1. Merz redet staatstragend, aber nie begeisternd
Die bekannte Rhetorik-Fachfrau Angela Merkel soll mal gesagt haben: »Denken beim Reden ist gar nicht so einfach.« Heute hat Bundeskanzler Friedrich Merz beim CDU-Parteitag in Stuttgart eine Rede gehalten; sie war 75 Minuten lang und die Erwartungen vorher waren groß. Doch dem Auftritt von Merz beim Parteitag fehlte der Punch, finden meine Kollegen Paul-Anton Krüger und Christian Teevs. (Hier mehr )
»Die Kanzlerpartei sehnte sich nach einem Impuls, nach einer Reformrede. Zu holprig verliefen die ersten neun Monate der Merz-Regierung«, berichten die Kollegen. Und was folgte? »Die Rede erinnert an ein durchschnittliches italienisches Restaurant. Kann man mal machen, kann niemand was dagegen haben, es bleibt aber auch nichts in Erinnerung.«
Merz sei eigentlich ein guter Redner, aber an diesem Tag habe ihm der übergeordnete Gedanke gefehlt. Der Kanzler benenne die Probleme und Zwänge seiner Regierung. Er habe sich um Zuversicht bemüht und gewarnt, man habe keine Zeit mehr für Pessimismus und Denkfaulheit. »Die regelbasierte internationale Ordnung, wie wir sie kannten, existiert so nicht mehr«, sagte Merz. An ihre Stelle trete eine neue Weltordnung, eine Ordnung, die von Großmächten geprägt sei.
»Die Analyse teilen zweifelsohne viele der Delegierten. Begeisterung löst Merz damit nicht aus. Es klingt, als halte hier der Bundeskanzler staatstragend eine Regierungserklärung«, urteilen meine Kollegen. Und doch: »Enttäuschung ist in der Stuttgarter Messe nicht zu spüren. Die Delegierten feiern ihren Vorsitzenden nach der Rede mit minutenlangen Standing Ovations. Die CDU war eben schon immer eine disziplinierte Partei.«
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: 75 Minuten, von denen nichts bleibt
2. Die Mehrheit gegen Trumps Zölle ist deutlich – er hat seine Befugnisse überschritten
Der äußerst merkwürdige mächtigste Mann der USA hat einmal behauptet, neben »Gott«, »Liebe« und »Religion« gehöre das Wort »Zölle« zu seinen Lieblingswörtern. Es könnte sein, dass Donald Trump diese Vorliebe mit einigen seiner Anhänger teilt, juristisch ist sie nicht von Belang. Das Oberste Gericht der USA hat heute Trumps Zölle-Begeisterung gestoppt, genauer: Der Supreme Court hat die umfassenden globalen Zölle der US-Regierung aufgehoben. (Hier mehr dazu)
Trump hatte sich auf ein Notstandsgesetz berufen, um umfangreiche Zölle gegen viele Handelspartner zu verhängen – darunter auch die Europäische Union. Laut Entscheidung des Supreme Court sind die globalen Zölle des US-Präsidenten nicht rechtens. Die Richter bestätigten mit einer deutlichen Mehrheit von sechs zu drei Stimmen eine Entscheidung einer niedrigeren Instanz.
Die US-Verfassung räumt dem Kongress und nicht dem Präsidenten die Befugnis zur Erhebung von Zöllen ein. Der Oberste Gerichtshof, der eine konservative Mehrheit von 6:3 hat, hatte Trump zuvor in einer Reihe weiterer Entscheidungen unterstützt, die seit seiner Rückkehr ins Präsidentenamt im Januar 2025 auf Notfallbasis erlassen worden waren.
Der US-Finanzminister Scott Bessent kündigte an, die Regierung werde andere rechtliche Begründungen prüfen, um möglichst viele der Zölle beizubehalten. Trump selbst hatte für den Fall einer Niederlage vor Gericht einen »Plan B« in Aussicht gestellt. Wie der aussehen soll, ist bislang unklar.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Oberstes Gericht der USA stoppt Trumps globale Zölle
3. Die KI versteht nichts von Glaubensdingen, findet der Papst
Mit dem Gebrauch und den Gefahren der künstlichen Intelligenz beschäftigt sich auch das Oberhaupt der katholischen Kirche. Papst Leo XIV. hat sich gerade dagegen ausgesprochen, dass Pfarrer Predigten von KI schreiben lassen. (Hier mehr)
Leo XIV. sieht die künstliche Intelligenz als Gefahr für die Menschheit. Bei einem Treffen mit mehreren Hundert Priestern seines Bistums Rom sagte er laut italienischen Medien, KI sei nicht in der Lage, den Glauben weiterzugeben, aber genau das sei die Aufgabe einer Predigt. Leo XIV. verglich die negativen Folgen des KI-Gebrauchs mit einer Erkenntnis aus dem Sport: »Alle Muskeln sterben ab, wenn wir sie nicht mehr nutzen, und deshalb muss auch das Gehirn benutzt werden, damit wir unsere Intelligenz nicht verlieren.«
»Mit einer unsichtbaren, abstrakten Intelligenz kennt sich der Papst bestens aus – schließlich wird in seiner Kirche der Heilige Geist als Quelle der Weisheit, der Erkenntnis und des Verstandes verehrt«, sagt mein Kollege Frank Hornig, der seit vielen Jahren aus Rom berichtet. »Lange vor dem Silicon Valley haben die Christen mit ihrem Heiligen Geist ein Instrument erfunden, das laut Johannesevangelium angeblich ›in alle Wahrheit leiten wird‹.« Dass Leo XIV. seine Priester nun davor warnt, Predigten von der KI schreiben zu lassen, sei nachvollziehbar. »Allerdings: Ganz auf künstliche Intelligenz verzichten will Leo offenbar nicht: Kirchenmedien zufolge testet der Vatikan gerade, wie die KI künftig Papstpredigten simultan übersetzen kann.«
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Was heute sonst noch wichtig ist
Kommission empfiehlt höheren Rundfunkbeitrag: Haushalte in Deutschland sollen von Januar 2027 an monatlich 18,36 Euro und damit 28 Cent mehr für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zahlen als bisher. Die Expertenkommission hat ihren ursprünglichen Vorschlag damit gesenkt.
