Es hat eine Weile gedauert, aber fast zwei Jahre nach der Vision Pro (hier unser Erfahrungsbericht ) hat Samsung im Oktober seinen Gegenentwurf zu Apples Highend-Computerbrille auf den Markt gebracht. Allerdings ist die Galaxy XR genannte Computerbrille zunächst nur in den USA und Südkorea erhältlich. Der Verkaufsstart in Deutschland ist für 2026 geplant, genauer legt Samsung sich bisher nicht fest.
Der Preis in den USA: 1800 Dollar. Für Deutschland umgerechnet wären das, inklusive Mehrwertsteuer, rund 1830 Euro. Das ist alles andere als billig, aber verglichen mit der Vision Pro ein Schnäppchen. Apples Brillencomputer kostet in ähnlicher Ausstattung rund doppelt so viel, nämlich 3700 Euro. Am Rande der Hightechmesse CES in Las Vegas konnten wir die Samsung-Brille bereits ausprobieren.
Nicht ganz dicht
Was gleich auffällt: Die Galaxy XR ist nicht ganz dicht. Während Apples Vision Pro sich komplett um die Augen schließt und die Außenwelt optisch ausblendet, lässt Samsungs Brille unten einen ein bis zwei Finger breiten Schlitz frei, durch den Licht eindringt. Ein Manager erklärt das damit, dass man auf diese Weise den Kontakt zur Umgebung behält. Das mag richtig sein, aber während meiner Demo-Session habe ich das nicht als Vorteil empfunden.
Galaxy XR mit »Light Shields«: Die Anbauteile sollen Umgebungslicht aussperren
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELMöchte man das Umgebungslicht lieber aussperren, kann man zwei zusätzliche Kunststoffteile unten an die Brille klemmen. Doch selbst mit denen blieb bei meinem Kurztest ein schmaler Spalt frei, durch den Licht eindringen konnte. In einer App über schwarze Löcher im Weltall machte sich das durch stark störende Reflexionen in den Linsen bemerkbar.
Wie ein XXL-TV
Die Bildqualität ähnelt der Vision Pro, zumal die Grafikauflösung der Galaxy XR mit 3552 × 3840 Pixeln pro Auge sogar etwas höher ist als bei Apples Brille. Genau wie die Konkurrenz schafft sie es trotzdem nicht, die von Kameras an der Front aufgezeichnete reale Umgebung so klar wiederzugeben, als würde man durch die Brille hindurchschauen. Bei beiden bleibt der Eindruck, auf einen Bildschirm zu schauen.
Trotzdem ist die Bildqualität der Galaxy XR beeindruckend gut. Menüs, Symbole, Schrift und Filme werden knackscharf dargestellt, Fotos und Filme wirken, als würde man sie auf einem sehr guten und sehr großen Fernseher anschauen. Ganz ähnlich wie bei Apple kann man Filme und Fotos auch im Panoramaformat betrachten. Filme, die mit Rundumkameras wie denen von Insta360 aufgenommen wurden, lassen sich mit der Galaxy XR auch als solche Rundumbilder und -Videos anschauen.
Screenshot der Benutzeroberfläche: Browserfenster, Videos und Bilder scheinen im Raum zu schweben
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELSchade: Weil immer etwas Umgebungslicht einstreut, sehen Bilder, Filme und Apps mit der Galaxy XR nicht ganz so glatt geschliffen und edel aus wie bei Apple.
Das gilt im Übrigen auch für das Äußere der Galaxy XR. Anders als das überwiegend aus Aluminium und Glas hergestellte Apple-Modell wird die Samsung-Brille überwiegend aus Kunststoffen produziert. Dem Gewicht tut das gut, dem Look nicht.
YouTube in 3D
Als Betriebssystem nutzt Samsung Android XR , eine von Google für Datenbrillen entwickelte Android-Variante. So kann die Galaxy XR theoretisch auf alle Android-Apps zugreifen. Allerdings können nur speziell angepasste Apps die besonderen Möglichkeiten der Brille nutzen. Sie sind in einer XR-Abteilung des Play Store zu finden.
Knopf auf dem Brillengehäuse: Ein langer Druck darauf ruft Google Gemini auf
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELEine dieser Apps ist YouTube. Während es für Googles Videoangebot bis heute keine Vision-Pro-App gibt, ist für Android XR bereits eine Version in Arbeit, die Videos nahezu in Echtzeit in räumliche Videos umrechnet. Das Ergebnis ist sicher nicht für jedes Video sinnvoll, war aber zumindest bei den Naturaufnahmen, die ich mir angesehen habe, beeindruckend nah an echten 3D-Videos.
Noch aber ist die Technologie nicht veröffentlicht worden. Laut Samsung soll das später im Jahr geschehen. Dann werde es zudem möglich sein, außer YouTube auch Videos anderer Plattformen wie Netflix in der Brille als räumliche Videos anzuschauen. Angesichts dessen wundert es nicht, dass die Brille auch Fotos in räumliche Bilder umwandeln kann. Egal, mit welcher Kamera oder mit welchem Smartphone man sie gemacht hat.
