Wenn die deutschen Fußballer alle vier Jahre in eine WM-Qualifikation starten, sind Ziel und Erwartungshaltung klar: Am Ende ist man bei dem Turnier dabei und der Weg dahin sollte möglichst reibungslos funktionieren.
21-mal nahm das DFB-Team an einer WM-Qualifikation teil, gezittert hat es dabei selten, gescheitert ist es nie. Für große Emotionen ist da kaum Platz.
Ganz anders sieht es im Rest der Welt aus.
Es muss ja nicht gleich in einen Krieg ausarten wie 1969, als das Duell zwischen Honduras und El Salvador in eine 100-stündige Auseinandersetzung der beiden Länder mündete, die mehr als 2000 Menschen das Leben kostete.
Die Qualifikation für das Turnier im kommenden Jahr in den USA, Kanada und Mexiko hat wieder zahlreiche wunderbare Geschichten geschrieben. Hier ein paar Highlights.
Curaçao: Das Wunder des Fußballzwergs
Großer Jubel nach der erstmaligen Qualifikation Curaçaos
Foto: Ricardo Makyn / AFPMit einem 0:0 auf Jamaika vollendete der winzige Karibikstaat Curaçao eine Qualifikation, an deren Ende die erste Teilnahme der gerade einmal 444 Quadratkilometer großen Insel steht.
Gerade einmal rund 150.000 Menschen leben hier, weniger Einwohner hatte noch nie ein Endrundenteilnehmer in 96 Jahren WM-Geschichte. Diesen Rekord hielt bislang Island mit 300.000 Einwohnern.
Vater des Erfolgs ist Dick Advocaat. Mit 78 Jahren hat der Niederländer die vielleicht größte Sensation seiner Trainerkarriere geschafft, auch wenn er beim entscheidenden Match aus persönlichen Gründen nicht dabei sein konnte.
Gefeiert wurde dabei nicht nur in der Karibik, sondern auch in den Cafés und Sportsbars zwischen Amsterdam und Den Haag: Curaçao ist ein Land des Königreichs der Niederlande. Für Deutschland mag eine WM-Qualifikation das Normalste der Welt sein, für Curaçao ist es das freudigste Ereignis in der noch jungen Geschichte des Landes.
Schottland: Ekstase im Hampden Park
Ein schottischer Fan freut sich über die Rückkehr seines Landes auf die große Fußballbühne
Foto: Jane Barlow / APTief in der Nachspielzeit konnte der schottische Kommentator nicht mehr an sich halten. »Shoot!«, rief er mit sich überschlagener Stimme, »schieß!«. Und Kenny McLean schoss. Von der Mittellinie aus überwand er den dänischen Torhüter Kasper Schmeichel und traf zum 4:2. Der Hampden Park in Glasgow eruptierte.
Zum ersten Mal seit 1998 sind die Schotten wieder bei einer WM-Endrunde dabei, und das Match gegen Dänemark offenbarte die ganze Schönheit der WM-Qualifikation. Die Schotten mussten gewinnen, den Dänen hätte ein Remis genügt. Es wurde ein wunderbares Spiel. Erst brachte Scott McTominay die Gastgeber mit einem spektakulären Fallrückzieher in Führung, dann glichen die Dänen aus. Es gab einen Platzverweis für die Gäste – und die erneute Führung für Schottland.
Doch das Pendel schwang zurück, in der 80. Minute fiel der erneute Ausgleich. Die Stimmung in Glasgow wechselte zwischen Euphorie und Trauer. Dann die dritte Minute der Nachspielzeit und das 3:2 durch den Schlenzer von Kieran Tierney, das die Dänen mit wütenden Angriffen beantworteten.
Und dann schoss Kenny McLean.
Österreich: Feiertag für alle
Michael Gregoritsch legt den Grundstein für einen neuen Feiertag
Foto: Lukas Biereder / STEINSIEK.CH / IMAGODer Abend im Wiener Ernst-Happel-Stadion endete mit einem Auftrag. Österreichs Nationalspieler Marko Arnautović und seine Teamkollegen hatten sich dank eines späten Ausgleichstreffers gegen Bosnien-Herzegowina für die WM qualifiziert, erstmals seit 1998 wieder. Inmitten des Jubels sagte der einstige Bundesligaprofi: »Ansage an die Regierung! Bundeskanzler und Bundespräsident, macht den Tag zum Feiertag für alle!«
Gemeint ist der 18. November, der Tag, an dem feststand, dass Österreich zurück auf der großen Fußballbühne ist.
Ungewöhnlich ist es nicht, dass Staaten für große Fußballereignisse Feiertage einführen: In Mexiko-Stadt wurde der 11. Juni 2026, der Tag des WM-Eröffnungsspiels, zum offiziellen Feiertag erklärt. Peru hatte nach der WM-Qualifikation 2018 den Tag nach dem entscheidenden Spiel einmalig freigegeben. Auch Saudi-Arabien feierte nach dem Sensationssieg gegen Argentinien 2022 mit einem Feiertag, und Argentinien setzte für die Feier des WM-Titels 2022 einen Nationalfeiertag aus.
Bisher hat die österreichische Regierung den Weg für einen Feiertag aber nicht freigemacht. Vielleicht schießt Arnautović bei der WM noch ein entscheidendes Tor, vielleicht gegen Deutschland, und stellt dann noch einmal den Antrag.
