SpOn 28.01.2026
20:32 Uhr

Deutschland im EM-Halbfinale nach Sieg über Frankreich: Knorrs Explosion


Deutschland steht im Halbfinale der Handball-EM. Beim Sieg über Frankreich ragte der lange kritisierte Spielmacher Juri Knorr heraus. Vielleicht half ihm dabei auch sein Aberglaube und eine besondere Aktion vor dem Spiel.

Deutschland im EM-Halbfinale nach Sieg über Frankreich: Knorrs Explosion

Was tun, damit’s brennt: Handball-Nationalmannschaftsmanager Benjamin Chatton brachte kürzlich einen amüsanten Vergleich zum deutschen Turnierverlauf bei der EM: »Es ist wie an Silvester. Da ist es besser, wenn man nicht alle Raketen auf einmal abfeuert, sondern nacheinander.« Immer wieder schießt ein Einzelner aus dem deutschen Kader als Rakete hervor. Mal Miro Schluroff, mal Mario Grgić. Beim Sieg gegen Frankreich vor 10.850 Zuschauern in Herning brannte der oft geschmähte Spielmacher Juri Knorr fast im Alleingang ein Feuerwerk ab.

Das Ergebnis: Mit 38:34 zog Deutschland ins Halbfinale ein. Damit hat das Team die »Hammergruppe« überstanden und den Titelverteidiger Frankreich ausgeschaltet. Hier finden Sie das Minutenprotokoll zum Duell gegen Frankreich.

Ein Turm bricht weg: Eine schlechte Nachricht gab es für die Deutschen schon vor der Partie. Der Abwehrspezialist Tom Kiesler konnte nicht mitmachen und wurde wie Außen Rune Dahmke aus dem Aufgebot genommen. »Nicht spielfähig«, sei der Gummersbacher, hieß es vom DHB auch auf Nachfrage. Gegen die physisch agierenden Franzosen war Kiesler als Turm in der deutschen Defensive fest eingeplant gewesen.

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Die erste Hälfte: Deutschland startete mit den zuletzt geschonten Außen Lukas Zerbe und Lukas Mertens sowie Andreas Wolff im Tor. Vom Start weg funktionierte der deutsche Rückzug und das Kreisläuferspiel. Erst Johannes Golla, dann Justus Fischer waren hinten wie vorn sofort im Spiel. Die Deutschen zwangen Frankreich zu technischen Fehlern und nach 18 Minuten in die Auszeit. Die DHB-Auswahl brauchte im ersten Durchgang nicht einmal die Ausnahmetaten von Wolff, sondern konnte sich auf die Effizienz im Angriff (79 Prozent) verlassen. Für das 19:15 gab es »Standing Ovations« der mitgereisten deutschen Fans.

Mem sinnt auf Revanche: Unvergessen war das Viertelfinale von Olympia 2024, als Deutschland nach einem Fehlpass von Superstar Dika Mem sechs Sekunden vor dem Ende noch das »Wunder von Lille« schaffte. Der französische Rückraumspieler wechselt bald zu den Füchsen Berlin und war zuletzt nach seinem schwachen Auftritt gegen Spanien stark kritisiert worden. Das alles reichte, um den Superstar maximal anzuzünden: Mem traf nach Belieben, von den ersten sieben Treffern der Franzosen erzielte er fünf. In der Folge nahmen ihn die Deutschen früher auf und bemühten auch den »Trash Talk«, um Mem aus dem Konzept zu bringen. Am Ende stand Mem trotzdem bei elf Treffern, doch das reichte nicht.

Dika Mem: Frankreichs Superstar

Dika Mem: Frankreichs Superstar

Foto: Eibner-Pressefoto / Marcel von Fehrn / Eibner / IMAGO

Knorrs Aberglaube: Schon beim Einwerfen vor der Partie traf Juri Knorr häufiger als vor den vergangenen Spielen. Er nahm danach den Ball, mit dem er erfolgreich gewesen war, mit zum Zeitnehmertisch und legte ihn auf das kleine Podest. Der Hintergedanke: Das sollte der Spielball sein. Sportler sind eben abergläubisch. Die dänischen Zuschauer begrüßten Knorr mit viel Applaus: Sie sind seit seinem Wechsel im Sommer zu Aalborg nicht nur von seiner Spielweise begeistert, sondern auch von der Schnelligkeit, mit der er sich die dänische Sprache draufgeschafft hat.

Knorrs Auftritt: Nach einer guten Viertelstunde betrat Knorr die Platte und wuchtete mit seinem unnachahmlichen Antritt die ersten zehn Versuche ins Tor. Kein Fehlwurf, keinerlei Zweifel. Bisher hatte Knorr mit sich und der Welt gehadert, jetzt huschte ihm ein Lächeln über das Gesicht. Beim Gang in die Kabine blickte er zu seinem Tross auf der Tribüne und strahlte erleichtert. Erst sein elfter Wurf landete an diesem Abend nicht im Tor, den zwölften fing der französische Torwart. Sieben Minuten vor dem Ende bat Knorr vollkommen erschöpft um seine Auswechslung.

Späth (links) und Wolff: Gegen Frankreich nicht weltklasse, aber wichtig

Späth (links) und Wolff: Gegen Frankreich nicht weltklasse, aber wichtig

Foto: Sina Schuldt / dpa

Die zweite Hälfte: David Späth durfte ins deutsche Tor und wehrte in den ersten zehn Minuten jeden dritten französischen Ball ab. Frankreichs Mem war zwar nicht mehr so stark wie zu Beginn, aber seine Rückraum-Kollegen schossen sich nun warm. So blieb es ein knapper Vorsprung bis zum Ende. In der Crunch-Time machte sich bezahlt, was die Deutschen seit Wochen betonen: Die Breite macht den Unterschied. Von der Bank hatte Deutschland mehr Frische.

Der Buzzer ist wieder auf der Seite vom Bundestrainer: Alfreð Gíslason hatte mit der Pause für Torhüter und Außen gegen Dänemark hoch gepokert. Zwischen den Pfosten mochte die Rechnung gegen Frankreich nicht aufgehen, aber die zurückgekehrten Außen Mertens und Zerbe trafen und zogen mit ihrer ganzen Erfahrung Fouls der Franzosen. Und diesmal hatte Gislason Glück mit dem Auszeit-Buzzer, der nicht ein deutsches Tor wie gegen Serbien stahl, sondern den Ballbesitz sicherte, obwohl ein deutscher Pass auf dem Weg ins Aus war.

Wie geht’s weiter? Am Freitag steht das Halbfinale an. Mögliche Gegner sind Island oder wahrscheinlicher Kroatien. Jetzt muss man für die deutschen Handballer hoffen, dass sie noch ein paar Raketen übrig haben.