Hier klappt es mit der KI
Weil die Software von Google kommt, ist auch Googles Gemini-KI an Bord. Anders als Apples Siri, die auf der Vision Pro nur eine Statistenrolle hat, ist Gemini tief in das System integriert. So kann Gemini alles sehen und analysieren, was man mit der Brille oder in der Brille sieht. Schaut man sich ein Foto oder eine Webseite an, kann man Fragen zu dem stellen, was in der Brille zu sehen ist.
Test in Las Vegas: Redakteur mit Samsung-Brille und Samsung-Manager
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELDasselbe gilt für die reale Umgebung. Beim Blättern in einer Zeitschrift erklärte mir Gemini auf meine Nachfrage zu einem darin gedruckten Foto, welche Schauspielerin darauf zu sehen ist und in welchen Filmen sie mitgespielt hat. Als ich sie nach einem Schiffsmodell fragte, das auf dem Tisch vor mir stand, erklärte sie, dass es sich wohl um das Modell eines Tankschiffs handelt. In diesem Fall war das wohl kein Kunststück, denn Samsung Heavy Industries baut genau solche Schiffe.
Einfach mal intubieren
Auch wenn Android XR in manchen Details etwas andere Wege geht als das VisionOS von Apple, fiel mir die Steuerung der Brille vom ersten Moment an leicht. Wohl weil ich bereits reichlich Erfahrung mit Apples System habe, war mir intuitiv klar, mit welchen Fingergesten ich Bilder verschieben, drehen und sonst wie manipulieren kann. Und dass man die Ecken von App-Fenstern virtuell anfassen muss, um sie zu vergrößern und zu verkleinern.
Ein feiner Unterschied: Samsung bietet gegen Aufpreis eigene Hand-Controller an. Mit denen kann man Spiele steuern, aber auch ernsthafte Apps. Offenbar will Samsung Businesskunden vom Nutzen einer solchen Brille überzeugen. Denen dürfte es leichter fallen, den Preis zu zahlen. Als Beispiel für eine professionelle App konnte ich ein Lernprogramm für Ärzte ausprobieren und dabei helfen, virtuell eine verletzte Person zu intubieren. Zugegeben, das lief nicht ganz problemlos ab, am Ende waren ein Zahn und die Stimmbänder des virtuellen Probanden lädiert, aber es war ein Ausblick auf mögliche Anwendungsgebiete für Profis.
Jedes Gramm zählt
Die müssen allerdings eine robuste Nackenmuskulatur mitbringen. Mit einem Gewicht von 544 Gramm ist die Galaxy XR zwar spürbar leichter als die Vision Pro, die es, je nach Lichtdichtung und Kopfband, auf 750 bis 800 Gramm bringt. Das schafft die Galaxy XR zum einen durch leichtes Plastik statt Aluminium, zum anderen hat Samsung kein Display auf der Außenseite montiert. Ein leicht verschmerzbarer Verlust, der zudem locker 500 bis 1000 Euro einspart.
Leider liefert Samsung nur ein einfaches Kopfband mit, wodurch der Schwerpunkt weit vorn liegt. Während meines Tests habe ich den Druck deutlich auf meiner Stirn gespürt. Apple hatte der ersten Generation der Vision Pro ein ähnliches Kopfband mitgeliefert, legt dem aktuellen Modell aber ein deutlich verbessertes »Dual Band« bei, welches das Gewicht der Brille mit einem zweiten Band, das über statt hinter dem Kopf verläuft, viel besser verteilt.
Batteriepack der Galaxy XR: Zu dick und schwer, um integriert zu werden
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELDicke Batterie, dünne Laufzeit
Was die beiden Modelle eint: Die Batterie ist in einem externen Gehäuse untergebracht, muss per Kabel verbunden und in der Hosentasche oder am Gürtel getragen werden. Das ist erfahrungsgemäß nervig, weil man immer diese Kästchen mit sich herumtragen und aufpassen muss, sich damit nicht irgendwo zu verhaken. Die Akkulaufzeit gibt Samsung mit zwei bis zweieinhalb Stunden an, je nach Anwendung.
Das sind etwa 30 Minuten weniger, als in Apples Datenblättern steht. Aber auch hier lässt sich aus Erfahrung sagen: Es lohnt sich, ein Ladegerät mit einem langen Kabel griffbereit zu haben, denn manche Anwendungen lassen den Akku schneller schlapp werden, als es die Mittelwerte versprechen.
Genau wie die Vision Pro kann die Galaxy XR nicht verleugnen, dass sie zur ersten Generation einer neuen Gadget-Generation gehört. Sie ist technisch beeindruckend, macht Spaß, ist alles andere als billig und ganz sicher kein Produkt für den Massenmarkt. Ganz ähnlich hat man vor knapp 20 Jahren allerdings über die ersten Smartphones geurteilt. Es wird spannend, zu sehen, ob Computerbrillen eine vergleichbare Entwicklung durchmachen werden.




