Die Menge des Cannabiskonsums wirkt sich auf das Risiko aus, eine Cannabiskonsumstörung zu entwickeln. Zu diesem Ergebnis kommen Forschende aus Großbritannien in einer Studie, die im Fachjournal »Addiction« erschienen ist. Das Team schlägt daher Schwellenwerte vor, die sich am THC-Gehalt orientieren, um Menschen die Einschätzung der Gesundheitsrisiken zu erleichtern.
Solche Richtlinien könnten helfen, das Risiko für folgenreiche Cannabiskonsumstörungen zu verringern, schreibt das Team um Rachel Lees Thorne und Tom Freeman von der englischen University of Bath. THC (Tetrahydrocannabinol) ist verantwortlich für die berauschende Wirkung und für Nebenwirkungen wie Konzentrationsstörungen, Ängste und Halluzinationen.
Langfristig erhöht Cannabiskonsum vorrangig bei frühem, häufigem, hoch dosiertem Konsum und familiärer Vorbelastung das Risiko unter anderem für Psychosen und Schizophrenie, Depressionen und Angststörungen sowie für anhaltende Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen.
Lees Thorne, Forscherin
»Der einzig wirklich sichere Umgang mit Cannabis ist der Verzicht darauf«, sagt Lees Thorne. Schwellenwerte könnten es aber jenen Menschen erleichtern, die nicht aufhören wollten oder könnten, das Risiko von Schäden zu verringern. »Beispielsweise könnte sich eine Person dafür entscheiden, Produkte mit niedrigerem THC-Gehalt zu konsumieren oder die Menge des konsumierten Cannabis zu reduzieren.«
Eher auf THC-Menge achten als nur auf Konsum-Häufigkeit
»Schwellenwerte sind grundsätzlich sehr nützlich, um Gesundheitsrisiken zu kommunizieren«, sagt Jakob Manthey vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), der nicht an der Studie beteiligt war. Das sei aus den Bereichen Ernährung und Alkoholkonsum bekannt. Es bestehe jedoch auch die Gefahr, »dass ein Konsum unterhalb des Schwellenwertes als harmlos oder gar gesundheitsfördernd interpretiert wird«, so Manthey weiter.
Bei Cannabis solle eher auf die konsumierte THC-Menge als ausschließlich auf die Häufigkeit des Konsums geachtet werden, berichten die Studienautoren um Lees Thorne. Als standardisiertes Maß verwenden sie eine THC-Einheit, die fünf Milligramm THC entspricht. Im Fachjournal »Addiction« schlagen sie vor, dass Erwachsene acht THC-Einheiten pro Woche nicht überschreiten, also nicht mehr als 40 Milligramm THC konsumieren sollten.
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»Diese vorläufigen Ergebnisse könnten in die Entwicklung von Richtlinien für einen risikoarmen Cannabiskonsum hinsichtlich der konsumierten Menge einfließen«, heißt es weiter. Beispielhaft errechnen sie, dass ein durchschnittlicher Joint mit 0,45 Gramm Cannabisblüten oder Haschisch bei einem THC-Gehalt von etwa 3,5 bis 14,2 Prozent 3,8 bis 12,8 THC-Einheiten entspricht. Schon mit einem Joint kann der Richtwert also überschritten sein.
Für Jugendliche gibt es keine sichere Konsummenge
Für 16 bis 17 Jahre alte Jugendliche nennen die Forscher einen Grenzwert von maximal etwa sechs THC-Einheiten wöchentlich, also maximal 30 Milligramm THC. Allerdings bestätigten die Daten auch, dass Menschen, die im Jugendalter häufig Cannabis konsumieren, ein merklich höheres Risiko für eine Cannabiskonsumstörung haben als Nutzer, die erst im Erwachsenenalter häufig Cannabis konsumieren. Das untermauere die Botschaft, dass es für Jugendliche keine sichere Konsummenge gibt.
Die Studie stützt sich auf Daten aus der »CannTeen«-Studie der Universität Bath: Darin wurden 150 jugendliche (16 bis 17 Jahre) und erwachsene (26 bis 29 Jahre) Cannabiskonsumenten über ein Jahr hinweg beobachtet, der Schweregrad ihrer Cannabiskonsumstörung (englisch Cannabis Use Disorder, CUD) bewertet und ihre wöchentliche THC-Aufnahme geschätzt. Demnach steigt bei Erwachsenen bei mehr als acht THC-Einheiten pro Woche das Risiko für eine Cannabiskonsumstörung deutlich.
