Er war der erste französische Staatschef seit 1945, der hinter Gitter musste – wenn auch nur für drei Wochen. Mit der französischen Zeitung »Le Figaro« sprach Nicolas Sarkozy nun erstmals ausführlich über diese Zeit: über den grauen Alltag in der Pariser Haftanstalt La Santé, die allgegenwärtige Geräuschkulisse und die überraschende spirituelle Ruhe, die er im Gespräch mit einem Priester gefunden habe. Zeitgleich sind Auszüge aus seinem »Tagebuch eines Häftlings« durch den französischen Sender »Europe 1« veröffentlicht worden, das kommenden Mittwoch erscheint.
Drei Wochen Haft und schon ein Buch fertig, Sarkozy beweist sich als Meister der Effizienz.
Zuletzt hatte der 70-Jährige vor allem mit Gerichtsprozessen von sich reden gemacht, verdächtigt wegen überzogener Wahlkampfausgaben, versuchter Richterbestechung und eben der Wahlkampfhilfe durch den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi, die ihn im Oktober hinter Gitter brachte.
Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Mitarbeiter für Sarkozy mit der libyschen Staatsführung verhandelt hatten, um Geld für seinen Präsidentschaftswahlkampf 2007 zu erhalten. Das Pariser Berufungsgericht gab jedoch einem Antrag auf vorzeitige Haftentlassung statt, am 10. November kam Sarkozy wieder frei. Das Berufungsverfahren soll im März stattfinden, solange gilt erneut die Unschuldsvermutung.
Buch gilt schon jetzt als Bestseller
In der Zwischenzeit nutzt Sarkozy die geplante PR-Tour für sein Gefängnisbuch offenbar, um die Öffentlichkeit im gewogener zu stimmen. Angesichts der Vorbestellungen gilt das Buch schon jetzt als Bestseller. Lesungen in Paris sollen geplant sein, schreibt die britische Zeitung »The Sunday Times« , dazu eine Signierstunde in Menton an der Côte d’Azur, begleitet von seinem Sohn Louis, 28, der dort bei den Kommunalwahlen im kommenden Jahr für das Bürgermeisteramt kandidiert.
Sarkozys Fall hat Frankreich gespalten. Für die einen war seine Verhaftung gerechtfertigt, für die anderen das genaue Gegenteil. In »Le Figaro« durfte sich Sarkozy jetzt als eine Art Märtyrer darstellen. Das Gefängnis, so schreibt das Medienhaus vorweg, »schien dem Unschuldigen unerträglich« .
Vor dem Gang ins Gefängnis hatte Sarkozy mitgeteilt, er werde zwei Bücher mitnehmen: eine Jesus-Biografie und »Der Graf von Monte Christo« von Alexandre Dumas – die Geschichte eines zu Unrecht Verurteilten.
Im Gespräch mit »Le Figaro« berichtet Sarkozy von seinem »inneren Exil«, sagt Dinge wie, »Gefängnis ist sehr hart« und der Justizprozess sei »darauf ausgelegt, einen zu schwächen, dem Angeklagten Schuldgefühle einzureden«. Wofür man sich schuldig fühle, spiele keine Rolle. »Sich unauffällig zu verhalten, ist die Strategie, die einem aufgezwungen wird und die man letztlich auch annimmt.«
»Grau beherrschte alles, verschlang alles«
Wobei Sarkozy selbst es offensichtlich lieber auffällig mag, wie sein in drei Wochen Haft geschriebenes Buch zeigt. 216 Seiten lang ist es geworden, angeblich hat Sarkozy es mit Kugelschreiber am Sperrholztisch in seiner kleinen Einzelzelle verfasst. »Gott, Gefängnis, Gerechtigkeit«, betitelt »Le Figaro« das Interview zu dem Werk. Direkt nach der Haft habe er das fertige Manuskript seiner Frau Carla Bruni, 57, vorgelegt, schildert der ehemalige Präsident. Sie habe es gelesen »und liebte es«.
