SpOn 18.02.2026
08:49 Uhr

Familienhelfer: Bürokratie, Streitereien und Teddybären: So hilft eine Sozialarbeiterin Familien in Hannover


Claudia Fischer-Stabla ist in Hannover als Sozialarbeiterin im Einsatz. Sie unterstützt Familien, die es schwer haben: wegen Krankheiten, Armut oder anderen Notsituationen. Was sie in ihrem Beruf so erlebt.

Familienhelfer: Bürokratie, Streitereien und Teddybären: So hilft eine Sozialarbeiterin Familien in Hannover

Der Teddybär hat weiches Fell und einen Schal um den Hals. Er sitzt zwischen Babykleidung und Brettspielen. Unter seinen Knopfaugen ist ein Lächeln aufgestickt. »Der ist super«, sagt Claudia und greift sich das Plüschtier vom Regal. »Den nehme ich gleich mit.«

Claudia arbeitet als Familienhelferin in Hannover. Ihre Aufgabe ist es, Familien zu unterstützen, die große Probleme haben oder sich in schwierigen Situationen befinden. Die Hilfe kann unterschiedlich ausfallen: Claudia zeigt Eltern etwa, wie sie fürsorglicher mit ihren Kindern umgehen können und wie sich Konflikte besser schlichten lassen.

Jetzt gerade sucht die 37-Jährige Mitbringsel für ihren nächsten Familienbesuch aus. Dafür steht sie in einem Raum, der im selben Gebäude liegt wie ihr Büro. Er ist voller Klamotten, Bücher, Stofftiere und Spielzeug. »Das ist unser Lager«, sagt Claudia. »Die Sachen hier wurden uns gespendet, zum Beispiel von Freunden und Bekannten. Wir geben sie an Kinder weiter, deren Eltern sich solche Dinge nicht leisten können.«

Claudia ist bei der Jugendhilfe-Organisation Venito angestellt, die zu der Unternehmensgruppe Dachstiftung Diakonie gehört. Das Venito-Team besteht aus 48 Familienhelferinnen und -helfern. Sie werden vom Jugendamt Hannover beauftragt, Familien in der Stadt zu betreuen.

In Deutschland gibt es ein Recht auf Familienhilfe. Es gilt für alle Familien, die allein nicht sicherstellen können, dass es ihren Kindern gut geht. Die Kosten für die Hilfe übernehmen die Jugendämter, von denen es hierzulande mehr als 600 gibt. Sie entscheiden auch darüber, ob Familienhilfe nötig ist. Für die kann es verschiedene Grün­­­de geben, etwa schwere Krankheiten, Armut, schlimme Streitereien oder andere Notsituationen.

Claudia macht den Job seit rund 15 Jahren. »Ich habe Soziale Arbeit studiert und danach ein Anerkennungsjahr absolviert«, erzählt sie. Das berechtigt sie dazu, im Bereich der Sozialarbeit tätig zu sein, zu dem die Familienhilfe gehört. »Für mich war das immer ein Traumberuf. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass man für andere Menschen da sein muss.«

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Heute wird Claudia für Lena* da sein. Sie erhält Familienhilfe, weil sie vor Kurzem Zwillinge bekommen hat und mit der Situation überfordert ist. »Ich begleite Lena seit drei Monaten«, sagt Claudia. Mehrmals pro Woche besucht sie die 24-Jährige. »Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Das ist nicht selbstverständlich. Manchmal dauert es ein wenig, bis die Familien mir vertrauen.«

Lena hat insgesamt fünf Kinder. Die drei ältesten wohnen nicht mehr bei ihr. Das hat das Jugendamt entschieden, weil sich Lena nicht gut genug um die Kinder kümmern konnte. Ihr ältester Sohn ist vier. Er lebt eine Stunde entfernt in einem Kinderheim. Lena dürfte ihn dort zwar besuchen, kann sich die Anfahrt aber nicht leisten. »Sie hat ihren Sohn seit neun Monaten nicht gesehen«, sagt Claudia. »Aber bald wird sie ihn endlich wiedertreffen. Ich bringe Lena den Teddybären mit, damit sie ein Geschenk für ihn hat.«

Berufsinfo

Was ist das Schönste an dem Beruf?

»Zu sehen, wie Eltern und Kinder ihre Stärken finden und daran wachsen.«

Und was ist das Schlimmste?

»Mitzubekommen, wenn Kinder von ihren Eltern getrennt werden.«

Wie viele Familienhelferinnen und -helfer gibt es in Deutschland?

