Die Champions League ist so besonders wegen Abenden wie diesem. Selbst im reformierten Vorrundenmodus, in dem nur ein Drittel der Mannschaften am Ende ausscheidet, ergeben sich in der Königsklasse Paarungen, bei denen sich Fußballliebhaber die Hände reiben: FC Arsenal gegen Bayern München (am Abend 21 Uhr, Stream: DAZN, Liveticker: SPIEGEL.de), die Nummer zwei der Tabelle empfängt die Nummer eins.
Die Vorfreude auf dieses Spiel ist auch deshalb groß, weil die beiden wohl besten Mannschaften der Welt aufeinandertreffen.
Bayerns Michael Olise kam gegen Freiburg auf fünf Scorerpunkte
Foto: Markus Ulmer / Ulmer / Teamfoto / IMAGOManchester City mit Tormaschine Erling Haaland ist längst nicht in Topform, in der Premier League liegt das Team sieben Punkte hinter Arsenal, am Dienstagabend unterlag es Bayer Leverkusen. Der französische Champions-League-Titelverteidiger Paris Saint-Germain wurde jüngst von den Bayern eine Halbzeit lang vorgeführt. Auch Real Madrid und der FC Barcelona wirken wackelig.
Aber Arsenal und die Münchner? Schweben bislang durch die Saison.
Die Bayern sind sogar noch ungeschlagen. Niemand in Europas fünf Topligen hat bislang so viele Tore erzielt.
Trotzdem geht der Bundesligist nicht als Favorit ins Duell mit Arsenal, die Teams begegnen sich auf Augenhöhe. Die Londoner verfügen sogar über genau die Mittel, die den Bayern besonders wehtun könnten.
Drei Gründe, warum das Team von Trainer Mikel Arteta ein so schwerer Gegner wird:
1. Spielzüge wie in der NFL
Zwölf Spiele hat Arsenal in der Premier League hinter sich, drei in der Champions League. In diesen 15 Partien haben die Gunners 13 Treffer erzielt – wenn man nur Tore nach Standardsituationen zählt. Europaweit gibt es keine Mannschaft, die so gefährlich bei ruhenden Bällen ist. Dafür beschäftigt Arsenal seit 2021 einen eigenen Trainer, Nicolas Jover. Der gebürtige Berliner lässt die Spieler bei Eckbällen und Freistößen in präzisen choreografierten Formationen einlaufen, alles ist einstudiert.
Gabriel (l.) ist bei jedem hohen Ball eine Gefahr
Foto: Oli Scarff / AFPIdeen für diese Choreografien sollen einem ESPN-Bericht zufolge teilweise aus der NFL stammen. Im Football gibt es keinen Spielfluss, sondern klar getrennte Spielzüge, die am Reißbrett geskriptet werden. Laut ESPN soll Arteta sich regelmäßig mit Sean McVay austauschen, dem Cheftrainer der Los Angeles Rams, die wie der FC Arsenal dem US-Sportinvestor Stan Kroenke gehören.
Arsenals Standardspielzüge sind oft auf einen Spieler zugeschnitten: Gabriel Magalhães.
Der 27 Jahre alte Innenverteidiger ist extrem kopfballstark, was nicht nur ihn torgefährlich macht, sondern auch Teamkollegen Chancen eröffnet, indem er Verteidiger auf sich zieht. Gut für die Bayern: Aktuell fällt der Brasilianer mit einer Adduktorenverletzung aus. Harmlos werden Arsenals Standards aber kaum. Da sind noch immer kopfballstarke Spieler wie der Spanier Mikel Merino. In Declan Rice, den die Bayern einst umgarnten, spielt ein Spezialist bei Arsenal – für Ecken, aber auch für direkte Freistöße, wie vergangene Saison Real Madrid feststellen musste.
Und: Wenn die Münchner zuletzt eine Schwäche hatten, dann war es das Verteidigen ruhender Bälle. Gegen Union Berlin (2:2) und den SC Freiburg (6:2) kassierte der FC Bayern zuletzt vier Gegentore nach Ecken oder Freistößen. Ein fünftes auf gleiche Weise wurde nach VAR-Eingriff aberkannt.
