Wenn Aimeé von Pereira zur Auswechselbank sprintet, dann immer mit einem strahlenden Lächeln.
Davon sollten sich ihre Gegnerinnen nicht täuschen lassen. Für die wird es gegen die 25-Jährige oft schmerzhaft, wenn Perreira im Abwehrzentrum der deutschen Nationalmannschaft ihren Job macht.
Am Dienstagabend bestreitet sie mit ihren Kolleginnen in Dortmund gegen Brasilien (17.15 Uhr/TV: ZDF) das WM-Viertelfinale: »Mein ultimatives Ziel ist es, dass die keinen Bock mehr haben, auf mich zu gehen, weil es wehtut.«
Aimée von Pereira, Jahrgang 2000, ist eine deutsche Handballspielerin. Die 1,80 Meter große Rückraumspielerin (links) wurde in Hamburg geboren und begann elbabwärts mit dem Handballspielen, bei der Spielgemeinschaft Kollmar/Neuendorf. Ihren Eltern zuliebe probierte sie auch Ballett aus, »wir haben aber schnell herausgefunden, dass es nichts für mich ist«. Seit März 2025 ist Pereira Nationalspielerin.
Die junge Frau, die Bundestrainer Markus Gaugisch nach ihrem Einstand eine »Kriegerin« nannte, spielt ein herausragendes Turnier. Sie trug wesentlich dazu bei, dass die deutschen Co-Gastgeberinnen – die Finalspiele finden in Rotterdam statt – die Gegnerinnen mit ihrer aggressiven, beweglichen und auch taktisch flexiblen Deckung demoralisierten. Montenegro, der Europameister von 2012, warf erst in der 16. Minute das erste Tor, da stand es 9:0 für Deutschland. Spanien kam in den ersten 14 Minuten auf zwei magere Treffer.
SPIEGEL: Frau von Pereira, worum geht es in der Defensive?
Pereira: Abwehr hat auf diesem Niveau auch viel mit Geist und Ausstrahlung zu tun. Es ist eine Frage der Einstellung. Und man muss Lust haben zur Arbeit, denn das, was wir da tun, ist harte Arbeit.
SPIEGEL: Der Wille entscheidet?
Pereira: Man benötigt auch ein gutes Gefühl für die Situation, das richtige Timing, und das haben wir richtig viel trainiert mit der Mannschaft.
SPIEGEL: Nun kommt eine große Aufgabe auf sie zu, die Weltklassespielerin Bruna de Paula bei den Brasilianerinnen.
Pereira: Das ist cool. Sie ist eine sehr gute Spielerin, ich habe einmal mit Nykøbing in der Champions League gegen sie gespielt. Es reizt mich, gegen die Besten der Besten zu spielen.
Nykøbing ist eine kleine Stadt auf Falster, einer ländlich geprägten dänischen Insel. 16.000 Einwohner, Holzhäuser, hyggelige Atmosphäre, eher nicht der typische Arbeitsplatz einer deutschen Handballerin. Doch Pereira ist auch einen ungewöhnlichen Weg gegangen, bevor sie Bundestrainer Markus Gaugisch im Februar nominierte, um seine Abwehr zu reanimieren.
Aufgewachsen in einem Herrenhaus hinterm Elbdeich, handballerisch sozialisiert beim MTV Herzhorn, war Pereira mit dem Buxtehuder SV A-Jugendmeisterin geworden, bevor sie nach dem Abitur zu Bayer Leverkusen ging, wo man ihr eine große Zukunft prophezeite. Das Jahr dort entwickelte sich jedoch zu einem Desaster, Pereira musste gehen.
Damals empfahl der DHB Pereira, die beim EM-Sieg mit der U17-Auswahl als MVP ausgezeichnet und in den Elitekader des Verbandes aufgenommen worden war, einen Wechsel in die unteren Regionen der Bundesliga, um Einsatzzeiten zu bekommen. Aber Pereira, aufgewachsen in einer polyglotten Familie – der Vater global unterwegs als Unternehmer, die Mutter Rechtsanwältin – wollte nicht in die sportliche Einöde. Sie ging nach Kopenhagen in die erste dänische Liga. Um Gottes willen, hieß es beim DHB, da wirst du nie spielen. Es war das vorläufige Ende ihrer DHB-Karriere.
SPIEGEL: Wie konnten Sie sich in Dänemark durchsetzen?
Pereira: Ich sollte eigentlich erst mal in der Jugend spielen. Weil sich aber eine Kreisläuferin und eine wichtige Abwehrspielerin verletzt hatte, kam ich in die erste Mannschaft. So habe ich mich auf die Abwehr spezialisiert. Im Team waren Topleute mit großem Charakter, von ihrer Gewinnermentalität habe ich mir viel abgeschaut.
Aimée von Pereira in Aktion gegen Serbien: Nationaltrainer Markus Gaugisch nennt sie eine »Kriegerin«
Foto: Ronald Wittek / EPA
Pereira gegen Montenegro: Nach 16 Minuten das erste Gegentor
Foto: Christopher Neundorf / EPASPIEGEL: Der Handball der Frauen bekommt in Deutschland wenig Aufmerksamkeit. Wie ist das in Dänemark?
Pereira: Es ist etwas völlig anderes. Frauenhandball hat in Dänemark einen hohen Stellenwert und ist keine Randsportart. Wenn man erzählt, ich spiele Handball, dann ist jeder sofort im Thema.
SPIEGEL: Woran liegt das?
Pereira: Handball ist sehr populär in Dänemark, auch der Frauenhandball, weil die Däninnen über viele Jahre sehr erfolgreich gespielt haben. Und Dänemark ist viel kleiner, der Handball konkurriert nicht mit vielen anderen Sportarten.
Die Rechtshänderin setzte sich durch, lernte Dänisch und auch ihren heutigen Verlobten kennen, bevor sie 2021 für zwei Jahre nach Nizza wechselte. Im Sommer 2023 ging sie wieder zurück nach Dänemark, eben nach Nykøbing, obwohl sie gute Angebote aus europäischen Topklubs hatte. Seit Sommer 2025 ist Pereira wieder zurück in Kopenhagen.
SPIEGEL: Wie waren Ihre Erwartungen vor dem Turnier?
Pereira: Vorher habe ich mir darüber keinen Kopf gemacht. Wenn wir aber weiter diese Energie ausstrahlen, dann glaube ich, wird es für alle Gegner schwierig gegen uns.
SPIEGEL: Denken Sie darüber nach, welche Folgen eine Medaille für den deutschen Handball hätte?
Pereira: Nein. Entscheidend ist für mich, mich zielgerichtet vorzubereiten, gut zu regenerieren und im Flow zu bleiben. Über das, was daraus vielleicht resultiert, mache ich mir keine Gedanken.
SPIEGEL: Ihre Mutter kommt aus Ghana, haben Sie nun, auf großer Bühne spielend, über Ihre mögliche Vorbildfunktion für Mädchen mit ähnlichen Familiengeschichten nachgedacht? Davon gibt es ja nicht viele im deutschen Handball.
Pereira: Nein. Ich wurde im Handball immer gut aufgenommen, und ich finde es toll, dass meine Jugendtrainer auch hier sind. Wenn ich als Vorbild dienen sollte, ist das schön. Aber das ist nicht mein Anliegen. Für mich geht es hier nur um das Spiel, und das ist keine Frage der Hautfarbe, sondern das hat nur mit Leistung zu tun.
