SpOn 07.01.2026
10:42 Uhr

Donald Trump: Wie europäische Zeitungen das Gebahren der USA kommentieren


Europa rauft sich im Ukrainegipfel zusammen – aber hat es auch Antworten auf Trumps Begehrlichkeiten in Grönland und die Lage in Venezuela? Die europäischen Zeitungen monieren das zögerliche Verhalten der Mitgliedstaaten.

Donald Trump: Wie europäische Zeitungen das Gebahren der USA kommentieren

Ein militärischer Coup in Venezuela, nur halb gares Interesse an einer Einigung in der Ukraine – stattdessen ein erneuert formulierter Anspruch auf Grönland. US-Präsident Donald Trump beherrscht seit Tagen die Schlagzeilen, die USA zeigen ihre militärische Stärke. Wie bewerten Zeitungen in Europa die Kraftmeierei? Was können – oder sollten – die Staats- und Regierungschefs in der Europäischen Union Trump entgegensetzen?

Ein Überblick über die Kommentare der vergangenen beiden Tage.

  • »Vor einigen Monaten wäre es noch völlig undenkbar gewesen, dass Trump sich die arktische Insel einverleibt«, schreibt die spanische Tageszeitung »La Vanguardia«  über Trumps Grönlandpläne. »Doch nach dem, was man in Venezuela gesehen hat, ist alles möglich.« Trumps Philosophie sei, »dass die Vereinigten Staaten nach Belieben nationale Regierungen stürzen und sich Territorien aneignen können, wenn dies ihren nationalen Interessen dient«. In diesem Kontext sei es gut, dass dieses Europa, das wegen seiner Zaghaftigkeit und seiner Zurückhaltung gegenüber Trump am Pranger steht, nun klar und geschlossen reagiere. Beim gestrigen Treffen der Ukraine-Unterstützer in Paris sei ein politisch wichtiges Manifest verabschiedet worden: »Sieben europäische Staats- und Regierungschefs (...) erinnerten an etwas so Offensichtliches wie die Tatsache, dass die Souveränität über Grönland bei seinen Bürgern liegt.« Die Zeitung hofft: »Möge Trumps Aggressivität das Wunder eines viel geeinteren und effizienteren Europas bei der Verteidigung seiner Interessen bewirken.«

  • »Donald Trumps Grönland-Äußerungen sind kein Ausrutscher, sondern Symptom einer Außenpolitik der Drohung und vollendeten Tatsachen«, kommentiert die »Schwäbische Zeitung« . Trumps »Kanonenboot-Politik« ersetze Diplomatie durch militärische Macht. »Autoritäre wie Putin erhalten eine Blaupause: Macht setzt sich durch, Recht wird Verhandlungsmasse.« Europa verlasse sich wider besseres Wissen weiter auf Washington – obwohl wirtschaftlich stark. »Europa muss Trump wörtlich nehmen – oder riskiert eine Welt, in der Macht vor Recht geht.«

Mehr zum Thema
  • Auch die italienische »La Stampa « sieht Europas Handeln bisher zu zögerlich. »Europa steht vor einem dreifachen Problem: dem russischen Expansionismus zu widerstehen; wirtschaftlich und technologisch mit China zu konkurrieren; und die Folgen der Rückkehr der USA zu einem panamerikanischen, nationalistischen Isolationismus zu bewältigen.« Diese USA wollten keine Verbündeten, sondern nur auf Linie gebrachte Staaten. »Die Weggabelung am Horizont, die die europäischen Staats- und Regierungschefs verzweifelt nicht sehen wollen, liegt zwischen der Ausrichtung auf Trumps Amerika, das immer weniger transatlantisch ist, und dem Widerstand gegen amerikanische Positionen, insbesondere wenn sie in klarem Gegensatz zu europäischen Interessen stehen.« Der Knoten könnte sich bald an Grönland lösen.

  • »Statt als moralische Instanz aufzutreten, reduziert sich die EU auf einen bloßen Zuschauer«, schreibt auch die »Neue Osnabrücker Zeitung« . Das Lavieren europäischer Staaten habe einen Preis. »Wer Russland und China bei jeder Verfehlung mit dem Völkerrecht konfrontiert, beim eigenen Verbündeten aber wie Bundeskanzler Friedrich Merz vor allem die ›Komplexität‹ der Lage betont und auf Zeit spielt, macht die berühmte ›regelbasierte Ordnung‹ zur hohlen Phrase.« Selbst Trumps größenwahnsinnige Grönland-Fantasie, mit der er europäische Partner schockt, erscheine da plötzlich in einem anderen Licht.

  • Zu Trumps Grönlandplänen appelliert die österreichische Tageszeitung »Die Presse«  an die Solidarität der Europäer mit Dänemark. »Sie müssen den Provokationen aus Washington mit Geschlossenheit begegnen – und hoffen, dass sie den US-Präsidenten mit vereintem politischen Druck doch noch von seinen Grönland-Annexionsfantasien abbringen können.« Das wäre nicht nur ein wichtiges Signal an Trump, sondern auch an Putin. »Gerade der Krieg in der Ukraine, die Suche nach einer Friedenslösung und die Drohgebärden des russischen Präsidenten Wladimir Putin zeigen den Europäern, wie sehr sie sicherheitspolitisch von den USA abhängig sind. Das macht ihnen die eigenen Schwächen deutlich.«

  • Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«  schreibt, Merz wolle nicht mit offener Kritik an Washington sein gutes Verhältnis zu Trump riskieren. »Von Trumps Bereitschaft, auf die Europäer zu hören, und von seinem Wohlwollen hängen aber nicht nur das künftige Schicksal der Ukraine ab, sondern auch die Sicherheit und der Frieden in ganz Europa.« Deutschland habe den USA, weil es militärisch schwach ist und auch wirtschaftlich keine Weltmacht mehr, wenig entgegenzusetzen. »Es muss eine Rosskur machen und den engen Schulterschluss mit denjenigen europäischen Verbündeten suchen, die erkennen, was die Stunde geschlagen hat.«

  • »Jetzt gilt uneingeschränkt die blanke Macht«, schreibt die »Junge Welt« . Trumps erklärtes Ziel sei es, die US-Dominanz in der westlichen Hemisphäre neu zu zementieren. Grönland, das für Trump zur westlichen Hemisphäre gehöre? »Die Insel liegt blank. Weder Dänemark noch die EU könnten sie verteidigen, schon gar nicht zu einer Zeit, in der die EU täglich tiefer in die Krise rutscht und sich ohnehin am Ukrainekrieg überhoben hat.« Trump, »der Schlägermacker um die Ecke« müsse nicht direkt Grönland überfallen. Aber man wisse es nicht: »Besser also, auf Attacken aller Art vorbereitet zu sein – und zwar ab jetzt.«

mrc/dpa