Genaue Zahlen gibt es nicht. Familienhilfe gehört zum Bereich der Sozialen Arbeit. Im Jahr 2024 arbeiteten in Deutschland rund 375.000 Menschen, die einen Abschluss in diesem Bereich besitzen. Familien­helferinnen und -helfer machen davon lediglich einen kleinen Anteil aus.

Wie lange dauert die Ausbildung?

Vier bis sechs Jahre. Je nachdem, ob man einen Master an den Bachelor-Abschluss dranhängt. Man studiert Soziale Arbeit. Danach muss eine staatliche Anerkennung erworben werden, was ein weiteres Jahr dauern kann.

Wie viel verdient man?

Zwischen 2900 und 4100 Euro im Monat.

Was muss man können?

  • Offen sein gegenüber anderen Menschen, Kulturen und Sprachen

  • Gelassenheit besitzen, um Ruhe in aufgeregte Familien zu bringen

  • Geduld haben, weil es dauern kann, bis sich ein Erfolg einstellt

Für wen ist das eher nichts?

  • Für Schüchterne, weil man häufig fremde Leute kennenlernen muss

  • Für sehr Sensible, weil für die Arbeit ein dickes Fell nötig ist

  • Für Unflexible, weil man sich zeitlich nach den Familien richten muss

Noch liegt der Teddybär in einem Kinderwagen, den Claudia durch Hannover schiebt. Lenas Wohnung befindet sich etwa 20 Minuten Fußweg von Claudias Büro entfernt. »Den Kinderwagen habe ich von einer Freundin bekommen, die ihn nicht mehr braucht. Lena kann ihn haben.«

Meistens geht Claudia zu Fuß zu ihren Familien. »Die frische Luft und die Bewegung machen den Kopf frei«, sagt sie. Nach den Besuchen tue das gut. In Claudias Beruf geht es nicht immer friedlich zu. Ab und an werden Gespräche zu Gebrüll. »Wenn ich angeschrien werde, ist es wichtig, Grenzen zu ziehen. Ich stelle die Leute vor die Wahl: Entweder sie beruhigen sich, oder ich breche den Besuch ab.«

Bei Lena war das noch nie nötig. Inzwischen ist Claudia bei der 24-Jährigen angekommen. Lena freut sich über den Teddybären und den Kinderwagen. »Ich hoffe, dass die beiden da auch reinpassen«, sagt sie. Zwillinge brauchen eben mehr Platz. Claudia wiegt eines der Babys auf dem Arm, Lena hält das andere. Die beiden Frauen wirken vertraut. »Wir müssen die Zwillinge gleich füttern«, sagt Lena.

Die Familienhelferin hat der 24-Jährigen Lena einen Teddy mitgebracht. Später wird Lena den Bären ihrem ältesten Sohn schenken.

Die Familienhelferin hat der 24-Jährigen Lena einen Teddy mitgebracht. Später wird Lena den Bären ihrem ältesten Sohn schenken.

Foto:

Michael Löwa / DEIN SPIEGEL

Lena hatte kein liebevolles Elternhaus. Sie hat viele Dinge nicht gelernt, die für andere Erwachsene ganz normal sind, etwa das Erledigen von Papierkram. Claudia hilft ihr heute dabei, einen Brief an eine Behörde zu schreiben. Es geht darum, dass Lena Kindergeld vom Staat bekommen soll. Darauf haben alle Eltern Anspruch. Um es zu beantragen, braucht sie die Geburtsurkunden ihrer Zwillinge. Lena schnappt sich Stift und Papier. Claudia diktiert ihr, was sie der Behörde schreiben soll.

Auf dem Arm ein Baby, in der Hand einen wichtigen Brief: Claudia hilft Lena nicht nur mit ihren Zwillingen, sondern unterstützt sie auch beim Erledigen von Papierkram.

Auf dem Arm ein Baby, in der Hand einen wichtigen Brief: Claudia hilft Lena nicht nur mit ihren Zwillingen, sondern unterstützt sie auch beim Erledigen von Papierkram.

Foto:

Michael Löwa / DEIN SPIEGEL

Zwei Stunden später befindet sich der Brief in einem Umschlag. Claudia wird ihn gleich zur Post bringen. Die Zwillinge sind eingeschlafen, und die Frauen verabschieden sich. »Ich bin sehr froh, dass ich Claudia habe«, sagt Lena. »Ohne sie wäre es schwierig.«

* Wir haben Lenas Vornamen geändert, weil sie nicht möchte, dass ihr echter Name veröffentlicht wird.

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