Ein lauer Frühlingsabend in Berlin, die Tische vor dem Italiener im Ortsteil Moabit sind an diesem Dienstag gut besetzt. Die Leute sitzen unter den Markisen, trinken einen Aperitif. Es gibt Pizza und Pasta, Hähnchenbrust und Kalbsleber nach Art des Hauses, die hausgemachten Fettuccine mit Spargel, Artischocken, Kirschtomaten, Oliven und Kräutersoße von der Tageskarte kosten 16,50 Euro.
Kurz vor acht hält eine schwarze Audi-Limousine mit verdunkelten Scheiben im Fond vor dem Restaurant. Die Buchstabenfolge auf dem Berliner Kennzeichen verrät, wer hier vorfährt: B-FD, das ist zumeist der Fahrdienst des Bundestags. Bald folgen weitere Autos jener Flotte, mit denen sich die Abgeordneten in Berlin zu Terminen fahren lassen können.
Urlaub in der Krise
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Die Parlamentarier besuchen nicht zufällig dieses Restaurant. Etliche von ihnen gehen zielstrebig an den Weinflaschen vorbei, die den Gästen am Eingang in Regalen präsentiert werden. Sie steuern ein Hinterzimmer mit petrolgrünen Wänden an.
Die Tischgesellschaft besteht aus Abgeordneten von Union und Grünen, in den Sitzungswochen des Bundestags kommen sie hier unauffällig zusammen. Nachdem sich die vier mit weißen Stoffservietten eingedeckten Tische gefüllt haben, sorgt ein schwerer roter Vorhang für Diskretion.
Revival der Pizza-Connection
Pizza-Connection heißt die verschwiegene Runde, ihr Ursprung liegt rund 30 Jahre zurück. In der Endphase der CDU-Kanzlerschaft von Helmut Kohl gründeten progressive Christdemokraten und konservative Grüne am damaligen Parlamentssitz Bonn eine vertrauliche Runde. 2013 reanimierten Jens Spahn von der CDU und Omid Nouripour von den Grünen die Idee – aus Frust darüber, dass ihre Parteien kurz zuvor daran gescheitert waren, eine Koalition zu bilden. Jetzt, da es in der schwarz-roten Bundesregierung kriselt, wächst wieder das Interesse an der Pizza-Connection.
Das Lokal in Moabit hat sich als neuer Treffpunkt noch nicht herumgesprochen. So kommt es, dass sich am selben Abend auch die beiden Fraktionschefinnen der Grünen, Katharina Dröge und Britta Haßelmann, mit zwei Kolleginnen bei diesem Italiener verabredet haben. Fraktions- und Parteispitzen sind üblicherweise nicht Teil der Runde und waren für diesen Abend auch nicht eingeladen. Aber da sie jetzt nun mal da sind, gehen Dröge und Haßelmann kurz nach hinten ins Separee und begrüßen die rund zwei Dutzend Abgeordneten. Die Stimmung ist heiter.
Schwarze und Grüne suchen die Nähe zueinander. Noch vor Kurzem war das kaum denkbar. Da waren die Grünen aus Sicht der Union noch moralinsaure Ideologen, und die Union galt vielen Grünen als Wegbereiter des Rechtsrucks. Im vergangenen Bundestagswahlkampf hatte vor allem die CSU die Grünen zum Hauptgegner erkoren. Aber auch Friedrich Merz tönte damals, er werde wieder »Politik für Deutschland« machen und nicht für irgendwelche »grünen und linken Spinner«. »Kein schwarz-grün!«, gab Bayerns Ministerpräsident Markus Söder kurz vor der Wahl als Parole aus. »Die Grünen gehören von der Regierungs- auf die Oppositionsbank.«
