SPIEGEL: Herr Georg, der Bitcoin-Preis ist seit dem Rekordhoch im vergangenen Oktober massiv gefallen. Ist jetzt ein guter Moment für den Einstieg?
Georg: Das bezweifle ich.
SPIEGEL: Weil Sie ein notorischer Bitcoin-Skeptiker sind, wie Ihre Kritiker behaupten?
Georg: Eher, weil es enorme systemische Risiken beim Bitcoin gibt, die man nicht leugnen kann. Wir sprechen von fundamentalen Problemen.
SPIEGEL: Welche Probleme meinen Sie denn?
Georg: Denken Sie nur an den »Flash-Crash« des Bitcoins am 10. Oktober, als der Kurs binnen weniger Stunden rund 15 Prozent abstürzte. Mich erinnern solche Ereignisse an die Finanzkrise 2008: Damals hatte sich im globalen Finanzsystem über Jahre hinweg still und heimlich eine Spannung aufgebaut, die sich schlagartig entlud. Ähnlich ist es im Krypto-Finanzsystem. Schon eine kleine Negativschlagzeile kann die Stimmung kippen lassen.
SPIEGEL: Woran denken Sie?
Georg: Ich sehe drei Sollbruchstellen: Erstens die Firma Strategy, die mit Kapital von Investoren milliardenschwere Bitcoin-Reserven aufgebaut hat und unter einem enormen Erfolgsdruck steht.
SPIEGEL: Strategy-Chef Michael J. Saylor hat versprochen, niemals zu seinen Lebzeiten Bitcoin zu verkaufen.
Georg: … und könnte doch dazu gezwungen sein, wenn Investoren am Erfolg seines Unternehmens zweifeln und ihre Gelder abziehen. Ein solcher Verkauf wäre für den Markt ein Schock.
SPIEGEL: Und das zweite Risiko?
Georg: Das ist der Stablecoin-Anbieter Tether, der ein gewaltiges Rad dreht und nicht gerade für seine Transparenz bekannt ist. Das Unternehmen hat bis heute keine testierte Bilanz vorgelegt. Wenn Investoren an der Finanzkraft Tethers zweifelten, würde das Schockwellen durch die gesamte Kryptowelt schicken. Und noch etwas macht mir Sorgen.
SPIEGEL: Das wäre?
Georg: Die mangelnde Liquidität einiger Kryptobörsen. Leider haben da viele Leute in den vergangenen Monaten unliebsame Erfahrungen gemacht. Sie wollten Bitcoin gegen Euro, Dollar oder andere Kryptowährungen tauschen – und wurden vertröstet, weil die Handelsplätze die notwendige Liquidität nicht aufbringen konnten. Wir kennen solche Liquiditätsprobleme aus der traditionellen Finanzwelt. Aber dort gibt es Vorschriften, die genau solche Engpässe verhindern sollen. Für Kryptobörsen wie Binance gibt es solche Regeln nicht, obwohl die Probleme längst bekannt sind.
SPIEGEL: Kann es sein, dass Sie den Bitcoin einfach sehr negativ sehen?
Georg: Ich möchte lediglich ein realistisches Bild zeichnen. Leider verschließen viele Menschen in der Branche vor diesen Problemen die Augen.
SPIEGEL: Eigentlich hat die Kryptobranche 2025 doch fast alles erreicht, wovon sie geträumt hat: In den USA hat Donald Trump nicht nur eine nationale Krypto-Reserve lanciert. Man kann Bitcoin dort inzwischen sogar für die private Altersvorsorge kaufen. Ein Vorbild für Deutschland?
Georg: Das ist ein sehr amerikanisches Phänomen. Hierzulande hat die FDP zwar kurz vor dem Platzen der Ampelkoalition versucht, auf den Krypto-Zug aufzuspringen, aber die Idee von einer deutschen Bitcoinreserve versandete. Zum Glück! Es wäre absurd, wenn etwa die Bundesbank in Bitcoin investieren und sich damit den Kursschwankungen aussetzen würde.
SPIEGEL: Weshalb sind nationale Kryptoreserven dann für Bitcoiner so ein wichtiges Thema?
Georg: Für Bitcoiner geht es immer darum, den nächsten Käufer zu finden – »the greater fool« eben. Aus deren Sicht gibt es keinen größeren Narren als den Staat. Wenn der Staat Bitcoin als Reserve kauft und langfristig hält, wäre das für Bitcoiner ideal.
