SpOn 19.11.2025
14:12 Uhr

Friedrich Merz' Brasilien-Äußerung: SPD-Politikerin Isabel Cademartori übt scharfe Kritik


Kanzler Merz verlässt die Klimakonferenz in Belém mit wenig Liebe für den Veranstaltungsort, in Brasilien ist man sauer. Auch deutsche Abgeordnete schütteln den Kopf, sie fühlen sich an Kolonialzeiten erinnert.

Friedrich Merz' Brasilien-Äußerung: SPD-Politikerin Isabel Cademartori übt scharfe Kritik

Nach den fragwürdigen Äußerungen von Friedrich Merz über Brasilien geht die SPD-Bundestagsabgeordnete Isabel Cademartori scharf mit dem Bundeskanzler ins Gericht. Merz solle die nächstmögliche Gelegenheit nutzen, um den negativen Eindruck, den seine Worte hinterlassen haben, zu korrigieren, sagte Cademartori dem SPIEGEL. Die unbedachte Äußerung des Bundeskanzlers habe in Brasilien erhebliche Empörung ausgelöst.

CDU-Chef Merz hatte sich nach einem Kurztrip zum Weltklimagipfel nach Brasilien auf einem Handelskongress negativ über den COP30-Veranstaltungsort Belém geäußert – eine auch für brasilianische Verhältnisse arme Stadt mit vielen verfallenen Häusern, kaputten Straßen und einigen Elendsvierteln. »Ich habe einige Journalisten, die mit mir in Brasilien waren, letzte Woche gefragt: ›Wer von euch würde denn gern hierbleiben?‹ Da hat keiner die Hand gehoben«, sagte er. »Die waren alle froh, dass wir vor allen Dingen von diesem Ort, an dem wir da waren, in der Nacht von Freitag auf Samstag wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind.« Man lebe in Deutschland »in einem der schönsten Länder der Welt«. Hier lesen Sie mehr dazu .

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Die SPD-Abgeordnete Cademartori empört die Äußerung: »Sie bedient das Vorurteil vom ›arroganten Deutschen‹ und fällt in eine Phase, in der der ›Westen‹ – insbesondere durch das Auftreten von Donald Trump – in Südamerika als aggressiv und imperialistisch wahrgenommen wird.« Gerade jetzt wäre ihrer Meinung nach eine europäische Charmeoffensive erforderlich, »die echte Partnerschaft auf Augenhöhe signalisiert«. Cademartori mahnt Fortschritte beim Mercosur-Freihandelsabkommen an, auch »ein substanzieller deutscher Beitrag zum Amazonas-Fonds sowie zu den vereinbarten Ergebnissen des Klimaschutzes auf der COP« wären nächste Schritte.

»Diplomatisch ganz offenbar null Fingerspitzengefühl«

Cademartori ist Abgeordnete aus Mannheim und hat lateinamerikanische Wurzeln. Sie wurde in der ehemaligen DDR als Tochter einer Deutschen und eines Chilenen geboren und wuchs zwischen Santiago de Chile, Hannover und Südafrika auf. In der SPD-Fraktion macht sie sich für das Mercosur-Abkommen zwischen Lateinamerika und Europa stark, das grenzüberschreitenden Handel und verbesserte Rahmenbedingungen ermöglichen soll.

Auch Linkenchef Jan van Aken wettert über die Äußerung. »Merz ist echt ein Elefant im Porzellanladen, diplomatisch hat er ganz offenbar null Fingerspitzengefühl«, sagt der Abgeordnete dem SPIEGEL. Die abfällige Äußerung offenbare, dass Merz in einer Traumwelt von vorgestern lebe. »Das ist so ein kolonialer Spruch, den würde man von einem Bismarck erwarten, aber doch nicht von einem Kanzler im Jahre 2025.« Van Aken drängt auf eine Entschuldigung bei der brasilianischen Regierung für die Entgleisung.

Lula gibt Merz Tanztipps für Brasilien

Auch die Grünen empören sich über die Formulierung von Merz. »Langsam fragt man sich, ob der Kanzler überhaupt noch irgendwo auftreten kann, ohne Deutschland in Erklärungsnot zu bringen«, sagte die Co-Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Katharina Dröge, der Nachrichtenagentur dpa. »Das Bild, das der Kanzler bei seiner Brasilienreise abgegeben hat, war fatal: außenpolitisch taktlos, klimapolitisch ambitionslos und gegenüber Brasilien schlicht respektlos.«

In Brasilien wurden Merz’ Worte empört aufgenommen, mehrere Medien äußerten sich kritisch. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva blieb entspannter. Merz hätte in eine Bar gehen, dort tanzen und die lokale Küche probieren sollen, »denn dann hätte er gemerkt, dass Berlin ihm nicht einmal zehn Prozent der Qualität bietet, die der Bundesstaat Pará und die Stadt Belém bieten«. Lula hatte Belém bewusst als Gastgeberstadt ausgewählt, trotz großer logistischer Probleme wie zu wenig Hotelbetten. Dem linken Politiker geht es darum, der Welt die Klimakrise am Amazonas vor Augen zu führen und zugleich die harte soziale Realität in einer Millionenmetropole im Globalen Süden.

mrc/cte/dpa