Eritrea ist am Freitag aus der Intergovernmental Authority on Development (IGAD) ausgetreten. Dem 1986 begründeten und seit 1996 unter diesem Namen firmierenden Staatenbund gehören neben Äthiopien und Eritrea auch die benachbarten Staaten Dschibuti, Kenia, Somalia, Sudan und Südsudan sowie Uganda an. Die IGAD ist der Versuch, eine extrem instabile, immer wieder von Kriegen, Bürgerkriegen und Unruhen heimgesuchte Region Ostafrikas durch Kooperation und Absprachen zu stabilisieren. Eritreas Austritt wird darum mit Nervosität beobachtet: Seit Monaten mehren sich die Zeichen, dass schwelende Konflikte zwischen Äthiopien und Eritrea wieder aufbrechen könnten.
Eritrea wirft dem ostafrikanischen Staatenbund vor, gegen die Interessen des Landes zu handeln. Das eritreische Außenministerium erklärte in einer Stellungnahme, man ziehe sich »aus einer Organisation zurück, die ihr rechtliches Mandat und ihre Autorität verwirkt hat; die keinem ihrer Mitglieder erkennbaren strategischen Nutzen bietet und keinen substanziellen Beitrag zur Stabilität der Region leistet«.
Eritrea hatte den Staatenbund 2003 schon einmal verlassen und war vor zwei Jahren wieder beigetreten. Die IGAD entgegnete auf die Vorwürfe , Eritrea habe seit 2023 an keinem Treffen und an keinen Aktivitäten der Organisation teilgenommen.
Seit Monaten erhöht der Binnenstaat Äthiopien den Druck auf das Nachbarland, ihm Zugang zu einem Hafen am Roten Meer zu gewähren. Äthiopien ist von dieser im Norden durch einen circa 50 Kilometer schmalen Streifen Eritreas von der Küste getrennt. Im- und Exporte wickelt Äthiopien über Häfen in Dschibuti ab, was Schätzungen zufolge jährlich bis zu zwei Milliarden Dollar kostet.
Zankapfel Meereszugang
Eritrea hatte Äthiopien im Juni vorgeworfen, eine »langgehegte Kriegsagenda« zu verfolgen, die auf die Eroberung seiner Häfen am Roten Meer abziele. Äthiopien wiederum behauptete kürzlich, Eritrea bereite sich »aktiv auf einen Krieg vor« und unterstütze zudem äthiopische Rebellengruppen.
Die äthiopische Seite gibt an, sie wolle auf friedlichem Wege über Eritrea Zugang zum Roten Meer erlangen. Auf diese Möglichkeit habe man sich verlassen, als man Eritrea in die Unabhängigkeit entlassen habe. Der äthiopische Premierminister Abiy Ahmed sagte im September, es sei ein »Fehler« gewesen, den Meerzugang zu verlieren, als Eritrea 1993 seine Unabhängigkeit von Äthiopien erklärte und ein eigener Staat wurde. Abiy Ahmeds Äußerungen wurden von Eritrea als provokativ wahrgenommen. Die nördlichen Grenzregionen zu Eritrea sind zwischen den Staaten seit Jahrzehnten umstritten.
Auch die Vereinten Nationen äußerten am Freitag Besorgnis über die erneut aufgeflammten Spannungen zwischen den beiden Staaten, die vor 25 Jahren ein Friedensabkommen unterzeichnet hatten. Eritrea hatte für seinen Austritt aus der IGAD den Jahrestag der Unterzeichnung dieses Abkommens von Algier gewählt. Das Büro von UN-Generalsekretär António Guterres rief beide Länder dazu auf , sich »erneut dem Ziel eines dauerhaften Friedens sowie dem Respekt vor Souveränität und territorialer Integrität zu verpflichten«. Das Abkommen aus dem Jahr 2000, das den fast drei Jahrzehnte währenden Grenzkrieg zwischen Eritrea und Äthiopien beendet hatte, sei der »entscheidende Rahmen« für den Frieden. Anouar El Anouni, der Sicherheits- und Außenpolitische Sprecher der Europäischen Union, schloss sich dem mit einem ähnlich lautenden Appell an , ohne die aktuellen Konflikte zu benennen.
Die gemeinsame Geschichte: Krieg, Krieg, Krieg
Äthiopischer Staatschef Abiy Ahmed (l.) mit seinem eritreischen Amtskollegen Isaias Afwerki 2018: Periode langsamer Entspannung
Foto: TIKSA NEGERI/ REUTERSDie Geschichte der beiden Länder war über Jahrzehnte von Konflikten und Kriegen gekennzeichnet, in denen Schätzungen zufolge insgesamt mehr als 1,5 Millionen Menschen ihr Leben verloren haben könnten.
Während Eritrea Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zur italienischen Kolonie wurde, war es Äthiopien als einer von nur zwei afrikanischen Nationen gelungen, die kolonialen Ambitionen europäischer Mächte abzuwehren. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm dann Äthiopien die Macht in Eritrea, was zu einer bizarren Situation führte: Eritrea führte seinen postkolonialen Befreiungskrieg gegen ein benachbartes afrikanisches Land. Er tobte von 1961 bis 1991 und flammte von 1998 bis 2000 erneut auf.
Es folgte eine Periode langsamer Entspannung. 2018 akzeptierte der äthiopische Präsident Abiy Ahmed Forderungen Eritreas und unterzeichnete einen Friedensvertrag – es brachte ihm den Friedensnobelpreis ein. Als kurz darauf in der Grenzregion Tigray ein Bürgerkrieg aufflammte, der auch Eritrea betraf, sahen sich die Staaten sogar als Verbündete. Doch die Beziehungen kühlten wieder ab und gelten inzwischen wieder als stark belastet.
Als Ende Oktober äthiopische Offizielle die Grenzstadt Bure besuchten, die nur knapp 60 Kilometer südwestlich der Hafenstadt Assab im Süden Eritreas liegt, deutete das die Regierung Eritreas als konkreten Hinweis darauf, wo Äthiopien angreifen könnte. Gegen die Annahme, dass Äthiopien einen Angriff auf das Nachbarland vorhabe, spricht zurzeit vor allem die Instabilität innerhalb des 120 Millionen Einwohner zählenden Binnenstaates. In Amhara und angrenzenden Regionen versucht Äthiopien seit 2024, Aufstände und Unruhen unter Kontrolle zu bekommen, bis hin zum Einsatz der Armee gegen die eigene Bevölkerung. Ein weiterer Krieg, glauben Experten, könnte das Militär überfordern und den Vielvölkerstaat destabilisieren.
Laut Global Peace Index 2025 ist die Region Äthiopien und Eritrea aktuell eine der vier Höchstrisiko-Regionen für kriegerische Konflikte.
