In der Kolumne »Haltungsnote« würdigen oder kritisieren wir jede Woche besondere Auftritte in der Sportwelt.
Weniges lieben Sportjournalisten mehr als Exoten. Der Skisprung-Outcast Michael »Eddie the Eagle« Edwards, die Bobfahrer aus Jamaika, die Fußballer von Kap Verde, die erstmals bei einer WM dabei sind: Alle sind sie Lieblinge der Sportberichterstattung.
Die Handball-EM, die gerade in Dänemark, Schweden und Norwegen ausgetragen wird, hat in dieser Hinsicht ein neues Kapitel geschrieben: Diesmal war es das Team der Färöer.
Die Schafsinseln, im Nordatlantik gelegen, zu Dänemark gehörend, werden von etwa 55.000 Menschen bewohnt. 6500 von ihnen tourten als Fans durch die Arenen der EM. Die färöische Fluggesellschaft Atlantic Airways ließ Sondermaschinen starten, mehr als 1000 Fans nahmen die Fähre. Kitas auf den Färöer sollen geschlossen gewesen sein, da viele Mitarbeiter als EM-Touristen unterwegs waren. Das Parlament der Färinger, heißt es, habe während der EM angeblich nicht getagt.
Färöer-Star Elias a Skipagötu
Foto: Cornelius Poppe / EPADas Klischee der wackeren Nordmänner lebte, irgendwo von weit her hinter den sieben Bergen, mit ihren putzigen Fans, die sich auf dem Kontinent zur großen EM-Party trafen. Und der Met fließt in Strömen.
Mit der Realität hat das allerdings nur bedingt zu tun.
Das Team ist sportlich kein Zwerg, die besten Spieler sind in der Bundesliga aktiv, beim THW Kiel, bei den Füchsen Berlin. In der Vorrunde wurde Montenegro 37:24 zerlegt, die Qualifikation für die Hauptrunde verpasste man am Dienstag nur knapp. Keine David-gegen-Goliath-Story also. Aber die Sehnsucht nach romantischen Sportgeschichten in der so unromantischen Sportwelt ist größer.
Das Parlament der Färinger ruht übrigens nicht, weil alle Politiker als Handball-Fantouristen unterwegs waren. Sondern weil das Haus gerade behindertengerecht umgebaut wird.

