SpOn 23.01.2026
18:46 Uhr

Donald Trumps imperiale Ambitionen: Geschichtspolitik als Mittel territorialer Ansprüche


Donald Trump rechtfertigt territoriale Ansprüche aus der Mottenkiste der Geschichte. Ein Denken, das Europa hinter sich gelassen hat. Und das bei genauerer Betrachtung auch Trump selbst einholen könnte.

Donald Trumps imperiale Ambitionen: Geschichtspolitik als Mittel territorialer Ansprüche

Ich wohne in Londinium. Zumindest müsste ich das, folgt man der Logik von US-Präsident Donald Trump.

Londinium war eine römische Stadt, gegründet, als hier noch mehr Schlamm als Bürokratie war. Die Legionen kamen und bauten eine Brücke, dort, wo heute die London Bridge über die Themse führt. Ein paar Jahrhunderte nach Christus waren die Römer weg. Kulinarisch ein Verlust. Für die Geschichte schien die Sache erledigt. Aber offenbar nicht für Trump.

DER SPIEGEL 5/2026

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Übers Wochenende hat er dem norwegischen Premier einen Brief geschrieben. Er sei enttäuscht, den Nobelpreis nicht erhalten zu haben. Er habe acht Kriege beendet. Acht. Nun fühle er sich nicht mehr daran gebunden, ausschließlich an Frieden zu denken. Grönland werde er sich holen – egal wie. Und dann fragt er, warum Grönland zu Dänemark gehöre. Nur weil irgendwann ein dänisches Boot angelegt habe? Die Amerikaner seien ja auch dort gewesen.

Wer war wann auf einer Insel? Ein Denken, das uns heute in Europa fremd ist. Grenzen ergeben sich aus Verträgen, nicht aus der Geschichte.

Arne Bellstorf / DER SPIEGEL

Ich kenne dieses Motiv aus meinem früheren Berichtsgebiet. Bevor ich nach London versetzt wurde, schrieb ich über die Pekinger Autokraten, die Trump mal heimlich, mal offen bewundert. Im Streit um das Südchinesische Meer akzeptiert der chinesische Apparat einen internationalen Schiedsspruch nicht. Stattdessen zitiert die Führung aus alten Schiffsverzeichnissen, wonach chinesische Fischer in der Nähe von Inseln und Riffen ihre Reusen auswarfen. Also sei alles chinesisch, mitsamt den Öl- und Gasvorkommen unter dem Meeresboden.

Ein paar Seemänner als Grenzpfähle.

Dabei kannten die Kaiser in Peking bis Anfang des 19. Jahrhunderts keine starren Grenzen. Keine Flaggen, kein Territorium. Zu China gehörte aus ihrer Sicht, wer in die Verbotene Stadt pilgerte und Geschenke mitbrachte.

Es waren die Briten, die China das europäische Weltbild aufzwangen. Aus London kamen Karten, Linien, Besitzansprüche. Und nun stellt Trump diese Frage wieder, weil Geschichte bequemer ist als das Recht.

Vielleicht sollte man ihn daran erinnern, wer in Amerika das Sagen hatte. Die Neue Welt war einst Teil eines Imperiums mit einer Hauptstadt namens London.

Eigentlich will ich gar nicht historisch argumentieren.

Trump hat angefangen.

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