SpOn 09.12.2025
12:59 Uhr

Gaza: Sonderpreis für Ghada Alkurd - die Laudatio von Claus Kleber


SPIEGEL-Mitarbeiterin Ghada Alkurd aus Gaza wird für ihre Berichterstattung während des Krieges ausgezeichnet. Die Laudatio von Claus Kleber in voller Länge.

Gaza: Sonderpreis für Ghada Alkurd - die Laudatio von Claus Kleber

Die SPIEGEL-Mitarbeiterin Ghada Alkurd, die aus Gaza auch für die BBC und andere Medien berichtet, ist am Montagabend in Berlin mit dem Sonderpreis des Reporter:innen-Forums ausgezeichnet worden. Gewürdigt wurde sie für »ihre mutige, präzise und unabhängige Arbeit im Gazastreifen, zu dem internationalen Medien seit Kriegsbeginn der Zutritt verwehrt wird«. Das Forum würdigt mit dem Preis nach eigener Aussage zugleich die unverzichtbare Rolle lokaler Kolleginnen und Kollegen in Kriegs- und Krisengebieten, ohne deren Arbeit unabhängige Berichterstattung kaum möglich wäre.

»Neben der ständigen Gefahr, Opfer eines Bombenangriffs zu werden, hat Ghada Alkurd selbst Hunger, Vertreibung und Verlust erlebt. Mehrfach musste sie innerhalb des Gazastreifens fliehen; ihr Vater starb, weil er keine medizinische Hilfe erhielt, ein Bruder bei einem Luftangriff«, schreibt das Reporter:innen-Forum. »Trotzdem arbeitet sie weiter, oft in großer Gefahr. Sie hat über palästinensische Ex-Häftlinge berichtet, die in israelischen Haftlagern gefoltert wurden, über Ärztinnen und Ärzte am Rand ihrer Kräfte, über Menschen, die gegen die Hamas protestieren, über Kinder, denen man ihre Kindheit genommen hat.«

Wir dokumentieren im Folgenden die Laudatio des langjährigen ZDF-Journalisten und »heute journal«-Moderators Claus Kleber in voller Länge:

Zur Person
Foto:

Thomas Pirot / DER SPIEGEL

Claus Kleber, 70, begann während seines Jurastudiums beim Südwestfunk. Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen und einer Tätigkeit als Rechtsanwalt wechselte er endgültig ins journalistische Fach. 1997 übernahm Kleber die Leitung des Studios Washington in den USA. Seit 2003 war er Moderator des »heute journal« beim ZDF, seine 2977. und letzte Sendung präsentierte er am 30. Dezember 2021. Zudem berichtete er in Dokumentationen aus Indien und Afghanistan und thematisierte unter anderem Hungersnöte und den Kampf für Menschenrechte.

»Die schrecklichen Bilder des Krieges in Gaza sind allgegenwärtig. Trotzdem können wir uns kein wahres Bild von diesem Krieg machen. Israels Regierung hat entschieden und Israels Militär sorgt dafür, dass keine unabhängigen Berichterstatter in das Gebiet kommen. Den Bildern fehlt der Kontext. Niemand kann wissen, wer sie gemacht hat, wie sie ausgewählt wurden, was davor geschehen ist.

Medien, denen wir trauen könnten, haben keine Augen am Ort des Geschehens. Wir wären taub und blind, gäbe es in Gaza nicht Journalist:innen, für die Gaza Heimat ist. Die den Gefahren trotzen und ihre Geschichten weitergeben an unsere Redaktionen. Und denen wir nach langen Erfahrungen vertrauen können.

Ghada Alkurd aus Gaza-Stadt ist eine von Ihnen: eine Säule, eine tragende Säule der Berichterstattung aus Gaza – für die BBC, den SPIEGEL und einige andere Medien. Wer Ghadas Berichte liest, ihre Reportagen sieht, fühlt sich an ihrer Seite, erlebt einen der fürchterlichsten Kriege des letzten halben Jahrhunderts aus Sicht der Opfer.

Reporterin Ghada Alkurd im Gazastreifen: Ausgezeichnet für ihre »mutige, präzise und unabhängige Arbeit«

Reporterin Ghada Alkurd im Gazastreifen: Ausgezeichnet für ihre »mutige, präzise und unabhängige Arbeit«

Foto: DER SPIEGEL

Wer – wie ich in den nächsten Minuten – ihre Arbeit würdigt, wer sagt, was da gesagt werden muss, gerät bei uns regelmäßig in ein schiefes Licht, für das interessierte Kräfte eilfertig Scheinwerfer aufstellen. Sei’s drum.

Es ist wichtig, vorab zu sagen, dass niemand auch nur für eine Sekunde vergessen darf, dass der Gazakrieg mit einem bestialischen Angriff der Hamas auf unschuldige Menschen begann. Mit tausendfachem Mord. Auf das grausamste inszeniert. Das blutige Handwerk des Terrors im Extrem. Das Leiden ihrer eigenen Brüder und Schwestern – über das wir berichten müssen – ist in der Logik der Terroristen ein nützliches Martyrium. Im Dienst ihrer Sache. Erbarmungslosigkeit ist Kern solcher Kriege.

Wie das Phänomen, dass beide Seiten an der Wahrheit festhalten, wie sie sie sehen.

Um zu verstehen, wie tief das geht, hilft es, dort gewesen zu sein. Mit israelischen wie palästinensischen Familien Brot gebrochen, ihre Geschichten gehört zu haben, wie ich und einige hier im Raum. Im Fall dieses Krieges auch: die mit Grausamkeit prahlenden Videos der Killer gesehen und die unvergessliche Ausstellung im Flughafen Tempelhof über das Ende des Nova-Festivals erlebt zu haben. Die Ausstellung ist inzwischen abgebaut. Viel zu wenige bei uns haben sich das zumuten wollen.