Studie mit deutlichen Schwächen
In der »CannTeen«-Stichprobe hatten etwa 80 Prozent der Menschen, die weniger als acht THC-Einheiten konsumierten, keine Cannabiskonsumstörung – bei denen, die mehr als diese Menge konsumierten, waren es nur rund 30 Prozent. Einschränkend geben die Forschenden unter anderem zu bedenken, dass die Daten noch über größere, repräsentativere Stichproben von Cannabiskonsumenten bestätigt werden müssten.
Dem Team um Lees Thorne zufolge entwickelten mehr als ein Fünftel der Menschen, die regelmäßig Cannabis konsumieren (22 Prozent), eine Konsumstörung. Kennzeichnend dafür ist ein problematischer Cannabiskonsum trotz bereits vorhandener negativer körperlicher, psychischer oder sozialer Folgen. Dazu zählen Beeinträchtigungen von Arbeit oder Schule, der Familie oder anderen Beziehungen. Typisch sind bei dieser psychischen Störung zudem Entzugssymptome wie Reizbarkeit, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Angst oder Depression.
Der THC-Gehalt von Cannabis steigt seit Jahrzehnten, das Rauchen von Joints in früheren Zeiten sei darum nicht mehr mit dem heutigen Konsum zu vergleichen, betonen Experten immer wieder.
Robert Gabrys vom Canadian Centre on Substance Use and Addiction (CCSA) hält die Entwicklung von Schwellenwerten für sehr sinnvoll. »Die Legalisierung von Cannabis in Kanada hat zu einer viel größeren Produktvielfalt auf dem Markt geführt«, erklärt er. »Dadurch haben viele Menschen Schwierigkeiten, die Produktetiketten zu verstehen und ihre Cannabisprodukte sicher zu dosieren.« Eine Standard-THC-Einheit könne helfen, Gesundheitsrisiken vorherzusagen und zu kommunizieren.
Einfluss auf die subjektive Wirkung hat auch die Konsumform
UKE-Forscher Manthey zweifelt jedoch daran, dass THC-Einheiten sich in der Allgemeinbevölkerung umfassend etablieren würden. Als ein Hemmnis sieht er, dass Konsumentinnen und Konsumenten häufig keine zuverlässige Möglichkeit haben, den THC-Gehalt zu kennen. Er sei zwar bei Cannabis aus Apotheken und Anbauvereinigungen bekannt, bei Eigenanbau oder illegalen Quellen aber kaum. »Dabei ist Eigenanbau eine relevante Bezugsquelle, vor allem durch die Weitergabe an Bekannte.«
Jakob Manthey, Suchtforscher
Für die Verkehrssicherheit seien die vorgeschlagenen Schwellenwerte zudem nicht geeignet, sagte Manthey. Auch bei einer geringen Konsummenge könne die Fahrtüchtigkeit eingeschränkt sein, akute Zustände wie Angst oder psychotische Symptome seien dann ebenfalls schon möglich.
Einfluss auf die subjektive Wirkung habe unter anderem die Konsumform: »Im Vergleich zur Inhalation wirkt die gleiche Menge THC beispielsweise in Form einer cannabishaltigen Backware sehr viel stärker, wenn sie oral eingenommen wird«, sagt Manthey.
Steigender Cannabiskonsum in Deutschland
In Deutschland war Cannabis im April 2024 teilweise legalisiert worden. Konsum und Anbau sind für Volljährige – mit Beschränkungen – zugelassen.
Wie das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) im September berichtete, ist der Cannabiskonsum unter jungen Erwachsenen in den vergangenen Jahren gestiegen. Im Jahr 2025 gaben 31,6 Prozent der jungen Männer (18 bis 25 Jahre) an, in den vorangegangenen zwölf Monaten Cannabis konsumiert zu haben; 2015 lag dieser Anteil noch bei 20,6 Prozent. Die Daten zeigen, dass der Anstieg nicht erst mit der Teillegalisierung einsetzte, sondern bereits in den Jahren zuvor zu beobachten war.
Bei Jugendlichen unter 18 Jahren blieben die Konsumzahlen zwischen 2023 und 2025 nahezu stabil, bei männlichen Jugendlichen ging der Cannabiskonsum im längeren Zeitraum von 2019 bis 2025 sogar signifikant zurück.
Dass Cannabis besonders den noch nicht ausgereiften Gehirnen Jugendlicher schadet, haben Studien mehrfach gezeigt. Zu den bisher bekannten Folgen regelmäßigen Cannabiskonsums in der Pubertät gehört Experten zufolge neben einem höheren Risiko für Psychosen ein um bis zu etwa zehn Punkte sinkender IQ-Wert.

