SpOn 01.12.2025
11:27 Uhr

Georgien: Polizei soll Chemikalie aus Erstem Weltkrieg gegen Demonstranten eingesetzt haben


Bei Protesten in Tiflis vergangenes Jahr sollen georgische Sicherheitskräfte laut einer BBC-Recherche Wasserwerfer mit einem chemischen Kampfstoff befüllt haben. Die Regierung weist die Vorwürfe zurück.

Georgien: Polizei soll Chemikalie aus Erstem Weltkrieg gegen Demonstranten eingesetzt haben

Georgiens Polizei soll bei den regierungskritischen Protesten im Herbst 2024 eine hochgefährliche chemische Substanz eingesetzt haben. Dabei soll es sich um einen Kampfstoff handeln, der bereits im Ersten Weltkrieg verwendet wurde. Das berichtet der britische Sender BBC unter Berufung auf Ärzte, Zeugenaussagen und ehemalige Mitglieder georgischer Spezialeinheiten.

Laut der Recherche deuten ärztliche Untersuchungen, interne Inventarlisten der Bereitschaftspolizei sowie Aussagen von Whistleblowern darauf hin, dass das Mittel Camite – der britische Name für den Stoff Brombenzylcyanid – den Tanks der Wasserwerfer beigemischt wurde. Der Stoff gilt als stark ätzend und verursache Symptome, die weit über die Wirkung von Tränengas hinausgingen.

Mehrere Demonstranten berichteten der BBC, ihre Haut habe nach dem Einsatz »wie Feuer gebrannt« und die Schmerzen hätten sich durch Wasser noch verschlimmert. Zahlreiche Betroffene litten demnach wochenlang unter Atemnot, Husten, Erbrechen und Herzrhythmusstörungen. Ein georgischer Kinderarzt, selbst Teilnehmender der Proteste, dokumentierte die Beschwerden von rund 350 weiteren Opfern. Seine Untersuchung soll laut BBC von der Fachzeitschrift »Toxicology Reports« demnächst veröffentlicht werden.

Demo in Tiflis: Wasserwerfer gegen proeuropäische Proteste

Demo in Tiflis: Wasserwerfer gegen proeuropäische Proteste

Foto: Jay Kogler / ZUMAPRESS.com / picture alliance

Ein früherer Leiter der Waffenabteilung georgischer Spezialeinheiten bestätigte, dass er das Mittel 2009 für den Einsatz in Wasserwerfern getestet habe. Schon damals habe es »zehnmal stärker« gewirkt als herkömmliches CS-Gas, sagte er der BBC. Dennoch sei die Substanz den Fahrzeugen beigemischt worden – bis mindestens 2022.

Die Regierung in Tiflis bezeichnete die BBC-Recherche als »absurd« und wies alle Vorwürfe scharf zurück. Die Polizei habe »innerhalb der gesetzlichen Grenzen« auf »illegale Aktionen brutaler Krimineller« reagiert. Die Uno-Sonderberichterstatterin für Folter, Alice Edwards, nannte den Einsatz einer solchen Substanz »eine Verletzung der Menschenrechte«. Der Einsatz von chemischen Mitteln ist Sicherheitskräften international nur gestattet, wenn deren Wirkung kurzfristig und verhältnismäßig ist. Die Chemikalie Camite wurde jedoch bereits in den Dreißigerjahren aus dem Verkehr gezogen – wegen ihrer anhaltenden toxischen Wirkung.

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Seit Ende 2024 protestieren in Georgien regelmäßig Tausende gegen die prorussisch wahrgenommene Regierung, die den EU-Beitritt des Landes vorerst ausgesetzt hat. Trotz verschärfter Gesetze und Haftstrafen dauern die Demonstrationen in Tiflis bis heute an.

sug