Polarlichtblicke: Eigentlich sollte der FK Bodø/Glimt, erstmals überhaupt im Wettbewerb dabei, nichts in der K.o.-Phase der Champions League zu suchen haben. Doch die Nonames aus dem hohen Norden überrumpelten im Schlussspurt der Vorrunde erst Premier-League-Krösus Manchester City, dann Spaniens dritte Kraft Atlético Madrid. Als 23. von 24 Teams, die im Wettbewerb verblieben, empfing Bodø/Glimt nun Italiens Tabellenführer Inter Mailand – und spielte den Vorjahresfinalisten der Königsklasse phasenweise her.
Eine Hackenvorlage des überragenden Kasper Høgh vor Sondre Fets Führungstor (20. Minute), ein satter Schuss unter die Latte von Jens Petter Hauge (61.), das sofortige Nachlegen durch Høgh (64.): Rein sportlich wies nichts darauf hin, dass es sich bei Bodø um einen Außenseiter mit Mini-Budget handelte. Für Inter traf nur Francesco Pio Esposito (30.). Im Rückspiel in Mailand (Dienstag, 21 Uhr) könnte das Team von Trainer Kjetil Knudsen sich gar eine knappe Niederlage erlauben. Der Polarexpress hält Kurs aufs Achtelfinale.
Die Ergebnisse: Die 43.500-Einwohner-Stadt am Polarkreis feierte also ein 3:1 (1:1) über Inter Mailand. Noch deutlicher machte es Newcastle United, das dem Qarabağ FK in Aserbaidschan beim 6:1 (5:0) schon zur Pause jede Hoffnung aufs Weiterkommen genommen hatte. Bundesligist Bayer Leverkusen besiegte Olympiakos Piräus in Griechenland 2:0 (0:0), Atlético rettete ein 3:3 (2:0) beim FC Brügge.
Pro Kopf die beste Sportnation: 5,5 Millionen Einwohner zählt Norwegen. Die skandinavische Sportnation bevölkern damit weniger Menschen als das Bundesland Hessen. Trotzdem dominiert Norwegen derzeit nicht nur den Medaillenspiegel bei den Olympischen Winterspielen, sondern gilt auch als Geheimfavorit für die Fußball-WM im Sommer. Ein Grund dafür liegt in der (gut durchfinanzierten) Sportförderung: Die hat in Norwegen einen besonderen gesellschaftlichen Stellenwert. Eine wirkliche Elite wird in der Jugend nicht vor dem 13. Lebensjahr herausgefiltert, Spaß und Teilhabe stehen im Vordergrund. Frei nach dem Motto: Ist jeder sportbegeistert, werden die herausragenden Talente schon irgendwann durchbrechen. Könnte man sich auch mal in Deutschland merken.
Ergebnis zurecht Rücken: Schon wieder Piräus. Schon in der Vorrunde war Leverkusen nach Griechenland gereist, hatte das Spiel dominiert und war mit 0:2 Toren und ohne Punkte wieder heimgereist. Dieses Mal schien sich eine Wiederholung des Desasters schon abzuzeichnen: Ein Kopfball von Ayoub El Kaabi rutschte kurz vor dem Pausenpfiff ins Tor (45.+2). Aber Bayer hatte Glück: Weil Mehdi Taremi im Abseits nicht nur durchs Bild gehuscht, sondern mit dem Rücken sogar am Ball war, hatte der Treffer richtigerweise keinen Bestand.
Abschlussparty: So konnte Leverkusens Patrik Schick nach dem Seitenwechsel sein unfassbares Talent in genau einer Spielsituation ausspielen: Der Tscheche ist schlicht ein begnadeter Abschlussspieler, europaweit sind wenige vor dem Tor so eiskalt wie er. Um das zu beweisen, reichten dieses Mal nur drei Minuten: Mit dem linken Fuß streichelte Schick erst ein Zuspiel von Ernest Poku, um es sich ideal vorzulegen, dann schlenzte der Mittelstürmer den Ball mit dem nächsten Kontakt ins Tor (60.). Kurz darauf flog eine Ecke Alejandro Grimaldos in den Strafraum, Schick hielt den Kopf hin (63.).
Augen auf, DFB: Das 3:3-Schützenfest zwischen Brügge und Atlético war nicht nur eine Spaßpartie für das neutrale Auge, sondern auch ein Spiel, das man beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) eng verfolgt haben sollte. Denn: In Belgien spielt inzwischen Nicolò Tresoldi. Der Deutsch-Italiener trug in der U21 den Bundesadler, doch seit einiger Zeit ranken sich die Gerüchte darum, dass die Squadra Azzurra den Nachwuchsknipser abwerben könnte. Warum er so begehrt ist, bewies Tresoldi gegen Spaniens zweiten Hauptstadtclub: Nach einem Tresoldi-Kopfball staubte Raphael Onyedika zum zwischenzeitlichen Anschluss ab (51.), den zwischenzeitlichen Ausgleich stocherte Tresoldi aus fünf Metern selbst über die Linie (60.). Irgendwo zwischen Pippo Inzaghi und Miroslav Klose mittelstürmert sich Tresoldi in den Fokus, es war bereits sein dritter Champions-League-Treffer.
Nicolò Tresoldi ist auch auf Königsklassenniveau eiskalt vor dem Tor
Foto: Nicolas Tucat / AFPIst er es wert? Im Sommer war Max Eberl der Kragen geplatzt. »Ist Nick Woltemade 80 Millionen wert?«, fragte der Bayern-Sportvorstand im Rahmen der Klub-WM Ende Juni einen Reporter. »Ist er es wert?« Die Münchner hatten die Frage für sich mit einem Nein beantwortet, stattdessen griff Newcastle United für bis zu 90 Millionen Euro zu. In Newcastle steckt Woltemade seit Monaten in einer Schaffenskrise, verlor im Sturm zuletzt gar seinen Stammplatz und fand sich als Abgangskandidat in den Schlagzeilen wieder. Inzwischen hat Trainer Eddie Howe ein neues Einsatzgebiet für den 1,98-Meter-Mann aufgetan: Im offensiven Mittelfeld soll Woltemade stärker in den Spielaufbau eingebunden werden.
Nick Woltemade sucht noch nach seinem Platz im Spiel von Newcastle United
Foto: Aziz Karimov / REUTERSAuf dem Weg zur Klublegende: Vorn im Angriff lief beim Gastspiel in Baku gegen Qarabağ FK stattdessen Anthony Gordon auf. Zu Saisonbeginn hatte man gedacht, der pfeilschnelle Flügelstürmer würde Woltemade mit Flanken füttern. Inzwischen haben Zuarbeiter und Vollstrecker die Rollen getauscht. Schon vor der Pause traf Gordon viermal (3., 32./Handelfmeter, 33., 45.+1/Foulelfmeter), lief den Abwehrspielern des aserbaidschanischen Außenseiters Mal um Mal davon. Gordons Champions-League-Treffer sieben bis zehn katapultierten den 24-Jährigen in der internen Königsklassen-Allzeitrangliste am großen (und zuvor torgleichen) Alan Shearer vorbei.
Verteidigung ist der beste Angriff: Randnotiz: Auch DFB-Verteidiger Malick Thiaw trug sich in die Torschützenliste ein (8.), für ihn war es bereits der fünfte Saisontreffer. Torgefahr allein dürfte ihn nicht an der DFB internen Konkurrenz um Nico Schlotterbeck und Jonathan Tah vorbeihieven, zumindest aber hat Bundestrainer Julian Nagelsmann in der Innenverteidigung kein grundlegendes Problem mit der Kadertiefe.