SPIEGEL: Bitcoin-Anhänger sehen die Cyberwährung als digitales Pendant zu Gold.
Georg: Das ist ein Mythos. Untersuchungen zeigen, dass sich der Bitcoin- und der Goldpreis bei makroökonomischen Schocks völlig unterschiedlich verhalten. Denken Sie etwa an den »Liberation Day« im April 2025, als Donald Trump umfassende Strafzölle ankündigte. Damals stieg der Goldpreis schlagartig, während der Bitcoin-Kurs massiv unter Druck geriet. Der Bitcoin entwickelt sich im Gleichschritt mit Technologieaktien.
SPIEGEL: Was lehrt uns das?
Georg: Dass Bitcoin eine spekulative Anlage ist und am ehesten wie eine riskante Aktie betrachtet werden sollte.
SPIEGEL: Früher schwankte der Bitcoin-Kurs deutlich stärker, 2025 war die sogenannte Volatilität so niedrig wie noch nie in seiner Geschichte.
Georg: Es ist keine Überraschung, dass die Volatilität sinkt, wenn mehr Leute die Assetklasse nutzen. Allein in Deutschland investieren mittlerweile etwa siebeneinhalb Millionen Menschen in Kryptowerte. Aber man sollte sich davon nicht täuschen lassen: Man kommt von einem historischen Höchstpunkt der Volatilität. Wenn man den Bitcoin in ein normales Portfolio aufnimmt, ist das nicht mehr so riskant wie vor zwei oder drei Jahren. Aber die systemischen Risiken bleiben bestehen. Durch Donald Trump wurden sie noch verstärkt.
SPIEGEL: Inwiefern?
Georg: Die Trump-Familie hat sich mit eigenen Kryptowährungen bereichert, beim $Trump-Coin und anderen Währungen gab es zahlreiche Vorwürfe wegen Insiderhandels. Eine derartig unverhohlene Korruption und Marktmanipulation hätte ich mir vor zwei, drei Jahren nicht vorstellen können. Bei traditionellen Finanzinstrumenten würde sofort die Finanzmarktaufsicht wegen Insiderhandels einschreiten. Bei Krypto ist nach wie vor Wilder Westen, anything goes. Ich sage immer: Donald Trump ist der Präsident, den Krypto verdient.
SPIEGEL: Was müsste 2026 passieren, damit der Bitcoin-Kurs nachhaltig steigt?
Georg: Es müssten wohl mehr Staaten Bitcoin im großen Stil kaufen. Der Luxemburger Staatsfonds hat zum Beispiel etwa ein Prozent seines Vermögens in den Bitcoin investiert. Selbst wenn der Kurs einbräche, könnte man das dort wohl verschmerzen. So würde ich das auch als Privatanleger halten: Wenn man unbedingt Bitcoin kaufen möchte, dann nur mit Geld, dessen Totalverlust man verschmerzen kann.
SPIEGEL: Das klingt nicht gerade euphorisch.
Georg: Man kann es drehen und wenden, wie man will: Bitcoin bleibt eine spekulative Anlageklasse, die von sozialen Aspekten getrieben wird. Der Kurs steigt nur, wenn sich die Bitcoin-Story verbreitet. Aber dieser Effekt nutzt sich irgendwann ab. Das größte Risiko für Bitcoin ist Langeweile.
SPIEGEL: Sie haben sich lange aus der Bitcoin-Debatte herausgehalten. Warum äußern Sie sich jetzt?
Georg: Als Akademiker kann man zu Bitcoin nichts richtig machen. Wenn man was sagt, bekommt man von links und rechts auf den Deckel. Was mich umgetrieben hat, war, dass ernsthaft diskutiert wurde, ob Deutschland eine strategische Bitcoin-Reserve braucht. Da kann man als Wissenschaftler nicht mehr ruhig sein.
SPIEGEL: Wie schwierig ist es, als Kryptokritiker das Frankfurt School Blockchain Center zu leiten?
Georg: Es ist schon schwierig, manchmal zumindest. Da kommt es auch zu persönlichen Anfeindungen, mitunter im strafrechtlich relevanten Bereich. Es gibt einen kleinen, aber sehr lauten Teil der Community, der meine Kritik nicht hören möchte. Ich bin kein Kritiker aus persönlicher Abneigung. Ich bin Kritiker geworden, nachdem ich versucht habe, das System zu verstehen. Je mehr ich über den Bitcoin lerne, umso skeptischer werde ich.