Jeder habe diese Gegentore gesehen, sagte Bayern-Coach Vincent Kompany nach dem Spiel gegen Freiburg, das gelte auch für Arsenals Analysten. Wie man gegen Arsenals Standardstärke bestehen könne? »Du musst Persönlichkeit zeigen, Charakter und die Sache weg verteidigen.«
2. Die beste Defensive Europas
Nicht nur offensiv wird Gabriel den Gunners fehlen, auch defensiv gehört er zu den Leistungsträgern. Gemeinsam mit dem Franzosen William Saliba bildet er die momentan wohl stärkste Innenverteidigung der Welt. In der Premier League kassierte das Team in zwölf Partien bislang nur sechs Gegentore, davon drei aus dem freien Spiel heraus – Spitzenwert in den großen fünf Ligen Europas.
Noch besser ist die Bilanz im Europapokal, wo Arsenals Defensive nach vier Spieltagen noch gar nicht überwunden wurde. Wettbewerbsübergreifend hielten die Gunners bis vor Kurzem sogar eine Serie von acht Spielen hintereinander ohne Gegentreffer, womit sie einen 122 Jahre alten Klubrekord einstellten.
Ein wichtiger Grund für die Abwehrstärke ist aber ein Mittelfeldspieler: Martín Zubimendi.
Ballverteiler und Anker in Arsenals Aufbauspiel: Martín Zubimendi
Foto: George Wood / Getty ImagesFür den Sechser sollen die Londoner im Sommer 70 Millionen Euro an Real Sociedad bezahlt haben. Eine hohe Summe für einen eher unscheinbaren Fußballer, dessen Ballsicherheit und Übersicht für Arsenal aber eine entscheidende Verbesserung im Vergleich zu den Jahren zuvor bedeutet. Durch sie vermeidet die Elf Gefahr nach Ballverlusten im Mittelfeld.
Nicht nur für Arteta ist der 26-Jährige als Stammspieler gesetzt. Auch in Spaniens Nationalmannschaft, bei deren EM-Triumph er noch um Einsatzzeit kämpfen musste, gehört Zubimendi als Vertreter des Ballon-d’Or-Siegers Rodri mittlerweile fast immer zur Startelf. Und wie Teamkollege Rice soll auch Martín Zubimendi einmal ein Kandidat beim FC Bayern gewesen sein.
3. Mehr Zu- als Abwanderung
70 Millionen Euro für Zubimendi, das klingt nach einem Großtransfer, doch bei Arsenal sind solche Ablösen inzwischen üblich. Unter Trainerikone Arsène Wenger hatte der Klub einst den Ruf, auf dem Transfermarkt zurückhaltender zu bleiben als die Konkurrenz. Arteta, der 2019 übernahm, werden hingegen viele Wünsche erfüllt, auch die teuren.
Seit Artetas Antritt hat der FC Arsenal laut Transfermarkt.de 1,24 Milliarden Euro für neue Spieler ausgegeben. Das reicht für Platz vier der internationalen Rangliste.
Laut dieser Zahlen hat Arsenal zugleich derart wenig durch Spielerverkäufe eingenommen, dass ein negativer Saldo von 946,81 Millionen zu Buche steht. Größer ist das Minus demnach weltweit nur bei Manchester United (rund 1 Milliarde Euro). Zum Vergleich: Bayern München hat in der gleichen Zeit ein Transferminus von 275 Millionen verzeichnet.
Eberechi Eze gehört zu Mikel Artetas erfolgreichsten Verpflichtungen
Foto: Andrew Couldridge / Action Images / ReutersAber Arsenal investiert dieses Geld mit Bedacht. Unter Arteta sind nur wenige Verpflichtungen wirklich gefloppt. Der Klub arbeitet gezielt daran, den Kader in der Spitze zu verstärken und zugleich für die nötige Breite zu sorgen.
Jede Position ist mindestens doppelt besetzt. So konnte die Mannschaft diese Saison selbst Ausfälle wichtiger Spieler wie Martin Ødegaard, Bukayo Saka, Kai Havertz kompensieren. Diese Kadertiefe ist ein großer Unterschied zwischen Arsenal und dem FC Bayern, der im Sommer auf manchen Transfer verzichtete und nun darauf hoffen muss, möglichst ohne Verletzungen durch die lange Saison zu kommen.
