SpOn 25.02.2026
14:32 Uhr

Franziskaner-Schulen: Studie legt Missbrauch offen - jahrelange Vertuschung


Opfer ignoriert, Täter gedeckt, Aufarbeitung verschleppt: Eine Studie zeigt das Ausmaß der sexualisierten Gewalt in der Deutschen Franziskanerprovinz. »Viel zu spät«, sagen Forscher und Betroffene.

Franziskaner-Schulen: Studie legt Missbrauch offen - jahrelange Vertuschung

Eine Studie zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs durch Franziskanermönche offenbart jahrzehntelange Vertuschung der Gewalttaten innerhalb des Ordens. Bis in die Zehnerjahre hinein sei sexualisierte Gewalt in den eigenen Reihen verleugnet oder nur auf Druck von außen zugegeben worden, schilderten die Forscher des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) bei der Vorstellung der unabhängigen Studie  in München.

»Eine konsequente Auseinandersetzung mit den Tätern sowie lokale Aufarbeitungsinitiativen fehlen nach wie vor«, lautet ein Fazit. Auch sei bei der nun folgenden Aufarbeitung der Vergangenheit mit Widerständen der Ordensbrüder zu rechnen, so die Forscher.

Mehr als zwei Jahre lang hatte das IPP rund 60 Betroffene, Franziskaner und Zeitzeugen interviewt und Dokumente ausgewertet. Ermittelt wurden dabei über hundert Betroffene – zu drei Vierteln männlich – und insgesamt 98 namentlich bekannte Tatverdächtige, die inzwischen überwiegend gestorben sind.

Hinweise auf großes Dunkelfeld

»Wir haben Hinweise darauf, dass das Dunkelfeld ein Vielfaches höher ist«, sagte Studienautor Peter Caspari. Dokumentiert wurden dabei viele Fälle schwerer sexueller Gewalt. Oft wurden die Kinder über mehrere Jahre hinweg Opfer. Die Mehrheit der Betroffenen war laut Studie zwischen zehn und 15 Jahre alt.

Neben Übergriffen, die in Gemeinden mit eingesetzten Franziskanerbrüdern dokumentiert wurden, bildeten Schulen und Internate einen Schwerpunkt: Besonders viele Betroffene hatten sich aus dem Gymnasium und Internat Vossenack in Hürtgenwald in der Eifel gemeldet.

In Einrichtungen wie diesen hätten sich die Täter Räume geschaffen, in denen sie Zugriff auf die Kinder hatten – etwa in Präfektenzimmern in der Nähe der Schlafsäle, schilderte Caspari. Die Mitbrüder hätten dabei überwiegend weggesehen. Das Leid der Betroffenen sei viel zu wenig in den Blick genommen worden.

Schüler des Gymnasiums Vossenack prangern »Wegducken» an

»Es ist kein Fall bekannt, in dem ein Mitbruder sexuellen Missbrauch aufdeckte«, erläuterte Caspari. Bis 2011 hätten sich Ordensverantwortliche in keiner Weise für das Schicksal Betroffener interessiert. Bis 2010 sei auch kein einziges Strafverfahren oder eine kirchenrechtliche Sanktion gegen einen Täter proaktiv veranlasst worden. Insgesamt habe der Prozess der Aufarbeitung »viel zu spät« begonnen.

Zwei Betroffene, ehemalige Schüler des Internats Vossenacks, sprachen von einer längst überfälligen Aufarbeitung erlittenen Leides und prangerten »Verschleppung und viele Jahre Vertuschungspraxis« an. »Das zweite Verbrechen neben den verübten Taten ist das Wegducken derjenigen, die wussten, was passiert ist«, sagte der ehemalige Vossenack-Schüler Peter Krosch. »Die Übergriffe waren immer Thema unter uns Jungs.«

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Als eine spezifische, pathologische Variante spirituellen Missbrauchs beschreibt die Studie »intensive Verhöre präpubertärer Jungen zu ihrer Sexualität«. Aber auch junge Frauen, die sich in der Kirche hätten engagieren wollen, seien manipuliert und in sexuelle Beziehungen verwickelt worden. Die damit verbundene Scham habe Betroffene teils ihr ganzes Leben lang in ihren Paarbeziehungen beeinträchtigt.

Markus Fuhrmann, Leiter der Deutschen Franziskanerprovinz, die die Studie beauftragt hatte, bekannte sich im Namen der Institution zur Schuld innerhalb der Ordensgemeinschaft und bat Betroffene um Vergebung für die »entsetzlichen Taten« und das Wegsehen und Nichthandeln der Verantwortlichen. Der Orden kündigte an, die interne Aufarbeitung weiter voranzutreiben, bestehende Schutzkonzepte zu verbessern und im Orden eine Kultur zu fördern, die Betroffene höre und schütze.

Die Deutsche Franziskanerprovinz zählt nach eigenen Angaben derzeit noch 180 Mitglieder.

wit/dpa/KNA