Man sollte über Fußballer, die bis 2008 als Profi aktiv waren, noch keine Nachrufe schreiben müssen. Im Sport ist so viel von Fairness die Rede, aber das Leben kann sehr unfair sein. Georg Koch wurde 54 Jahre alt.
Es gab eine Zeit in den Jahren um die Jahrtausendwende, da war Georg Koch aus dem deutschen Fußball nicht wegzudenken. Er war immer da, stand irgendwo im Tor, in Düsseldorf, Bielefeld, Kaiserslautern, Cottbus, Duisburg. Alles stolze Vereine, Vereine mit Geschichte.
Dass mittlerweile keiner von denen mehr in der Bundesliga spielt, hat an Georg Koch sicher zuletzt gelegen. Er war eher der Aufstiegsexperte im deutschen Fußball. Fünf Mal schaffte er das mit seinen Klubs, mit Fortuna Düsseldorf zu Anfang seiner Karriere sogar zweimal nacheinander, erst aus der Drittklassigkeit in die 2. Liga, dann noch ein Stockwerk höher in die Beletage.
Als Torwart bei MSV Duisburg
Foto: A3724 Felix Heyder/ dpa/dpawebDas war eine schöne Zeit für den jungen Georg Koch, geprägt durch den routinierten Torwarttrainer Enver Maric, der schon 1974 für Jugoslawien das WM-Tor gehütet hatte, angetrieben vom Fortuna-Trainer Aleksandar Ristic. »Maric hat mir alles beigebracht«, hat Koch viel später mal erzählt, nicht nur das Torwarthandwerk, auch solche Dinge wie Disziplin.
Das mit der Disziplin hat Koch in seiner Karriere ab und an vergessen. Es war keiner, der sich gerne ins hintere Glied einfügte. Vielmehr einer, der den Mund aufmachte, unbequem war, ein typischer Torwart, könnte man sagen.
Als er schon Mitte 30 war, hat er sich mit Duisburgs allmächtigem Präsidenten Walter Hellmich überworfen. Der Klubboss nahm Koch das Kapitänsamt ab, schmollend verließ Koch den Verein.
Den MSV-Boss an der Fischbude angequatscht
Dabei hatte in Duisburg alles so gut angefangen. Hellmich und Koch hatten sich an einer Fischbude zufällig kennengelernt und waren ins Gespräch gekommen. Eine Fischbude, an der man Verträge verhandelte, das passt zu beiden.
Hellmich war ein Ruhrpott-Patriarch, Koch das Gegenteil von einem Überkandidelten. Das zeigt allein die Liste der Klubs, für die er in 213 Erstliga- und 165 Zweitligaspielen im Kasten stand. Alles Klubs, in denen die Fans es liebten, wenn Fußball gearbeitet wurde. Koch passte da gut hinein.
Koch als MSV-Keeper gegen Arminia Bielefeld
Foto: Thomas F.Starke/ Bongarts/Getty ImagesWas nicht heißt, dass er nur die Pöhlerzeiten mitgemacht hätte. In Kaiserslautern, wo er von 2000 bis 2003 unter Vertrag stand, erlebte er den jungen Miro Klose. Angeblich soll Koch dem Trainer-Guru Otto Rehhagel sogar den Tipp gegeben haben, sich diesen Klose in der Amateurmannschaft mal anzuschauen.
Die gute Zeit beim FCK
Koch spielte in der Pfalz hinter Könnern wie Mario Basler und Youri Djorkaeff, beide auf ihre Weise ebenso genial wie anstrengend.
Mit dem FCK zog er 2001 ins Halbfinale des Uefa-Cups ein, er gehörte zum Team, das 2003 im DFB-Pokalfinale stand, damals war er jedoch schon von Tim Wiese als Stammtorhüter verdrängt worden, die Wanderschaft ging weiter nach Cottbus.
Wo er auch war: Koch brauchte selten lange, um zu einem Liebling des Publikums zu werden. Dazu musste er selbstverständlich sportliche Leistung bringen, aber er war zudem als Typ, als Figur, als einer, auf dessen Sprüche man wetten konnte, jemand, der es leicht hatte, ins Fanherz vorzustoßen. In Duisburg wurde er zweimal nacheinander zum Spieler der Saison gewählt, in Düsseldorf riefen die Fans »Georg Koch, du bist die wahre Nummer eins«, wenn die Nationaltorwarte Andreas Köpcke oder Oliver Reck bei der Fortuna zu Gast waren.
Kein Länderspiel
Mitte der Neunzigerjahre stand Kochs Name tatsächlich schon im Notizbuch des Bundestrainers Berti Vogts, zu einem Länderspiel kam es aber nie – auch weil Koch den Fehler begangen hatte, von Düsseldorf ins Ausland zur PSV Eindhoven zu wechseln. Mit dem dortigen Trainer Dick Advocaat kam Koch nicht zurecht, er hat 2024 in einem seiner letzten Interviews dem Sender Sport1 von damals erzählt, Advocaat habe verlangt, dass der Deutsche Koch schon nach drei Wochen alle Kommandos auf Niederländisch zu verstehen habe. Das ging nicht gut.
Georg Koch im Herbst 2024
Foto: Marc John / Bonn.digital / IMAGOUnd doch war es eine Auslandsstation, mit der Koch fast am Ende seiner Laufbahn endlich noch einen Titel feiern konnte. Bei Dinamo Zagreb, der Mannschaft des damals jungen Luca Modric, wurde Koch kroatischer Meister und Pokalsieger, als 36-Jähriger. Ein spätes Glück.
Danach zog es ihn weiter zu Rapid Wien, und das war sein Pech.
Das Trauma von Wien
Die Saison in Österreich hatte kaum angefangen, da explodierte im Wiener Derby mit der Austria ein Knallkörper in seiner direkten Nähe. Koch brach danach in der Kabine zusammen, sein Kreislauf kollabierte, er konnte auf einem Ohr nichts mehr hören. Die Ärzte diagnostizierten ein Knalltrauma – und die Karriere des Georg Koch war nach 16 Jahren zu Ende. Die Gleichgewichtsstörungen, die das Knalltrauma mit sich brachte, wurde er nicht mehr los. Im Tor konnte er nicht mehr stehen.
Georg Koch versuchte sich danach im Trainerjob, erst in Herford in Ostwestfalen, dann ganz weit weg in Dubai als Torwartcoach, er stand beim VfB Oldenburg unter Vertrag, beim Schweizer Klub FC Wil und bei Fortuna Köln. Alles Engagements, die nicht lange währten. Der Wandervogel Koch blieb sich treu.
Im Mai 2024 hat Koch der »Bild«-Zeitung ein Interview gegeben, in dem er berichtete, er sei unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, und er wisse nicht, wie lange er noch zu leben habe. Statt danach nur zu resignieren, organisierte er ein Benefizspiel für die Kinderkrebshilfe, er machte noch einmal eine Rundtour zu allen Klubs, denen er als Profi geholfen hatte, Gegentore zu verhindern. Überall wurde er mit stehenden Ovationen empfangen.
Bei Sport1 hat er ausführlich erzählt, wie es ihm ergehe mit seiner Krankheit. Zum Interview im September 2024 trug er ein T-Shirt der »Toten Hosen« mit dem Titel »Bis zum bitteren Ende«.
Er hat gesagt, manchmal sei er tieftraurig. Es gebe aber auch Tage, »da könnte ich Bäume ausreißen«. Man würde es ihm so sehr wünschen. Aber das kann er jetzt nicht mehr.
