Ist das die neue Deutsche Bahn? Wenn man sich die aufwendigen Filmclips mit Anke Engelke anschaut, mit denen der Konzern gerade sein Freudlos-Image aufzupolieren versucht, verspürt man unwillkürlich Sympathie für den Staatskonzern. Wer sich selbstironisch an den eigenen Schwächen abarbeitet – Unpünktlichkeit, Pannen und kaputte Zugtüren – dem kann man kaum mehr böse sein, wenn der Anschlusszug tatsächlich wieder mit 40 Minuten Verspätung einfährt.
Aber leider: Lockerheit und Souveränität, das ist nicht die neue Wirklichkeit bei der Deutsche Bahn, wie dieser Fall zeigt.
Vergangenen Sonntag überraschte eine Mitarbeiterin der Bahn mit einer engagierten Durchsage, der SPIEGEL war Zeuge ihrer Ansprache. Im ICE 1602 auf der Fahrt von Berlin nach Hamburg bat sie die Fahrgäste um Aufmerksamkeit: Sie wolle mal etwas Persönliches loswerden, sagte sie. Soeben habe eine Passagierin sie darauf hingewiesen, dass im Zug »ein Hakenkreuz eingeritzt wurde«.
Kurz darauf sei sie selbst durch ein Abteil gegangen, in dem sich »über Ausländer lustig gemacht wurde« – ein Verhalten, das weder die Bundesrepublik Deutschland noch die Deutsche Bahn toleriere, so die Mitarbeiterin der DB.
»So etwas gehört nicht in meinen Zug«, sagte sie. »Und ich sage bewusst, meinen Zug – denn ich bin die Zugchefin. Mein Name ist …«, sagte sie und stellte sich mit ihrem vollen Vor- und Nachnamen vor. »Ich habe einen Migrationshintergrund«, machte die DB-Mitarbeiterin deutlich. »Lassen Sie uns einfach nett zueinander sein und jeden so akzeptieren, wie er ist.«
Einige Fahrgäste applaudierten, andere wandten sich, in Hamburg angekommen, persönlich an die Zugchefin.
Fahrgast: »Danke, dass Sie das gemacht haben.«
DB-Mitarbeiterin: »Danke Ihnen. Es ist einfach wichtig, nicht still zu sein, und etwas zu sagen.«
Gern hätte der SPIEGEL mit ihr über den Vorfall gesprochen. Über Rassismus und Zivilcourage im öffentlichen Raum, über mögliche ähnliche Vorfälle. Und gern hätte auch die Mitarbeiterin mit dem SPIEGEL gesprochen. Die Voraussetzung war die Zustimmung der DB-Pressestelle. Doch die ließ ihre Mitarbeiterin nicht.
Keine Kapazitäten bis Jahresende
Als der SPIEGEL das Unternehmen am Montag kontaktierte, beteiligten sich im Laufe des Tages drei Mitarbeiterinnen an der Kommunikation. Am Morgen hieß es, ein Gespräch mit der Zugchefin noch am selben Tag könnte schwierig werden. Am Nachmittag folgte dann die Absage.
Man freue sich über das Interesse, mit der Mitarbeiterin ein Interview führen zu wollen. Bei der DB sei es jedoch Regel, »dass Interviews von einem/r Kolleg:in der Pressestelle begleitet werden müssen.« Die Mitarbeitenden seien im Umgang mit Medien nicht geschult. Es sei die Aufgabe der Pressestelle, »ihnen im Gespräch mit Journalist:innen ein Gefühl der Sicherheit zu geben«, schreibt eine Sprecherin der Bahn per Mail – auch über die Zugchefin, die sich am Tag zuvor öffentlich gegen Rassismus gewehrt hatte.
Aus Kapazitätsgründen sehe sich die Pressestelle aktuell nicht in der Lage, das Interview begleiten zu können, schreibt die Sprecherin weiter.
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Auf Nachfrage, wann die DB Kapazitäten für das Gespräch habe, teilte die Sprecherin mit, zum Jahresende und dem bevorstehenden Fahrplanwechsel »immer sehr viele Themen auf dem Tisch« zu haben. »Realistischerweise sehen wir in diesem Jahr dafür keine Möglichkeit mehr«, schreibt die Deutsche Bahn.
Die neue Chefin des Staatskonzerns, Evelyn Palla, warnte erst kürzlich vor zu hohen Erwartungen an den Konzern: »Es wird erst mal nicht besser, so ehrlich müssen wir sein.« Das betrifft offenbar nicht nur die Pünktlichkeit, sondern auch die Kommunikationsstrategie des Unternehmens.
Das schmückt sich anscheinend lieber mit aufwändig produzierten Werbeclips , als mit den Werten und der Lebenswirklichkeit der eigenen Mitarbeitenden.
