SpOn 18.12.2025
13:17 Uhr

Fentanyl: So groß ist die Droge in Deutschland


In den USA wütet eine Fentanyl-Krise, und auch in Deutschland ist das Schmerzmittel längst auf dem Drogenmarkt angekommen. Die Grenze zwischen berauschender und tödlicher Dosis ist schmal.

Fentanyl: So groß ist die Droge in Deutschland

Die USA haben das Schmerzmittel Fentanyl als »Massenvernichtungswaffe« eingestuft. Das Land hat mit Fentanyl ein massives Drogenproblem: Die Substanz ist bis zu 50-mal stärker als Heroin, eine Überdosis ist laut Regierungsangaben die häufigste Todesursache bei Amerikanern zwischen 18 und 44 Jahren.

Fentanyl ist ein Schmerzmittel, das schnell und stark abhängig macht. In der Medizin wird es eingesetzt, um sehr starke Beschwerden zu lindern, aber auch in der Anästhesie. Schon wenige Milligramm können US-Regierungsangaben zufolge tödlich sein.

Das Mittel hat längst auch Europa erreicht, in Frankfurt am Main oder Berlin ist Fentanyl auf dem illegalen Drogenmarkt angekommen. Die Substanz ist einfach und billig zu produzieren. Sie könnte Heroin auf dem Schwarzmarkt verdrängen.

Pflaster mit Fentanyl

Pflaster mit Fentanyl

Foto: Carsten Rehder / dpa

Ein Grund für mehr Fentanyl auf dem deutschen Drogenmarkt könnte in Afghanistan liegen: Weil dort weniger Schlafmohn für Heroin produziert wird, füllen synthetische Opioide die Lücke. Immer öfter wird Heroin auch mit Fentanyl gestreckt.

70 Fentanyl-Tote in Deutschland

Im europäischen Vergleich verzeichnet Deutschland die meisten Fentanyl-Toten. Die aktuellsten verfügbaren Zahlen dazu stammen aus dem Jahr 2023. Für das Jahr meldet die Europäische Drogenagentur , dass Deutschland mit 70 Todesfällen das Land mit der höchsten Zahl an Überdosen war, teils auch durch den Missbrauch von Fentanyl-Arzneimitteln. Insgesamt starben 2023 in der EU mindestens 153 Menschen an Überdosen mit Fentanyl. Die tatsächliche Zahl könnte laut Fachleuten höher liegen, da meist kein toxikologisches Gutachten erstellt wird, wenn ein Mensch an Drogen stirbt.

Die Deutsche Aidshilfe (DAH)  startete 2023 eine Testphase: Mit dem Rapid-Fentanyl-Testing  konnten Abhängige ihr Heroin auf zugesetztes Fentanyl testen. Dafür gab es in Konsumräumen spezielle Teststreifen. Bei insgesamt 1401 Testungen gab es 50 Fälle mit Verunreinigungen mit illegalem Fentanyl. Die meisten positiven Proben fanden sich in Hamburg.

DER SPIEGEL

Gemeinsam mit dem Deutsch-Europäischen Forum für Urbane Sicherheit e. V. (Defus) erarbeitet die DAH deshalb Lösungen, wie sich Städte und Kommunen wappnen können. Anna Mühlen, Projektkoordinatorin bei Defus, fordert mehr Drogenchecks. »Wir müssen wissen, was auf dem Markt unterwegs ist, um reagieren zu können.« Da sei Deutschland im europäischen Vergleich hintendran. Mit Schnelltests kann geprüft werden, ob Fentanyl in der Droge ist – etwa, wenn das Heroin gestreckt wurde. »Man kann nichts gegen das Problem tun, wenn man es nicht kennt oder versteht«, sagt Mühlen.

Weitere synthetische Opioide auf dem Markt

Neben Fentanyl seien Nitazene im Umlauf, andere synthetische Opioide, im Internet bestellbar. »Die sind oft sogar noch potenter als Fentanyl«, sagt Mühlen. Ein großes Problem, denn bei solchen Substanzen ist eine richtige Dosierung schwer. Ein paar Milligramm zu viel und es droht eine tödliche Überdosis.

Einzige Hilfe im Notfall: das Nasenspray Naloxon. Bei einer Überdosis mit synthetischen Opioiden kann es Leben retten. Mühlen fordert, Naloxon flächendeckend zu verteilen, besonders bei Menschen, die mit den Konsumierenden in Kontakt sind. Nicht nur Personen in der Sozialarbeit, sondern auch Leute vom Ordnungsamt. »Je mehr Menschen das dabeihaben, desto besser – besonders im städtischen Ballungsraum.«

Ansonsten brauche es Hilfsangebote in den Kommunen und Investitionen in Konsumräume, in denen Suchtkranke etwa mit sterilen Nadeln in einem sauberen Umfeld konsumieren können. »Die Betroffenen sind oft wohnungslos und vulnerabel«, sagt Mühlen, gerade solche Lebensumstände verschärfen die Situation. »Da hilft es nicht, dass mit dem Label ›Zombiedroge‹ Angst geschürt wird.«

Es gibt die Sorge, dass es in Deutschland womöglich zu einer ebenso breiten Opioidkrise kommt wie in den USA. Fachleute gehen aber eher nicht davon aus. In den USA wurden Opioide über Jahrzehnte massenhaft verschrieben, oft auch unkritisch bei einer Vielzahl von Schmerzen. In den USA gebe es ganz andere Dynamiken, sagt etwa Mühlen, »in Deutschland werden lange nicht so viele synthetische Opioide verschrieben wie in den USA«. In Städten hierzulande gebe es zwar einzelne positive Tests, aber noch verhältnismäßig wenig Fälle von Überdosen. Allerdings ist im Verhältnis auch hierzulande die Zahl der Patienten, die opioidhaltige Schmerzmittel zu sich nehmen, auffällig hoch – und viele werden abhängig .

Mehr zum Thema

Massenhafte Verschreibungen des Schmerzmittels Oxycontin gelten als Auslöser für die Krise in den Vereinigten Staaten. Hersteller Purdue Pharma und dessen Eigentümerfamilie Sackler hatten sich Anfang des Jahres mit 15 US-Bundesstaaten auf eine Zahlung von insgesamt 7,4 Milliarden Dollar für ihre Rolle in der verheerenden Opioidkrise geeinigt. Der Familie Sackler wurde vorgeworfen, massiv für das Medikament geworben und dabei verschleiert zu haben, dass es süchtig macht. Viele Patientinnen und Patienten wichen aus der Abhängigkeit auf den illegalen Markt aus.