Eli Sharabi, ehemalige Geisel der Hamas:
»Man hat vor allem Angst, man hat Angst um sein Leben und sieht den Tod in jeder Ecke.«
491 Tage war Eli Sharabi in der Gewalt der Hamas, als Geisel im Gazastreifen. Als die Terroristen am 7. Oktober 2023 Israel überfallen, verwüsten sie auch den Kibbuz Be’eri. Sie zerstören Häuser und richten ein Massaker an, ermorden allein hier mehr als 100 Männer, Frauen und Kinder, entführen weitere, so auch Sharabi, damals 51 Jahre alt.
Eli Sharabi, ehemalige Geisel der Hamas:
»In dem Moment, in dem sie mich im Kibbuz Be’eri in ihr Auto gestoßen habe, habe ich in einen Überlebensmodus geschaltet. Ich wusste, dass ich eine Mission habe, und habe meinen Töchtern versprochen, zurückzukehren.«
Im Gazastreifen wird Sharabi zunächst in einem Haus festgehalten, über der Erde, während Israel schon Vergeltungsschläge fliegt. Dann aber verlegen ihn seine Geiselnehmer in das berüchtigte Tunnelsystem der Hamas.
Eli Sharabi, ehemalige Geisel der Hamas:
»Es war mein schlimmster Albtraum, in diese Tunnel zu gehen. Als ich verstand, dass das passiert, habe ich angefangen, mit ihnen zu diskutieren. Sie wurden wütend, luden ihre Waffen durch und zielten auf meinen Kopf. In dem Moment habe ich mich wieder an mein Versprechen an meine Töchter erinnert, zurückzukehren. Ich habe mich wieder für das Leben entschieden. Ich musste mutig sein und bin hinabgeklettert.«
Mit drei anderen Geiseln wird Sharabi im Tunnel festgehalten. Im Interview mit dem SPIEGEL erzählt er, wie wichtig das für ihn war: nicht allein zu sein. Die vier Männer lernen sich kennen, werden eine enge Gemeinschaft – und müssen zusammen Unvorstellbares ertragen.
Eli Sharabi, ehemalige Geisel der Hamas:
»In den letzten sechs Monaten entschieden sie, uns auszuhungern. Sie haben uns nur eine Mahlzeit am Tag gegeben. Eine Schüssel Pasta – das ist ein Essen. Oder eine Schüssel Reis. Oder ein halbes Pitabrot, normalerweise trocken. Eines Tages habe ich eine Klinge genommen, die wir hatten, habe mich an der Augenbraue geschnitten und bin im Tunnelgang in Ohnmacht gefallen. Es hat sie schockiert und eine Woche lang haben sie uns ein halbes Pitabrot mehr gegeben. Das war unglaublich für uns, weil wir uns das für die Nacht aufbewahren konnten. So sind wir nicht jede halbe Stunde vor Hunger aufgewacht.«
Am 8. Februar 2025 kommt Sharabi mit zwei weiteren Geiseln frei, Hintergrund ist ein Waffenstillstandsabkommen zwischen der Hamas und Israel. Die Hamas inszeniert die Freilassung, mit einem Propagandavideo und dann auch auf offener Bühne. Dort präsentieren die Terroristen ihre Geiseln einem feiernden Publikum.
Eli Sharabi, ehemalige Geisel der Hamas:
»Es war uns egal. Für uns war es einfach die letzte Demütigung. Wir haben drei Stunden lang geprobt, mit Fragen und Antworten, die sie vorbereitet haben. Dann waren wir 20 Minuten auf der Bühne. Es war mir egal. Für mich zählte nur, dass ich gesehen habe, dass das Rote Kreuz auf uns wartet.«
Sharabi kommt nach Hause, nach fast anderthalb Jahren. In Israel verfolgen Freunde die Freilassung. Sie sind erleichtert, aber auch erschrocken über Sharabis Zustand.
30 Kilo hat er im Gazastreifen abgenommen. Er wird medizinisch versorgt. Aber erst hier in Israel erfährt er: Seine Frau und seine zwei Töchter wurden schon beim Terrorangriff am 7. Oktober von der Hamas ermordet. Während seiner Gefangenschaft wurden sie beerdigt. Seine Frau wurde 48 Jahre alt, seine Kinder 13 und 16.
Eli Sharabi, ehemalige Geisel der Hamas:
»Es war sehr wichtig für mich, ihre Gräber zu besuchen, um diesen Abschluss zu haben, vor allem wahrscheinlich, um mich zu entschuldigen.«
SPIEGEL:
»Entschuldigen wofür?«
Eli Sharabi, ehemalige Geisel der Hamas:
»Dass ich sie am 7. Oktober nicht beschützt habe.«
Einer von Sharabis Brüdern wurde ebenfalls am 7. Oktober entführt. Er wurde in der Geiselhaft getötet, sein Leichnam wurde im Oktober nach Israel überführt, er ist nun in Be’eri beerdigt. Hier konnte Sharabi dabei sein. Trotz allem findet er die Kraft, weiterzumachen.
Eli Sharabi, ehemalige Geisel der Hamas:
»Ich glaube nicht, dass ich das Recht habe, im Bett zu bleiben und den ganzen Tag zu weinen, nachdem meine unglaubliche Familie, meine Mutter, meine Geschwister, meine lieben Freunde, die ihr Leben unterbrochen haben, um meine Familie zu unterstützen, nachdem alle Israelis und Juden und andere Menschen auf der Welt die ganzen 500 Tage für mich gebetet haben. Ich habe nicht das Recht, mein Leben nicht wieder aufzubauen.«
Sharabi erzählt seine Geschichte immer wieder, hat vor dem Sicherheitsrat der Uno gesprochen und ein Buch geschrieben über seine Zeit als Geisel. Und er gibt Interviews. So arbeitet Eli Sharabi daran, zu verarbeiten, was er erlebt hat – um zurück ins Leben zu finden.