SpOn 17.01.2026
09:50 Uhr

Familie: Was ich mir als Mutter vornehme – Diesen Neujahrsvorsatz ziehe ich durch


Ich liebe Bücher, trotzdem sehen meine Kinder mich fast nie lesen. Warum ich das jetzt ändern will.

Familie: Was ich mir als Mutter vornehme – Diesen Neujahrsvorsatz ziehe ich durch

Mir ist aufgefallen, wie meine Kinder mich oft sehen: an der Küchenmaschine, mit dem Staubsauger, vor der Geschirrspülmaschine, am Laptop, mit dem Smartphone in der Hand. Aber fast nie mit einem Buch.

Dabei lese ich viel, es ist nur für die Kinder unsichtbar. Ich lese abends, wenn sie schlafen und es still im Haus ist. Im Auto höre ich Audiobücher beim Autofahren. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich das »Hufe klappern, Pferde traben, springen über’n Wassergraben«-Intro wegdrücken kann, das automatisch startet, sobald ich mein Handy verbinde. Esse ich allein, liegt mein E-Reader neben dem Teller. In der Bibliothek leihen wir stapelweise Kinderbücher aus – aber kein einziges für Erwachsene.

Deswegen habe ich mir vorgenommen, vor den Kindern mehr zu lesen. Nicht vorzulesen, das tue ich ohnehin täglich. Sondern auch, vor ihnen zu lesen.

Denn Bücher und Geschichten gehören seit jeher zu meinem Leben. Ich erinnere mich noch an die winzige Bibliothek im Pfarrhaus meines Heimatdorfes. Die Kinderbücher nahmen nur ein Regal ein. Darin standen in ordentlicher Reihe die Bände von Enid Blytons Detektivreihe »Geheimnis um...«. Jedes Buch steckte in einem Plastikeinband, und es gab von jedem nur ein Exemplar. Ich las und las, bis ich am Ende des Regals angelangt war.

Lesende Frau: »Ich lese viel, es ist nur für die Kinder unsichtbar« (Symbolbild)

Lesende Frau: »Ich lese viel, es ist nur für die Kinder unsichtbar« (Symbolbild)

Foto: Alina Rudya / Bell Collective / Getty Images

Danach fuhr mich meine Mutter in die Stadtbibliothek, wo ich meinen eigenen Ausweis bekam. Geschichten haben mir die Welt geöffnet, mich getröstet und immer begleitet, im Flugzeug, im Zug, im Bett nachts mit einem Säugling. Wenn mir der Alltag aus Wickeln, Füttern und Trösten in den Elternzeiten zu eintönig wurde, hörte ich Audiobücher, während ich mit dem Baby in der Trage durch den Tag spazierte.

Als Eltern wünscht man sich vieles für seine Kinder. Ich wünsche mir, dass sie Leser bleiben – auch wenn eines Tages das Vorlesealter langsam endet. Denn ich glaube, wenn man liest, kann nicht mehr so viel schiefgehen.

Allerdings ist es eine Gewohnheit, die gepflegt werden muss. Ich sehe an den Freundinnen und Klassenkameraden meiner Zehnjährigen, was sich verändert, wenn das Handy griffbereit in der Hosentasche steckt. Am meisten sehe ich es an mir selbst: Wenn ich nicht vor dem Schlafengehen automatisch zum E-Reader greifen würde, wäre ich abends wahrscheinlich nur mit Scrollen beschäftigt.

Deswegen probiere ich es nun mit Vorleben, es bringt mehr als Erziehen. Das weiß jeder, der mal versucht hat, seinem Kind das »Scheiße«-Sagen ab- und das »Danke«-Sagen anzugewöhnen. Wenn ich will, dass meinen Kindern etwas normal erscheint, muss ich es zur Normalität machen. Dieses Jahr will ich das Handy vor ihnen nur für Notwendiges nutzen.

