Work-Life-Balance, Viertagewoche, krank zu Hause bleiben – alles übertrieben? Das findet zumindest unser Bundeskanzler Friedrich Merz.
Bundeskanzler Friedrich Merz:
»Wir werden in Deutschland wieder lernen müssen, länger zu arbeiten, mehr zu arbeiten.«
Schuften wir wirklich zu wenig? Ich frage mal die DOK.
Die SPIEGEL-Dokumentation prüft Fakten und checkt, ob Aussagen von Politikerinnen und Politikern wahr sind. Die Behauptungen von Merz hat sich meine Kollegin Regina Schlüter-Ahrens angeschaut. Sie hat in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften promoviert. Regina, sag mal, geht es einem Land automatisch besser, wenn mehr gearbeitet wird?
Bundeskanzler Friedrich Merz:
»Wenn wir den Wohlstand erhalten wollen, den wir heute haben, dann wird das mit Work-Life-Balance und Viertagewoche nicht gehen.«
Regina Schlüter-Ahrens, Wirtschaftsdokumentarin:
»Grundsätzlich gilt: Gesellschaftlicher Wohlstand hängt nicht an der geleisteten Arbeitszeit pro Person, sondern viel mehr daran, was und wie viel gesamtgesellschaftlich erwirtschaftet wird und wie das erwirtschaftete Einkommen dann verteilt wird.
Laut Expertinnen und Experten sei in Deutschland schon heute ein Wohlstandsverlust spürbar, weil es etwa zu wenige Pflegekräfte gibt. Es gibt daher Stimmen, die Merz beipflichten, dass mehr gearbeitet werden müsse. Die Wirtschaftsleistung ist gemessen am Bruttoinlandsprodukt 2024 gesunken. Trotzdem hat die Hans-Böckler-Stiftung wachsenden Wohlstand diagnostiziert. Denn der Begriff Wohlstand umfasst neben materiellen Faktoren wie Geld auch Aspekte wie Gesundheit, Umweltbelastungen und Kriminalität.«
Ist eine Viertagewoche überhaupt schädlich für die Produktivität?
Regina Schlüter-Ahrens, Wirtschaftsdokumentarin:
»Die gesellschaftliche Leistung hängt nur bedingt von der Arbeitszeit ab. Bei überlangen Arbeitszeiten – also von mehr als 48 Stunden – sinkt die Leistungsfähigkeit. Bei Modellversuchen mit einer Viertagewoche zeigten sich teilweise eine höhere Arbeitsmotivation und weniger Krankmeldungen. Wirklich allgemeingültig sind diese Erkenntnisse aber bislang nicht.«
Merz wettert ja auch gegen zu hohe Krankenstände. Ist das berechtigt?
Regina Schlüter-Ahrens, Wirtschafts-Dokumentarin:
»Natürlich sind Krankmeldungen ein wirtschaftlicher Faktor. Aber es ist wichtig, zu verstehen, warum Menschen sich krankmelden. Psychische Erkrankungen machen heute einen großen Anteil an Krankmeldungen aus. Laut dem Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK sind sie der dritthäufigste Grund für Krankmeldungen. Oft ist es dabei die Arbeit selbst, die krank macht oder Krankheiten verstärkt und beschleunigt. Da geht es um Entfremdung, Burn-outs und Belastung durch Armut. Auch tragen die multiplen Krisen und Kriege zur psychischen Belastung bei – und die Akzeptanz für psychische Krankheiten hat sich verändert. Deswegen gehen die Menschen offener damit um und melden sich auch eher krank.«
Also noch mal zusammengefasst: Ein kausaler Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und Wohlstand ist so nicht gegeben. Und die von Merz kritisierte Work-Life-Balance kann sogar ein Faktor für langfristige Gesundheit sein – und damit für mehr Wohlstand.