Dauerbaustellen und marode Schienen belasten nicht nur Pendler, sondern auch die deutsche Industrie. Wirtschaftsunternehmen und Konkurrenten der Deutschen Bahn warnen angesichts des maroden Schienennetzes vor Einschränkungen für den gesamten Wirtschaftsstandort.
Die aktuellen infrastrukturellen Einschränkungen im Schienennetz führten zu »gravierenden Herausforderungen entlang der gesamten Logistikkette«, teilte das Stahlunternehmen Salzgitter aus Niedersachsen der Deutschen Presse-Agentur mit. Das gelte sowohl für die Lieferung von Rohstoffen an Salzgitter als auch für den Abtransport der gefertigten Produkte.
Die Eisenbahn sei für die Stahlindustrie der zentrale Verkehrsträger. »Die Situation zwingt uns zu aufwendigen Umleitungen und erheblichen Zusatzmaßnahmen, die mit massiven finanziellen Mehrbelastungen einhergehen und inzwischen auch spürbare volkswirtschaftliche Schäden verursachen«, teilte Salzgitter mit. Zunächst hatte die »Süddeutsche Zeitung« über die Beschwerden berichtet .
Zwei wichtige Strecken im Norden wegen Bauarbeiten gesperrt
Der zweitgrößte Stahlhersteller in Deutschland, das Unternehmen ArcelorMittal, berichtete der »SZ« von »ersten Produktionskürzungen«, weil nicht genug Eisenerz angeliefert worden sei. Ursache war demnach »das anhaltende Baustellenchaos im norddeutschen Schienennetz«. Zudem räume die Bahn den Güterzügen zu wenig Priorität ein.
Die Bahn baut derzeit an unzähligen Stellen im Netz, um den weiteren Verfall der maroden Schieneninfrastruktur zu stoppen. Zuletzt ballten sich die Bauarbeiten in Norddeutschland auf wichtigen Strecken: Die Verbindung Hamburg–Berlin ist wegen Verzögerungen bei der sogenannten Generalsanierung noch bis zum 14. Juni dicht, zwischen Hamburg und Hannover wird noch bis Mitte Juli gebaut. Die Bahn geht davon aus, dass sich die Lage damit Schritt für Schritt bessern wird.
Der Verband der privaten Güterbahnen sprach angesichts der zahlreichen Baustellen von einem »Exzess«, der Lieferketten und Wirtschaft gefährde. »Die DB InfraGO ist nicht mehr in der Lage, einen halbwegs geordneten Betrieb zu gewährleisten«, sagte Verbandsgeschäftsführer Peter Westenberger. Die Auswirkungen seien in halb Europa spürbar. »Grund sind zu viele schlecht koordinierte Baustellen, zu denen sich immer mehr Störungen von Signalen, Weichen, Oberleitungen und fehlende Fahrpläne gesellen.« Der Verband drohte damit, seine Zustimmung zur aktuellen Sanierungsstrategie aufzugeben und politische wie rechtliche Maßnahmen zu ergreifen.
Die Bahn teilte mit, dass sie die Situation in einigen Stahlwerken in den Tagen um Pfingsten bedaure. Man sei im Austausch mit den Güterbahnen, der Industrie und dem Handel. Für kurzfristige Maßnahmen sei eine sogenannte Taskforce gebildet worden. Der Konzern kündigte zudem ein vereinfachtes Verfahren für Schadenersatzleistungen in Millionenhöhe an, über das die Eisenbahnverkehrsunternehmen in Kürze informiert würden.
