74 Prozent aller Frauen fühlen sich in ihrer eigenen Nachbarschaft nicht sicher, viele Menschen haben Angst im Alltag. Erinnern Sie sich? Die Zahl, die nach der jüngsten von Kanzler Friedrich Merz angeschobenen Debatte über das »Stadtbild« klingt und vermeintliche Ängste adressiert, stammt in Wahrheit aus dem Jahr 1974.
Heute fühlen sich nur noch halb so viele Menschen in Deutschland unsicher. Das behaupte nicht ich, es ist das Ergebnis aktueller repräsentativer Befragungen. Und nur einer von mehreren Befunden, die dazu einladen, vielleicht noch einmal anders über das Thema zu reden. Auch und gerade, wenn es um Migration geht.
Mein Kollege Philipp Kollenbroich hat drei der wichtigsten Thesen in der gefühlt endlosen Debatte näher angeschaut. »Kriminalität ist eines dieser Felder, bei denen man schnell das Gefühl haben kann, dass alles immer schlechter wird. Vielleicht erzählt ein Freund von einem Einbruch in der Nachbarschaft, vielleicht liest man von einem Überfall in der Innenstadt, vielleicht wird man selbst Opfer eines Betrügers«, sagte er mir, als ich ihn auf seine Recherche ansprach. »All das kann das Bild erzeugen, dass es immer schlimmer werde, sodass Menschen sich unsicher fühlen und schlimmstenfalls ihr Leben einschränken.«
Innenstadt von München: Wie sicher fühlen wir uns, wenn wir nach Hause gehen?
Foto: Wolfgang Maria Weber / IMAGOSchon allein deshalb empfinde ich es als wichtig, dass Philipp so tief ins Archiv gestiegen ist und viele Zahlen genauer angeschaut hat. Tatsächlich zeigen seriöse Zahlen, dass früher weitaus mehr Menschen Angst vor Kriminalität und Gewalt im Alltag hatten als heute. Macht das heute alles gut? Sicherlich nicht.
Die Zahlen zeigen auch, dass zuletzt tatsächlich die gefühlte Unsicherheit wieder gestiegen ist. Auch das ewige Reizthema Migration hat in der Tat einen echten Einfluss. Allerdings nicht so stark, wie man vielleicht denken könnte. Und: Dort, wo Integration aktiv angegangen wird, gibt es deutlich weniger Probleme. Oder, wie mein Kollege am Ende unseres Gesprächs sagte: »Es hat sich wieder einmal gezeigt: Früher war eben nicht alles besser.«
Was diese Woche noch gut war – für die Welt:
Fakten statt Angst
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Plastiktüte im Meer vor Griechenland
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Manuela Clemens / DER SPIEGEL
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Und sonst?
Sie heißen Horny, Jean Woll Gaultier oder Määhhmet – schon das lässt erahnen, dass die Schafe in der Herde von Michael Stücke kein ganz gewöhnliches Leben führen. Und tatsächlich ist in seiner Herde etwas anders als in den meisten. Denn die Schafe sind schwul oder gelten jedenfalls als solche – wir wollen da ja vorsichtig sein. Sicher ist jedenfalls, dass sie in einem normalen Stall kaum einen Platz gefunden hätten. Denn Schafherden sind überwiegend weiblich, männliche Tiere werden nur zur Reproduktion gebraucht. Wenn sie da nicht mitmachen, sondern lieber ihresgleichen besteigen, gelten sie als recht nutzlos.
Schäfer Michael Stücke: Zweite Chance für Jean Woll Gaultier oder Määhhmet
Foto: Franziska Gilli / DER SPIEGELMichael Stücke sieht das jedoch anders und hat aktuell 35 schwule Schafe, die bei ihm ein gutes Leben führen können. Ermöglicht wird das von prominenten Unterstützern wie Bill Kaulitz. Den kannte Stücke als bekennendes »Landei« aus Westfalen zwar vorher ebenso wenig wie die schwule Dating-App Grinder. Seinen Mann lernte er bei einem Ausflug ins Freilichtmuseum Detmold kennen. Doch die Werbung hilft seinen Schafen. Und mit dem Verkauf ihrer Wolle werden wiederum Projekte für queere Menschen weltweit unterstützt.
Eine sehr unterhaltsame und schöne Win-win-Geschichte also. Die inzwischen übrigens sogar in New York weitererzählt wird. Warum? Das hat meine Kollegin Nadine Wolter hier für Sie aufgeschrieben.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames und möglichst wenig verregnetes Wochenende. Wenn Sie sich bisher nicht für unseren wöchentlichen Newsletter angemeldet haben, können Sie ihn hier gratis bestellen.
Herzliche Grüße
Ihr Jan Petter, Redakteur im Nachrichtenressort des SPIEGEL

