Nach dem Spiel ging es um den Fabelrekord. Dass sie stolz seien auf die allerbeste Hinrunde in 63 Jahren Bundesliga-Geschichte, sagten Max Eberl, Manuel Neuer, Vincent Kompany. Weil es ja so schwer sei, bei dieser ruhmreichen Klubhistorie des FC Bayern überhaupt noch eine neue Bestmarke aufzustellen.
Es ging nach Abpfiff auch um diesen bemerkenswerten Spielzug, der zum so wichtigen 2:1 für die Bayern führte. Wie ein Eckball von Aleksandar Pavlović über drei Stationen den Kopf des Torschützen Kim Min-Jae fand, ein einstudierter Standard, wie Trainer Kompany erklärte.
Und es ging natürlich auch wieder um Harry Kane, den Kölns Trainer Lukas Kwasniok nach der 1:3-Niederlage seines Teams zum »besten Allrounder Europas« kürte und gar »einen Außerirdischen« nannte, weil er neben Mittelstürmer auch Ausputzer, Manndecker, Spielgestalter und Linksverteidiger spielen könne.
Ein sinnbildlicher Auftritt
Wenig gesprochen hingegen wurde nach dem Spiel über Serge Gnabry. Dabei war der 30-Jährige ein prägender Protagonist dieses Mittwochabends. Weil er mit seinem Fehlpass die Kölner Führung einleitete. Und weil er vor der Halbzeit mit einem Kunstschuss den Ausgleich erzielte. Es war ein Auftritt, der bis zu seiner Auswechslung Mitte der zweiten Halbzeit sinnbildlich stand für seine Karriere beim FC Bayern, für die vielen Tiefen und Höhen der vergangenen siebeneinhalb Jahre.
Nur zwei Spieler im aktuellen Kader sind nach Dienstjahren länger dabei, Manuel Neuer, der 2011 nach München kam, und – seit 2015 – Joshua Kimmich, sein alter Jugendfreund aus Stuttgarter Tagen. Als Serge Gnabry 2018 bei den Bayern präsentiert wurde, nannte ihn der damalige Trainer Niko Kovač »schnell, geradlinig und dribbelstark« und sagte: »Solche Spieler braucht der Fußball heutzutage.«
Gnabry überzeugte immer wieder, er war einer der Garanten des triumphales Triple-Jahrs 2020, beim 7:2 auswärts in Tottenham etwa traf er viermal. Vom »Turbo-Gnabry« schrieben manche Zeitungen.
Aber der Turbo zündete in den folgenden Jahren nicht mehr oft, insgesamt überzeugte er zu selten.
Es lief nicht immer glücklich
Manchmal warf ihn eine Verletzung zurück, manchmal stand er sich selbst im Weg. Weil er etwa nicht fit genug wirkte, und wenn er einmal für einen Kurztrip zur Fashion Week nach Paris jettete und sich in gewagte Outfits warf, dann bot er noch mehr Angriffsfläche für seine Kritiker. Glücklich lief es nicht oft für Serge Gnabry.
In Köln versuchte es Gnabry auch artistisch
Foto: Marco Bader / HMB-Media / IMAGOVor einem Jahr, Anfang 2025, galt er schließlich als seriöser Verkaufskandidat. Angesichts des Vertragsendes im Sommer 2026 hätten die Bayern vor dieser, der aktuellen Saison noch einige Millionen an Ablöse einstreichen können. Doch wer ging, waren schließlich zwei andere Offensivkräfte auf den Außenbahnen. Leroy Sané und Kingsley Coman.
Gnabry hingegen blieb. Weil die Bayern-Bosse es so wollten. Weil sie ihm signalisierten, dass sie ihn weiter brauchen.
Im Fokus stehen zwei andere
Gnabry steht längst nicht mehr im absoluten Fokus, so wie derzeit Michael Olise und Luis Diaz, die als furiose Flügelzange bereits die Frage aufwerfen, ob sie besser seien als einst Arjen Robben und Franck Ribéry. Vincent Kompany erklärte dazu in dieser Woche, er fände es spannend, wenn sich Olise, Diaz, Robben und Ribéry mal an einen Tisch setzen und sich gegenseitig von ihren Tricks und Toren erzählten. Gnabry erwähnte er dabei nicht.
Wie wichtig aber Gnabry weiter für das Spiel und für das gesamte Gefüge beim FC Bayern ist, das war am Mittwoch gut zu sehen. Wenngleich er mit seinem Fehlpass am gegnerischen Strafraum genau jenen Kölner Konter einleitete, den Linton Maina zur 1:0-Führung verwertete. Seine aber noch immer großen Qualitäten als Fußballer zeigte Gnabry aber keine zehn Minuten später.
Gnabry als junger Bayern-Stürmer 2018
Foto: Alexander Hassenstein/ Bongarts/Getty ImagesAls Gnabry im Kölner Sechzehner ein Zuspiel von Michael Olise annahm, legte er sich den Ball in vollem Lauf weit, fast zu weit vor, um noch in optimaler Schussposition zum Abschluss zu kommen. Für einen Moment schien es, als würde Gnabry den Ball gar nicht mehr erreichen, als würde der Ball ins Toraus gehen. Auch Torwart Schwäbe und seine Verteidiger machten den Eindruck, als wähnten sie die Gefahr gebannt – bis Gnabry aus dem spitzesten aller möglichen Winkel ganz gezielt den Ball als Aufsetzer über Schwäbe und unter die Latte jagte.
Ein Tor des Monats
Ein Kunstschuss mit Potenzial zum ersten Tor des Monats im Kalenderjahr 2026. Seinen 99. Pflichtspieltreffer für die Bayern feierte Gnabry schließlich standardmäßig mit der typischen Umrühr-Geste.
Gnabrys Kunstschuss: Die Kölner staunen
Foto: Gerhard Schultheiß / Jan Huebner / IMAGOManuel Neuer sprach später von einem »klassischen Quetscher«, den Ball erst auf den Boden zu dreschen, bevor er ins Tor fliegt, und lobte Gnabrys, wie er sagte, »Cleverness«. Dass Gnabry jene Cleverness nach seinem wohl bald 100. Tor für die Bayern auch in den kommenden Jahren zeigen kann, dafür spricht im Moment sehr viel.
Die Entscheidungsträger, Sportvorstand Max Eberl und Sportdirektor Christoph Freund, sind überaus zufrieden mit ihm, eine Einigung über einen neuen Vertrag über mutmaßlich zwei Jahre scheint nur noch Formsache. Schließlich ist Gnabry auf allen vier Offensivpositionen einsetzbar, auf den Außenbahnen links und rechts, auf der Neun wie aber auch auf der Zehn.
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Und selbst nach der baldigen Rückkehr von Jamal Musiala: Mit Kane, Olise, Luis Diaz, Lennart Karl und Serge Gnabry besteht das Münchner Offensiv-Personal im Kader aus gerade einmal sechs gestandenen Profis. Davon werden sie jeden einzelnen brauchen, selbst wenn alle gesund bleiben. Sollte sich einer verletzen, dann umso mehr.
Und noch ein Pluspunkt, der für Gnabry spricht: Anders als Leroy Sané oder auch Thomas Müller fügt er sich auch nach starken Spielen wieder auf die Ersatzbank, ohne zu murren. Ein loyaler Profi, wie ihn die Bayern gern haben.
Irgendwann in den kommenden Wochen dürfte es amtlich werden, dass Gnabry in den nächsten beiden Spielzeiten für den FC Bayern weiter quetschen darf. Und dann wieder rühren.
