SpOn 13.02.2026
15:43 Uhr

Friedrich Merz und Emmanuel Macron reden über europäischen Atomschirm


Der Bundeskanzler spricht mit Frankreich über einen Atomschirm für Europa als »starken Pfeiler« innerhalb der Nato. Friedrich Merz äußerte sich in München auch zu einem möglichen »Neustart« des transatlantischen Bündnisses.

Friedrich Merz und Emmanuel Macron reden über europäischen Atomschirm

Die USA werden als Partner immer unzuverlässiger. Deutschland und Frankreich reden aktuell über einen möglichen europäischen Atomschirm. »Ich habe mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron erste Gespräche über europäische nukleare Abschreckung aufgenommen«, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz bei der Münchner Sicherheitskonferenz.

Merz betonte dabei, dass Deutschland sich an seine rechtlichen Verpflichtungen halten werde. Er spielte damit auf den 1990 geschlossenen Zwei-plus-Vier-Vertrag mit den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs an. In diesem bekräftigten die damals noch zwei deutschen Staaten den »Verzicht auf Herstellung und Besitz von und auf Verfügungsgewalt über atomare, biologische und chemische Waffen«. Sie erklärten darüber hinaus, dass »auch das vereinte Deutschland sich an diese Verpflichtungen halten wird«.

Für denkbar wird allerdings gehalten, dass der derzeit rein nationale französische Atomschirm ausgebaut wird, um auch Deutschland und anderen EU-Staaten Schutz anzubieten. Dies würde dann die sogenannte nukleare Teilhabe der Nato für den Fall ergänzen, dass die USA langfristig auch ihr Engagement in diesem Bereich zurückfahren wollen.

Frankreich einzige Atommacht der EU

Die aktuelle nukleare Teilhabe der Nato sieht vor, dass in Europa stationierte US-Atomwaffen vom Typ B61 im Ernstfall auch von Flugzeugen von Partnerstaaten abgeworfen werden und dann etwa gegnerische Streitkräfte ausschalten. US-Atomwaffen sollen offiziell unbestätigten Angaben zufolge zum Beispiel in Norditalien, in Belgien sowie in den Niederlanden und im rheinland-pfälzischen Büchel lagern.

Macron hatte Deutschland und anderen EU-Partnern bereits 2020 während der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump Gespräche über eine europäische Kooperation bei der atomaren Abschreckung angeboten. Bei der damaligen Kanzlerin Angela Merkel stieß er aber auf genauso wenig Resonanz wie bei ihrem Nachfolger Olaf Scholz. Bundeskanzler Merz hatte sich dagegen bereits im Wahlkampf zu Gesprächen darüber bereit erklärt und das bei seinem Antrittsbesuch in Paris als Bundeskanzler im vergangenen Mai bekräftigt.

Frankreich ist seit dem Austritt Großbritanniens am 31. Januar 2020 die einzig verbliebene Atommacht der EU. Macron fordert seit Langem, dass sich Europa unabhängiger von der Supermacht USA machen sollte – auch um strategisch autonom handeln zu können. Bei der Sicherheitskonferenz vor drei Jahren hatte Macron gesagt, die derzeitige russische Aggression gegen die Ukraine sei eine Ermahnung, welch wichtige Rolle Atomwaffen in der Europäischen Union und in der Nato hätten und weiter haben müssten.

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Merz betonte in seiner Rede, Deutschland denke eine mögliche europäische nukleare Abschreckung »strikt eingebettet« in die deutsche nukleare Teilhabe in der Nato. Zugleich verwies Merz auch darauf, dass die EU-Staaten sich über Artikel 42 Absatz 7 des EU-Vertrags dazu verpflichtet hätten, sich einander im Fall eines bewaffneten Angriffs beizustehen. »Wir müssen nun ausbuchstabieren, wie wir dies europäisch organisieren wollen«, sagte er. »Nicht als Ersatz für die Nato, sondern als einen selbsttragenden, starken Pfeiler innerhalb des Bündnisses.«

Die große Frage ist dabei vor allem, ob die EU die militärischen Strukturen dafür hat, im Ernstfall auch ohne die Amerikaner handeln zu können. Da in der Nato das Konsensprinzip gilt, könnte die Kommandostruktur dort in Streitfällen möglicherweise nicht genutzt werden.

Merz: JD Vance hatte recht

Während seiner Eröffnungsrede in München sprach Merz sich auch für einen Neustart des transatlantischen Bündnisses zwischen Europa und den USA aus. »Wenn unsere Partnerschaft eine Zukunft haben soll, dann müssen wir sie im doppelten Sinn neu begründen«, sagte Merz. »Diese Begründung muss handfest sein, nicht esoterisch. Wir müssen diesseits und jenseits des Atlantiks zu dem Schluss kommen: Zusammen sind wir stärker.«

Die transatlantische Partnerschaft habe – so Merz – ihre Selbstverständlichkeit verloren, erst in den USA, aber auch in Europa. »Lassen Sie mich mit der unbequemen Wahrheit beginnen: Zwischen Europa und den Vereinigten Staaten hat sich eine Kluft aufgetan.« Dies habe US-Vizepräsident JD Vance in seiner Rede vor einem Jahr in München »sehr offen gesagt«, und er habe damit recht.

Gleichwohl teile er den derzeitigen »Kulturkampf« in den USA mit Zöllen und Protektionismus nicht, sondern glaube weiterhin an den freien Handel, an Klimaabkommen und die Weltgesundheitsorganisation, sagte Merz. »Weil wir überzeugt sind: Globale Aufgaben werden wir nur gemeinsam lösen.«

Zugleich betonte Merz aber auch, dass das Vertrauen, auf dem die Nato gründe, weiterhin unverzichtbar bleibe: »Im Zeitalter der Großmächte werden auch die USA auf dieses Vertrauen angewiesen sein. Selbst sie stoßen an die Grenzen der eigenen Macht, wenn sie etwa im Alleingang unterwegs sind.«

svs/dpa