glück.
Bodø: Die Heimstätte des Märchenerzählers
Foto:Mats Torbergsen / EPA
Trotzdem ist es möglich, dass man nach einer so erfolgreichen Saison wie der aktuellen im kommenden Sommer den Lockrufen aus dem Ausland von Clubs mit mehr Budget nicht widerstehen kann.
Diese Angebote könnten auch Trainer Knutsen erreichen, zuletzt soll bereits Eintracht Frankfurt um ihn geworben haben. Doch würden die Anfragen Aussicht auf Erfolg haben?
Vor wenigen Wochen hat Knutsen seinen Vertrag bis 2029 verlängert.

