»Dass der Anschlag in der Reichenbachstraße nach fast 56 Jahren womöglich doch noch aufgeklärt werden kann, hätte ich nicht mehr für möglich gehalten«, sagte Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. »Unsere ganze Gemeinde und alle, die wie ich persönliche Erinnerungen an diese furchtbare Nacht haben, haben lange auf diese Nachricht gewartet.«
Von Erleichterung könne man zwar nicht sprechen, führte Knobloch aus. »Die Ermordeten werden davon schließlich nicht wieder lebendig.« Aber wenigstens habe man damit endlich eine Antwort auf eine Frage, »die uns über ein halbes Jahrhundert bedrückt hat«. Die Präsidentin dankte den Ermittlern um den Münchner Oberstaatsanwalt Andreas Franck für deren Einsatz.
Knobloch, 93 Jahre alt und Holocaustüberlebende, betonte, es schmerze sie sehr, dass der mutmaßliche Täter nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden konnte: »Wer jüdische Menschen ermordet, noch dazu aus dem einzigen Grund, weil sie Juden sind, der darf gerade in diesem Land nicht straffrei ausgehen.«
»Barbarisches Verbrechen«
Knobloch weiter: »Sollte Bernd V. tatsächlich der Täter gewesen sein, ist es für alle Angehörigen der Opfer von damals, für unsere Gemeinde und auch für mich persönlich unerträglich, dass er bis zu seinem Lebensabend für dieses barbarische Verbrechen nicht belangt wurde.«
Nach SPIEGEL-Informationen soll ein krimineller Neonazi im Februar 1970 den Brandanschlag auf das jüdische Altenheim in der Münchner Reichenbachstraße verübt haben. Die Generalstaatsanwaltschaft München hatte im Frühjahr 2025 ein neues Ermittlungsverfahren eingeleitet. Der Anschlag vom 13. Februar 1970 gilt als der verheerendste Angriff auf in Deutschland lebende Juden in der Geschichte der Bundesrepublik.
Bei dem inzwischen verstorbenen Tatverdächtigen handelt es sich um den justizbekannten Bernd V. aus München, der immer wieder durch Diebstähle und Einbrüche aufgefallen war. Zeugen beschrieben ihn gegenüber den Ermittlern als Neonazi und glühenden Antisemiten.
Zeugin meldete sich
Auf seine Spur kamen die Fahnder, als sich Anfang 2025 eine Zeugin bei der Generalstaatsanwaltschaft meldete. Ein naher Verwandter, so berichtete die Frau, sei einst Mitglied von Bernd V.s Einbrecherbande gewesen. Er habe im Familienkreis von einem Einbruchsversuch in ein Juweliergeschäft am Münchner Gärtnerplatz berichtet, der am Abend des Brandanschlags fehlgeschlagen sei.
Bernd V. sei daraufhin immer wütender geworden und habe auf Juden geschimpft. Schließlich habe er in Richtung des nahe gelegenen Altenheims gedeutet und sinngemäß gesagt: Jetzt werde er sie anzünden.
Bernd V., der vor Gericht einmal angab, in »Liebe« zu Adolf Hitler erzogen worden zu sein, beschäftigte seit den Sechzigerjahren immer wieder die Justiz. Als Heranwachsender sprengte er Telefonzellen, im Januar 1971 brach er mit zwei Komplizen in die Kapelle des Jagdschlosses Blutenburg im Westen Münchens ein. Das Trio stahl dort unter anderem die berühmte Holzstatue der »Blutenburger Madonna«. Bernd V. starb im Juni 2020.