Laut Auszügen, die der französische Sender »Europe 1« zitiert, beschreibt Sarkozy in dem Tagebuch etwa den Gefängnisalltag. »Ich war betroffen von der Abwesenheit jeglicher Farbe«, heißt es dort. »Grau beherrschte alles, verschlang alles, bedeckte alle Oberflächen.« Im Gefängnis gebe es nichts zu sehen und nichts zu tun. »Der Lärm ist unaufhörlich.« Aber wie in der Wüste werde »das innere Leben dadurch gestärkt«.
Zelle im Gefängnis La Santé: »Der Lärm ist unaufhörlich«
Foto: Thibaud Moritz / AFPAm ersten Tag seiner Haft sei er niedergekniet, »es geschah ganz natürlich«, beschreibt Sarkozy weiter. Er habe um die Kraft gebetet, »das Kreuz dieser Ungerechtigkeit zu tragen«. Sein Glaube sei im Gefängnis wieder erwacht. Einer seiner Söhne habe ihm Gespräche mit dem Gefängnisseelsorger vermittelt. Mit dem Priester, jung und in Jeans, habe er über Religion, den Papst und Landkirchen gesprochen – und darüber, dass selbst in den dunkelsten Charakteren Güte wohne.
Seine Zelle, betont Sarkozy, sei nicht komfortabler gewesen als die eines gewöhnlichen Häftlings. Im Gegenteil: wegen Sicherheitsbedenken war er im Isolationsbereich untergebracht ; rund um die Uhr wachten Beamte über ihn, in einer Nachbarzelle schliefen seine Personenschützer.
Empfang bei Macron: »Drastischer Kontrast«
Kurz vor seiner Einlieferung, so beschreibt es Sarkozy in seinem Buch, sei er noch von Präsident Emmanuel Macron »mit allen Ehren« im Élysée empfangen worden. »Kann man sich einen drastischeren Kontrast vorstellen?«
Sarkozy mit Ehefrau Bruni auf dem Weg zur Haft: Zuvor »mit allen Ehren« im Élysée empfangen
Foto: Lionel Guericolas / MPP / Starface / IMAGOSarkozys Freilassung am 10. November war ein Erfolg für seine Anwälte. Sie hatten argumentiert, dass Verurteilte, die in Berufung gehen, in der Regel auf freien Fuß gesetzt oder nur elektronisch überwacht werden – sofern sie weder Flucht- noch Gefährdungspotenzial haben.
Ihr Mandant beschäftigt unterdessen weitere Richter, etwa wegen des Vorwurfs übertriebener Wahlkampfausgaben. So bestätigte Frankreichs Kassationsgericht jüngst Sarkozys Verurteilung im sogenannten »Bygmalion«-Verfahren, ihm wurde eine drastische Überschreitung der Ausgabenobergrenze im Wahlkampf 2012 vorgeworfen. Damals hatte Sarkozy knapp 42,8 Millionen Euro ausgegeben – das erlaubte Limit lag bei 22,5 Millionen Euro.
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Laut »Sunday Times« könnte ihm womöglich ein weiterer Prozess bevorstehen: wegen angeblicher Versuche, einen Zeugen unter Druck zu setzen, um die Vorwürfe illegaler Wahlkampffinanzierung zu entkräften. Der in der Zwischenzeit verstorbene französisch-libanesische Geschäftsmann Ziad Takieddine hatte ausgesagt, Sarkozy habe 2005 als französischer Innenminister bei einem Besuch in Libyen um Geld gebeten. Also habe er Koffer voller Bargeld aus Tripolis nach Paris gebracht.
Nichts davon ließ sich zunächst beweisen. Später zog Takieddine seine Aussage zurück. Laut »Sunday Times« bestreitet Sarkozy jegliches Fehlverhalten.