Den extremen Krieg zu meiden, der aus dieser Grausamkeit entstanden ist, hätte die Grenzen des Menschen-Möglichen wohl überschritten. So kam dieser verdammte Krieg. Mit Zehntausenden Toten. Wir müssen heute Abend nicht mitmachen beim Tauziehen um die präzisen Zahlen. Es ist jedenfalls einer der blutigsten Konflikte bisher in diesem Jahrhundert. Die allermeisten Opfer: unschuldige Zivilisten. Männer, Frauen, Kinder. Und es wurde Hunger als Druckmittel eingesetzt. So massiv, dass man auch ›als Waffe eingesetzt‹ sagen kann.

All das ist nicht das erste Mal.

Das erste Mal ist es aber, dass eine Regierung Journalistinnen und Journalisten aus allen Ländern der Erde den Zugang zum Ort des Geschehens verweigert. Und schlimmer: Journalisten tötet. Offizielle Erklärungen sprechen von bedauerlichen Kollateralschäden. Die Sprache der Zahlen spricht für eine Behandlung als Kombattanten. Das ist kein Wunder. Prominente Politiker von Israels regierenden Parteien haben das öffentlich gefordert.

»Wir hätten gar keine Augen und Ohren in einem Krieg von globaler Bedeutung, wären da nicht mutige, aufrechte Menschen, die für Redaktionen bei uns Augen und Ohren offen halten.«

Über 200 getötete Medienschaffende in diesem schmalen Streifen Land! Unsere Kollegen von Reporter ohne Grenzen und dem Committee for the Protection of Journalists nennen den Gazakrieg den »tödlichsten Konflikt für Medienarbeiter »in über 30 Jahren Uno‑Aufzeichnungen«, womit de facto alle Konflikte seit mindestens den 1990er-Jahren übertroffen werden.

Warum macht Israel das? Warum werden Journalisten ausgesperrt? Warum arbeiten lokale Medienschaffende unter Lebensgefahr? Das kann die einzige Demokratie des Nahen Ostens doch nicht machen. Ein Land mit einer stolzen Geschichte voller starker Journalisten und Autorinnen, von Offenheit und Debattenkultur.

Meine Erklärung: Dahinter steht eine Kalkulation, dass tote Journalisten leichter zu ertragen sind als die Konsequenzen des asymmetrischen Krieges. Eines Krieges – es muss schon wieder gesagt werden – den Israel jedes Recht hatte, zu beginnen. Mit allen militärischen Mitteln, in den Grenzen des Rechts.

Wenn ein solcher asymmetrischer Krieg – militärische Supermacht gegen eine Terrortruppe – zu lang dauert, wenn er auf einer Seite hundertfach mehr zivile Opfer fordert als auf der anderen, entsteht eine neue, schwierige Front: der Kampf um die Herzen und den Verstand der Weltgemeinschaft. Der Kampf um den Rückhalt der gerecht Denkenden kann verloren gehen. Wie für die USA vor 50 Jahren in Vietnam. Eine enorme Gefahr für Militär, Parteien und die Regierung der überlegenen Macht.

Familie vor ihrem Zelt in Deir al-Balah: Hunger wurde als Waffe eingesetzt

Familie vor ihrem Zelt in Deir al-Balah: Hunger wurde als Waffe eingesetzt

Foto: Moiz Salhi / Anadolu Agency / IMAGO

Darum werden die Journalist:innen von draußen ausgesperrt. Und kommen die drinnen ins Fadenkreuz. Nachvollziehbar in der eiskalten Logik des Krieges. Aber absolut inakzeptabel. Es gilt das Postulat von Ingeborg Bachmann: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Die Fakten sind offenzulegen.

Wenn die Wahrheit einer Seite schadet, macht das Berichterstatter nicht zu Schädlingen. Die man nach Belieben aussperren oder ausschalten dürfte. Dann wird der Rechtsbruch auch noch mit Hohn garniert, wenn sich eine Regierung, die Recherche unmöglich macht, über fehlerhafte Berichte beschwert.

Wir hätten gar keine Augen und Ohren in einem Krieg von globaler Bedeutung, wären da nicht mutige, aufrechte Menschen, die für Redaktionen bei uns Augen und Ohren offen halten. Und die in langer, enger Zusammenarbeit über große Entfernung mit Mut und Offenheit unser Vertrauen rechtfertigen. Das Vertrauen, dass sie an die Grenzen des Möglichen gehen, um wahrhaftig zu berichten.

Menschen wie Ghada Alkurd.

Eine erfahrene, junge Journalistin, Mutter von zwei Töchtern, die in Gaza-Stadt aufgewachsen ist und studiert hat. Dann für weitere Jahre in der Türkei. Sie war gerade erst von dort in ihr geliebtes Gaza zurückgekehrt, als das Massaker des 7. Oktober 2023 den Krieg auslöste.

Sie berichtet unter Gefahr und angesichts größter persönlicher Herausforderungen – in enger Zusammenarbeit mit Redaktionen in London und Hamburg – unter anderem für die BBC und in Deutschland für den SPIEGEL aus Gaza. Ghadas eindrückliche Reportagen und Podcasts über den Alltag und die Verzweiflung des Krieges haben für viele von uns – auch mich – das Bild von der Situation dort geprägt.

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Der Preis heute geht an sie persönlich, ist aber auch gedacht als Zeichen an andere, die ihre Augen, Ohren, Herz und Verstand zur Verfügung stellen, wo unsere eigenen nicht rein dürfen. Noch nicht.