»Du betreibst performative reading«, sagte ein Kollege, als ich ihm von meinem Vorsatz erzählte. Der Begriff war mir neu, das Phänomen nicht. Beim inszenierten Lesen dient das Buch als Accessoire, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Der Einband ist sichtbar, idealerweise etwas Intellektuelles. Ich musste an die Jungs denken, die in den Nullerjahren auf muffigen Sofas in Nachtklubs saßen. Aus deren Jackentaschen ragte wie zufällig ein Reclam-Heft oder ein Diogenes-Band.

Zugegebenermaßen tue ich das Gleiche – nur mache ich es nicht, um meine Kinder zu beeindrucken. Das gelingt mir ohnehin selten. Ich lese, weil ich will, dass sie mich nicht mit dem Handy in Erinnerung behalten. Sie sollten merken, dass Lesen im Alltag so selbstverständlich ist wie Wäsche zusammenlegen.

Ob das klappt? Ich probiere es aus. Das Jahr ist noch jung, mein Vorsatz auch. Immerhin liegt inzwischen eines meiner Bücher auf dem Küchentresen. Kürzlich saß ich damit nachmittags auf dem Sofa, die Kaffeetasse gefüllt, während meine sieben- und zweijährigen Jungs auf dem Teppich spielten. Keine zwei Minuten später hüpften beide auf meinem Schoß. Ein lesender Elternteil ist für Kinder ein menschlicher Magnet. Kaum saß ich still, klebten sie an mir.

Vorleben statt erziehen – hat das bei Ihnen funktioniert? Schreiben Sie an familiennewsletter@spiegel.de .


Buchtipp

Bei uns sind gerade Graphic Novels angesagt. Leihen wir eine neue aus, fängt meine Zehnjährige oft schon auf der Straße vor der Bücherei zu lesen an. Eine wunderbare Reihe für Mädchen sind die »nICHt genug«-Comics von Maria Scrivan. Darin geht es um Natalie, die manchmal das Gefühl hat, nicht cool genug zu sein. Dann gibt es auch noch Stress mit ihrer besten Freundin. In der Geschichte entdeckt sie, wer sie eigentlich sein möchte, und merkt, dass sie sich gar nicht verändern muss. Die Autorin trifft genau die Themen, die Mädchen in dem Alter beschäftigen, aber ohne Erwachsenenmoral, sondern mit viel Humor.

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Nicht genug

Maria Scrivan
Übersetzung: Harriet Fricke
Verlag: Loewe
Seitenzahl: 240
Für 17,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

17.01.2026 15.24 Uhr

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Foto: DEIN SPIEGEL

Klimakrise, Handyverbot, Wehrpflicht. Junge Menschen sind davon stark betroffen, doch in politische Entscheidungen werden sie selten eingebunden. Warum das ein Problem ist und wie sich fünf Kinder und Jugendliche dennoch einbringen, steht in der neuen Ausgabe von DEIN SPIEGEL, dem Nachrichten-Magazin für Kinder. Außerdem im Heft: Wie Donald Trump die US-Demokratie beschädigt. Und: Biathletin Selina Grotian über ihre Vorbereitung auf die Olympischen Winterspiele. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:

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Mein Moment

In meinem letzten Newsletter schrieb ich von dem »Nichtstun‑Tag«, den wir zu Hause eingeführt haben. An diesem Weihnachtsfeiertag bleiben wir ohne Stress und Planung alle im Pyjama zu Hause, genießen das Chaos vom Vorabend, spielen mit den Kindern und machen einfach nichts. Leserin Anita hat eine ähnliche Tradition:

»Bei uns hieß dieser Tag einfach Faultag, war an keinen Termin gebunden, sondern fiel irgendwann mitten im Jahr auf einen völlig verregneten Samstag oder Sonntag. Wir beschlossen, ähnlich wie in Ihrer Schilderung, im Bett zu bleiben und alle nötigen Sachen (irgendwelches Essen und die Gesellschaftsspiele) dorthin zu holen. Das machte so lange Spaß, bis uns die pieksenden Kekskrümel zwangen, gegen Abend wieder aufzustehen. Und was mich am meisten freut, war neulich die Aussage meiner Tochter: Weißt du noch, wie wir einmal im Jahr einen richtigen Faultag gemacht haben?«

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

Herzlich
Ihre Antonia Bauer