Haiti: Hoffnungsschimmer in einem gespaltenen Land
Feierstimmung in Port-au-Prince
Foto: Mentor David Lorens / EPAAls Haiti das letzte Mal an einer WM-Endrunde teilnahm, war die Welt noch eine andere. 1974 war das, in der großen Politik herrschte der Kalte Krieg, auf Haiti der Diktator Jean-Claude »Baby Doc« Duvalier.
Sportlich gab es für die Fußballer aus der Karibik nicht viel zu holen, aber der Führungstreffer im ersten Spiel gegen die Italiener ist bis heute ein Höhepunkt in der Sporthistorie des Landes. Es müssen nicht immer Titel sein.
Mehr als ein halbes Jahrhundert später ist das Land wieder bei einer Endrunde dabei – und die Lage in Haiti erneut dramatisch.
Bewaffnete Banden haben in einem Konflikt, der rund 1,3 Millionen Menschen aus ihren Häusern vertrieben und zu einer Hungersnot geführt hat, fast die gesamte haitianische Hauptstadt Port-au-Prince unter ihre Kontrolle gebracht.
Reisende werden aufgrund der Gefahr von Entführungen, Verbrechen, terroristischen Aktivitäten und Unruhen vor einer Reise in das Land mit zwölf Millionen Einwohnern gewarnt.
Der französische Trainer von Haiti, Sébastien Migne, hat seit seiner Ernennung vor 18 Monaten noch nie einen Fuß ins Land gesetzt. »Es ist unmöglich, weil es zu gefährlich ist.« Das entscheidende Spiel der Qualifikation bestritten die Haitianer auf Curaçao.
Wie viel Fußball ausmachen kann, beschrieb Torhüter Johny Placide: »Die WM-Qualifikation ist eine immense Quelle des Stolzes für eine ganze Nation und eine Perspektive für junge Menschen.«
Kap Verde, Usbekistan, Jordanien: Schöne neue große Welt
Kap Verde statt Kamerun
Foto: Queila Fernandes / AFPErstmals werden im kommenden Sommer 48 Teams bei einer WM antreten, bislang lag die Obergrenze bei 32 Teilnehmern. Der Reflex liegt da nahe, Debütanten von den Kapverden, aus Usbekistan und Jordanien zu unterstellen, sie seien nur dabei, weil das Turnier künstlich aufgebläht wurde.
Und wenn es so wäre – na und?
Wahrscheinlich ist es ohnehin zu einfach gedacht. Die Fußballer von den Kapverden etwa setzten sich in ihrer Qualifikationsgruppe vor Kamerun durch, einem Dauergast auf der WM-Bühne, den manche vielleicht noch mit Winnie Schäfer an der Seitenlinie, Samuel Eto’o im Sturm und dem Spitznamen »Die unbezähmbaren Löwen« verbinden. Eine große Fußballnation eben.
Kap Verde hat sie bezwungen. Und sich den Platz verdient, in dieser neuen, größeren Fußballwelt mitzuspielen.
ZDF-Experte und Ex-Nationalspieler Christoph Kramer wirkte jüngst dennoch irritiert. »Ich finde es krass, dass wir in Europa nur 16 Teilnehmer haben. Jetzt ist Italien vielleicht nicht dabei und Kap Verde ist dabei, oder was?«
16 Länder, ein Drittel des Feldes. Wer dann immer noch mehr Europa sehen will, sollte womöglich einfach nur die Europameisterschaft schauen.
Irak: Das Drama von Basra
Begeisterung in Basra
Foto: Thaier Al-Sudani / REUTERSIn das Basra Sports City Stadium passen 65.000 Menschen. Und als der Iraker Amir Al-Ammari in der 17. Minute der Nachspielzeit an den Elfmeterpunkt trat, hielten sie alle den Atem an. Der 28-Jährige, sonst beim polnischen Klub KS Cracovia aktiv, kennt solche Kulissen eher aus dem Fernsehen.
Die WM-Qualifikation ist ein Ort, an dem größtenteils unbekannte Spieler plötzlich Helden werden können, an dem ganze Nationen mitfiebern. So auch am Dienstagabend in Basra. Irak gegen die Vereinigten Arabischen Emirate, das Hinspiel 1:1, jetzt wieder 1:1 – bis zur 107. Minute.
Al-Ammari atmete einmal tief durch, einmal rein, einmal raus, und schoss den Ball mit dem linken Fuß hoch ins Toreck. 2:1. Menschen fielen sich in die Arme, der Torschütze sprang über die Werbebande, suchte in seiner Euphorie jemanden zum Umarmen. Sekunden später war Schluss.
Die Freude auf den Rängen ließ nur ahnen, was los sein wird, sollte Irak tatsächlich zur WM fahren. Denn der Weg ist noch nicht vorbei. Der Sieg gegen die VAE reicht vorerst nur für die interkontinentale Playoff-Runde im März. Dort kämpfen die Demokratische Republik Kongo, Neukaledonien, Bolivien, Jamaika, Suriname und Irak um zwei Plätze für das Turnier. Die Demokratische Republik Kongo und Irak sind gesetzt, sie müssen nur ein K.-o.-Spiel gewinnen, um es zur Endrunde zu schaffen.
Die WM-Qualifikation geht also weiter. Das Drama auch.
