Ein Löwe mit Schwert, dahinter eine Sonne, vor grün-weiß-rotem Grund: Die alte iranische Flagge flattert an diesem Montagnachmittag auf dem Hamburger Rathausmarkt, einst wehte sie für den Schah bis zur islamischen Revolution 1979. Sechs Stück hat Soheil Menhaj auf dem Dach eines alten Feuerwehrautos angebracht, daneben zwei Deutschlandfahnen. Das Fahrzeug hat er mitten auf den Platz geparkt. Wenige Tage ist es her, dass die USA und Israel sein Heimatland angegriffen haben. Da könne er nicht einfach untätig zu Hause sitzen, sagt Menhaj. »Ich stehe hier, weil ich nach all den Jahren endlich wieder Hoffnung habe.«
Er sei mit 14 aus Teheran nach Deutschland geflohen, sagt Menhaj. Heute ist er 52, er betreibt eine Spedition in Hamburg, ein breiter Mann mit freundlichen Augen. Er habe nicht mehr daran geglaubt, ein befreites Iran zu erleben, sagt er. Jetzt ist der Glaube daran zurück.
2022 baute er das alte Feuerwehrauto zu einem Demofahrzeug um und fuhr damit in Hamburg zu verschiedenen Protesten der »Frau, Leben, Freiheit«-Bewegung nach der gewaltsamen Tötung von Jina Mahsa Amini, einer jungen Frau, die von den Sittenwächtern wegen eines falsch sitzenden Kopftuchs misshandelt worden war. Er bastelte Schilder mit Schwarz-Weiß-Fotos von jungen Menschen, die bei Protesten getötet wurden. Auch heute hat er diese Bilder dabei.
Aber diesmal ist es anders. Irans Oberster Führer, Ali Khamenei, ist tot. Der Mann, der das Land jahrzehntelang knechtete und noch vor wenigen Wochen tausende Iraner töten ließ, existiert nicht mehr.
Als er das hörte, habe er vor Freude fast geweint, sagt Menhaj. Am Wochenende fuhr er mit dem Wagen zu verschiedenen Kundgebungen in der Stadt, die zu großen Feiern wurden, jubelte mit hunderten Exil-Iranern.
An diesem Montag protestiert er erneut für sein Heimatland. Um 14.30 Uhr baut er Klappstühle und einen Tisch auf, darauf stellt er eine Schüssel mit bunten Bonbons. Aus den Boxen schallen passende Songs, etwa von Abba, »I have a dream«.
Keine Alternative zu »Herrn Pahlavi«
Passanten bleiben stehen, fotografieren das Feuerwehrauto, von dem ein meterhohes Banner hängt. »Stop Murdering Children« steht darauf, »Free Iran«. Immer wieder kommen Menschen zu ihm, beteuern ihre Solidarität oder erzählen, was sie mit Iran verbindet. Ein deutscher Mann, dünner Schal, schwarze Aktentasche, spricht Menhaj an:
»Wen meint ihr mit ›Stop Murdering Children‹?«
»Die Mullahs.«
»Na gut, weil die Amerikaner auch gerade eine Schule bombardiert haben.«
»Das Plakat ist schon älter.«
Ob sie für den Schah seien, fragt der Deutsche, die Iraner bejahen. Aber dessen Vater habe doch während der Monarchie eine Blutspur hinterlassen, sagt der Mann. Es gebe derzeit keine Alternative zu »Herrn Pahlavi«, sagt Menhaj.
In nachdrücklichem Ton unterhalten sich die beiden Männer, die aus verschiedenen Welten stammen, über das Ungeheuerliche.
»Was die Amis da in Iran gemacht haben, findet ihr also gut?«
»Leider ja.«
»Aber der Widerstand muss von innen kommen, wenn ihr das System stürzen wollt.«
»Bei allem Respekt, es sind tausende Tote. Wie viele Opfer soll es denn noch geben?«
Die beiden diskutieren lange, ein Deutscher, hochskeptisch gegenüber den USA, und ein Exil-Iraner, der seine Heimat von den Amerikanern befreit sieht. Am Ende verabschieden sie sich höflich.
Letzte Chance
Dann sieht Menhaj bekannte Gesichter. Zwei Freunde aus der iranischen Diaspora umarmen ihn. Hoda Reihani hat sich die Flagge mit dem Löwen um den Körper gebunden, Sam Falsafinia trägt ein rotes Käppi mit der Aufschrift »Make Iran Great Again«.
Protestierende Reihani (mit Flagge), Falsafinia (mit Mütze), Menhaj: »Nun ist der Diktator tot«
Foto: Alessandra Röder / DER SPIEGELReihani ist 41 und lebt seit acht Jahren in Deutschland. In Iran habe sie für die Frauenrechte gekämpft, wollte unabhängig vom Vater oder Ehemann leben, sagt sie. Weil sie keine gläubige Muslimin ist, habe sie das Land verlassen müssen. Man hätte sie sonst umgebracht. »Meine Generation konnte nicht in Freiheit leben«, sagt sie, »aber nun ist der Diktator tot«. Es wäre noch besser gewesen, wenn er sich vor Gericht hätte rechtfertigen müssen. Aber sie sei Israel und den USA sehr dankbar.
Falsafinia, der Mann mit der Käppi, sagt, er sei nicht sicher, ob die Schreckensmeldungen zu Dutzenden toten Kindern durch die aktuellen Luftschläge in Iran tatsächlich stimmen. Was er sicher weiß, ist, dass er viele Freunde durch das Regime verloren hat, sein Bruder habe im Gefängnis gesessen. »Das ist vielleicht unsere letzte Chance«, sagt er.
»Ich war kein Trump-Fan«, sagt Menhaj. Aber nun habe der US-Präsident seinen Respekt. »Er hat sein Wort gehalten.« Das sei die einzige Hoffnung gewesen. Ohne Bewaffnung hätte die iranische Bevölkerung nicht gegen das Regime ankommen können. Nun sei aber die Frage, wie es weitergehe.
Er habe am Wochenende mit seiner Mutter in Iran telefoniert. Als er einen möglichen Regimewechsel andeutete, habe sie sofort mit den Händen gefuchtelt. Zu groß war ihre Angst, das Regime könnte sie abhören. Reihani konnte noch nicht mit ihrer Familie sprechen, das Internet sei zu schlecht. »Ich mache mir große Sorgen«, sagt sie.
Eine Frau bleibt vor dem Tisch stehen und sagt, sie komme gerade vom Zahnarzt, ihre rechte Wange sei noch taub. Aber das hält sie nicht davon ab, zu sprechen. Sie liebe Deutschland, beim Fußball am Fernseher singe sie immer die Nationalhymne, aber sie sei so enttäuscht. Es habe für die zivilen Proteste in ihrem Land keine Unterstützung von außen gegeben. »Was war denn mit der feministischen Außenpolitik von Baerbock?« Erst wenn es um Öl, um Geld gehe, würden sich die Leute interessieren.
Sie erzählt von den Toten, von Müllsäcken mit Leichen, in denen Eltern nach ihren Kindern suchten. Tränen steigen ihr in die Augen. »Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass die jungen Leute in Iran atmen können, dass sie frei sprechen können«, sagt sie.
Menhaj drückt ihren Arm. »Es kann nur besser werden«, sagt er. Morgen wird er wieder auf dem Rathausmarkt stehen.
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