Lars Eidinger verletzt Theaterzuschauerin versehentlich mit Degen: Bei einer Aufführung des Theaterstücks »Richard III.« in Berlin ist eine Zuschauerin verletzt worden. Der Grund: Schauspieler Lars Eidinger war ein Degen aus der Hand gerutscht. Die Vorstellung wurde abgebrochen.
Wölfe können sich an Menschen gewöhnen – wenn es sich lohnt: Der Wolf hat anfangs Angst vor Menschen, kann diese Scheu aber ablegen, sofern es Vorteile mit sich bringt. Diese Anpassungsfähigkeit erschwert es Menschen laut einer Studie, die Tiere zu vertreiben.
Japans Premierministerin warnt vor China: In der ersten Rede im Parlament nach ihrer Wiederwahl kritisiert Japans Ministerpräsidentin Sanae Takaichi die Regierung in Peking scharf. Als zentrales Thema setzt sie die Verteidigung ihres Landes gegen China.
Meine Lieblingsmeldung heute:
Ich schätze den ehemaligen Fußballspieler und jetzigen Bayern-Coach Vincent Kompany sowieso wegen seiner tollen Arbeit – und heute auch wegen seiner klaren Haltung. Kompany hat seinen prominenten Kollegen José Mourinho nach dem Rassismusskandal um Vinícius Júnior kritisiert. Der Real-Profi Vinícius Júnior soll während des Spiels gegen Benfica am Dienstag rassistisch beleidigt worden sein. Mourinho, Coach von Benfica Lissabon, hatte nach dem Spiel die Art des Torjubels von Vinícius Júnior moniert. Er habe »den Charakter von Vinícius Júnior attackiert. Er hat die Art, wie er jubelt, gegen ihn verwendet. Für mich ist das aus Führungsperspektive ein klarer Fehler«, sagte Kompany in Richtung Mourinho.
Bayern-Trainer Vincent Kompany (am 8. Februar): »Schaut mal auf die Dinge, die wir zusammen schaffen können«
Foto:Heike Feiner / Eibner / IMAGO
Kompanys Vater, Pierre Kompany, floh in den Siebzigerjahren als politisch Verfolgter nach Brüssel und wurde später der erste schwarze Bürgermeister Belgiens. Vincent Kompany wuchs mit zwei Geschwistern in einer Sozialbaugegend im Brüsseler Norden auf – und hat offensichtlich selbst oft Rassismus erlebt.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Bayern-Trainer Kompany kritisiert Mourinho wegen Umgangs mit dem Fall Vinícius Júnior
Was heute weniger wichtig ist
Rob Halford
Foto:Christoph Soeder / dpa
Träume laut und gefährlich: Rob Halford, 74, Sänger der Heavy-Metal-Band Judas Priest, sieht für Nachwuchsmusiker heute schwierigere Hürden im Vergleich zu den eigenen Anfängen. Früher habe man als junger Musiker mehr Zeit gehabt, so Halford bei einem Berlinale-Auftritt. Der Metal-Veteran rät jungen Musikern, ehrgeizige Träume zu haben: »Es ist unglaublich wichtig zu träumen. Und zum Beispiel daran zu glauben, einmal Wacken headlinen zu können. Das Größte als Musiker ist doch, wenn deine Kunst möglichst viele Menschen erreicht.«
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Mini-Hohlspiegel
Von boyens-medien.de
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Foto: Klaus StuttmannUnd heute Abend?
Könnten Sie sich ein neues Werk der von mir längst im Ruhestand vermuteten irischen Band U2 anhören, deren Namen von vielen Menschen im besonders U2-begeisterten Italien lustigerweise nicht englisch ausgesprochen wird, weil »U Due« viel cooler klingt.
Mein Kollege Arno Frank schreibt, wie er es selbst ausdrückt, »in freudiger Erregung« über die fünf Songs der nun überraschend veröffentlichten EP »Days of Ash«. Besonders angetan hat es ihm das Lied »The Tears of Things«. Es sei eine Ballade in würdiger Nachfolge des Hits »One« und ein »lyrisches Lamento über die menschliche Geworfenheit«. Zwar machten die fünf neuen Songs von U2 die Welt zu keinem besseren Ort, findet Arno, aber »die EP fügt dem Grauen nicht auch noch Zynismus hinzu« .
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort




