SpOn 01.12.2025
14:45 Uhr

Formel 1 in Katar: Das Strategiedesaster von McLaren um Lando Norris


»Sieg weggeworfen«: McLaren um WM-Favorit Lando Norris unterläuft kurz vor Saisonende ein folgenschwerer Fehler. Wie konnte das passieren? Der Showdown mit Weltmeister Max Verstappen wartet nun im finalen Rennen.

Formel 1 in Katar: Das Strategiedesaster von McLaren um Lando Norris

Es war ausgesprochen passend, dass der Rennstall Red Bull seine Chefstrategin Hannah Schmitz bei Max Verstappens Sieg im Katar-GP als Teamvertreterin auf das Siegerpodest schickte.

Es war schließlich die Strategie, die dem amtierenden Weltmeister zum Sieg verhalf und den Favoriten von McLaren ein deutlich besseres Ergebnis verhagelte. So haben vor dem WM-Finale am kommenden Sonntag (14 Uhr, TV: Sky) noch drei Fahrer Titelchancen: Lando Norris führt jetzt mit zwölf Punkten Vorsprung vor Verstappen und 16 Zählern vor seinem Teamkollegen Oscar Piastri.

Den entscheidenden Fehler machte McLaren, als in der siebten Runde eine Berührung zwischen Nico Hülkenberg und Pierre Gasly, bei der der Sauber des Deutschen neben der Strecke strandete, eine Safety-Car-Phase auslöste. Fast das ganze Feld nutzte die Situation zu einem praktisch »geschenkten« Boxenstopp. Nur McLaren nicht. Der Rennstall ließ seine beiden Fahrer draußen, sowohl den führenden Piastri als auch Norris, der am Start hinter Verstappen auf Platz drei zurückgefallen war.

Ein Nachteil, der nicht mehr aufzuholen war, vor allem auch, weil Verstappen nach einem anfangs schwierigen Wochenende im Rennen wieder deutlich konkurrenzfähiger war. »Wir haben eindeutig einen Riesenfehler gemacht, Oscar war unfehlbar das ganze Wochenende, wir haben seinen Sieg weggeworfen, und wir haben Landos Podium weggeworfen«, musste McLaren-CEO Zak Brown eingestehen.

Am Ende landeten die beiden ja auf den Plätzen zwei und vier.

»Sie wollten keinen benachteiligen und haben dadurch beide benachteiligt.«

TV-Experten wie Ralf Schumacher über McLarens Rennstrategie

Die berühmt-berüchtigten Papaya-Rules, keinen der beiden Fahrer zu benachteiligen, hätten damit aber nichts zu tun gehabt – auch wenn viele TV-Experten wie Ralf Schumacher bei Sky diese Vermutung anstellten: »Sie wollten keinen benachteiligen und haben dadurch beide benachteiligt«, meinte er.

Ein Nebensatz von Brown ließ freilich aufhorchen: »Es war genau diese siebte Runde, die erste, wo ein Stopp möglich war, und wir haben eine falsche Einschätzung getroffen.«

Was er meinte, war eine besondere Situation in Katar: Reifenhersteller Pirelli machte dort die Vorgabe, dass mit einem Reifensatz aus Sicherheitsgründen maximal 25 Runden gefahren werden dürfe. Bei 57 Rennrunden war dann die siebte die erste, die eine Zwei-Stopp-Strategie ermöglichte.

War man sich bei McLaren etwa im ersten Moment nicht ganz sicher über die Rundenanzahl und die Konsequenzen?

Norris auf der Strecke: Schon fast sicher geglaubter Fahrertitel

Norris auf der Strecke: Schon fast sicher geglaubter Fahrertitel

Foto: Mahmud Hams / AFP

Ausgerechnet McLaren, wo man so stolz ist auf das eigene »Mission Control«-Zentrum zu Hause im Werk in Woking, dem wohl am weitesten ausgebauten in der Formel 1, das einem NASA-Kontrollzentrum für die ISS gleicht? Wo zahlreiche Hochleistungscomputer Milliarden von Rechenoperationen pro Sekunde durchführen können, um jede Situation, die Reaktion darauf und die entsprechenden Konsequenzen zu kalkulieren?

McLaren-Teamchef Andrea Stella argumentierte, man habe als Führender halt nicht gewusst, was die anderen machen würden – und deshalb falsch entschieden. »Wir wollten nach dem Boxenstopp nicht im Verkehr stecken bleiben, haben nicht gedacht, dass praktisch alle reinkommen würden. Aber offensichtlich haben die anderen Teams eine solche Situation in Runde sieben anders eingeschätzt«, sagte Stella.

Alternativloser Stopp

Der Renningenieur von Lando Norris, Will Joseph, versuchte auf Nachfragen seines Fahrers noch während der Safery-Car-Phase eine etwas eigenartige Erklärung: So habe man sich mehr Flexibilität für die Boxenstopps bewahrt, die anderen hätten sich jetzt auf eine bestimmte Runde festgelegt.

Was freilich nicht allzu viel Sinn ergibt, wenn man die mindestens 26 Sekunden gegenrechnet, die ein Stopp in Katar unter Rennbedingungen kostet. Red-Bull-Strategin Hannah Schmitz und Mercedes-Teamchef Toto Wolff waren sich jedenfalls einig: »In dieser Situation war ein Stopp eigentlich alternativlos.«

McLaren-Pilot Piastri (r.): Außenseiterchancen auf Platz drei in der Gesamtwertung

McLaren-Pilot Piastri (r.): Außenseiterchancen auf Platz drei in der Gesamtwertung

Foto: Eric Alonso / PsnewZ / IMAGO

Erst die unnötige doppelte Disqualifikation in Las Vegas  vor einer Woche, jetzt dieses Strategiedesaster: Bei McLaren müssen inzwischen alle Alarmglocken läuten. Und es müssen Erinnerungen an 2007 hochkommen: Damals verlor das Team schon einmal im Endspurt einen schon fast sicher geglaubten Fahrertitel.

Lange hatte es zu jener Zeit so ausgesehen, als könnte der Weltmeister am Ende eigentlich nur entweder Lewis Hamilton, der Aufsteiger in seinem ersten Formel-1-Jahr überhaupt, oder Fernando Alonso, der Weltmeister von 2005 und 2006, heißen.

Zwei Rennen vor dem Saisonende hatte Hamilton damals, auf das heutige Punktesystem umgerechnet, sogar 42,5 Punkte Vorsprung auf den auf Platz drei liegenden Ferrari-Fahrer Kimi Räikkönen, Alonso lag noch zwischen den beiden. Doch am Ende ging vor allem bei Hamilton alles schief, einschließlich eines Crashs bei der Boxeneinfahrt in China – und Räikkönen holte beim Finale in Brasilien den bisher letzten Fahrertitel der Geschichte für Ferrari.

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Jetzt ist es Max Verstappen, der erst einmal »Danke« sagt. Nach seinem Heimrennen in Zandvoort Ende August lag er 104 Punkte hinter dem damals führenden Oscar Piastri, an eine Titelverteidigung war eigentlich überhaupt nicht mehr zu denken. »Es gab Phasen in der Mitte der Saison, da hatten wir schon das Gefühl, dass wir eigentlich in diesem Jahr nichts mehr gewinnen können, dass wir wohl darauf hoffen müssten, dass es 2026 wieder besser wird«, gab der viermalige Champion jetzt nach seinem siebten Saisonsieg zu.

In den letzten neun Rennen gewann er fünfmal, stand immer auf dem Podium. »Ich denke, wir können schon stolz darauf sein, dass wir es geschafft haben, wieder konkurrenzfähig zu werden.«

Katar-Sieger Max Verstappen: »Im richtigen Moment da sein«

Katar-Sieger Max Verstappen: »Im richtigen Moment da sein«

Foto: Andrej Isakovic / AFP

Natürlich habe man auch das ein oder andere Rennen gewonnen, »das wir normalerweise nicht hätten gewinnen sollen. Weil andere Fehler gemacht haben. Wie heute«, sagte Verstappen. »Aber im richtigen Moment da zu sein, um solche Situationen nutzen zu können, das gehört auch dazu.«

Dass er am kommenden Sonntag im Finale in Abu Dhabi, wo Norris 2024 noch souverän siegte, auch ein bisschen Schützenhilfe bräuchte, ist dem Niederländer bewusst. Gewinnt Verstappen, darf Norris maximal Vierter werden.

»Ich weiß, dass ich auch ohne Sieg eine fantastische Saison hinter mir habe.«

Titelverteidiger Max Verstappen

Es wäre Verstappens fünfter Titel in Folge. Das war zuletzt Michael Schumacher von 2000 bis 2004 mit Ferrari gelungen. »Natürlich ist alles drin. Aber es muss schon wieder ein bisschen was Außergewöhnliches passieren. Was ja aber durchaus passieren kann – wie wir zuletzt gesehen haben«, sagte Verstappen. »Aber gleichzeitig weiß ich, dass ich auch ohne Sieg eine fantastische Saison hinter mir habe. Es ist also nicht wirklich wichtig. Das nimmt mir viel Druck.«

Den haben die beiden McLaren-Fahrer – vor allem, weil das Team immer noch keine Teamorder ausgeben will.

»Ich denke, wir müssen respektieren, dass Oscar seine Chance auf den Titel hat, und deshalb werden wir sie frei fahren lassen«, sagte McLaren-Teamchef Stella. Ob das auch noch gelten würde, sollte gegen Rennende in Abu Dhabi Verstappen führen, Piastri auf Platz drei und Norris auf Platz vier liegen?

Denn dann würde Norris nur bei einem Platztausch den Titel holen können.