Seit Wochen drängen einige führende Politiker von CDU und CSU auf einen Kurswechsel im Umgang mit der AfD, auch über eine mögliche Minderheitsregierung wurde schon gesprochen. Nach der Entscheidung des Familienunternehmer-Verbands, sich für Gespräche mit den extrem Rechten zu öffnen, gibt es an der neuen Strategie der Firmenvertreter heftige Kritik, auch aus dem Wirtschaftsflügel der Union.
»Die AfD ist kein Partner für den Mittelstand«, sagte die Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), Gitta Connemann, dem »Handelsblatt«. »Ihr Programm und ihre Haltung schaden dem Standort Deutschland massiv.« Sie verwies auf zentrale Risiken für exportorientierte Unternehmen. »Eine nationalistische Wirtschaftspolitik à la AfD würde diese Exporte torpedieren, Lieferketten und Arbeitsplätze zerstören.« Ebenso wäre eine Abkehr von Europa, der Ausstieg aus dem Euro für die Betriebe kontraproduktiv.
Der badische Tunnelbohr-Unternehmer Martin Herrenknecht äußerte sich gegenüber der Zeitung ebenfalls skeptisch. »Die Brandmauer in dieser Situation aufzuweichen, halte ich für das falsche Signal«, sagte er. Man solle »einen kühlen Kopf bewahren« und sorgfältig prüfen, welche Gesprächsformate man zulasse. Herrenknecht kritisierte in diesem Zusammenhang auch die Politik der Bundesregierung. »In der Debatte rund um die Rentenreform zeigt sich einmal mehr, wie schnell politische Unsicherheit Raum für radikale Kräfte schafft«, sagte er. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) »steht unter Druck, die Koalition wirkt ideenlos und instabil«.
Ostermann: »Empörung allein hat sich als politische Strategie erschöpft«
Die Präsidentin des Wirtschaftsverbands Die Familienunternehmer verteidigt derweil ihren Vorstoß gegen Kritik. In ihrer etwa 6500 Unternehmen starken Vereinigung war im Oktober ein Kontaktverbot zu AfD-Bundestagsabgeordneten aufgehoben worden, zu einem parlamentarischen Abend des Verbands wurde ein AfD-Vertreter eingeladen.
»Empörung allein hat sich als politische Strategie erschöpft«, bekräftigte Marie-Christine Ostermann nun den Kurs. »Das Überbieten mit immer heftigeren Antifa-Parolen hat nichts gebracht.« Die AfD wachse trotz Brandmauer kräftig, 2026 scheine sogar eine Alleinregierung in Sachsen-Anhalt möglich. »Jetzt hilft nur noch die Auseinandersetzung mit den Inhalten der AfD, jenseits von schlichten Kategorisierungen in ›gut‹' und ›böse‹«.
Ostermann hob hervor, dass die Familienunternehmer »keine Regierung mit AfD-Beteiligung« wollten. Im Landtagswahlkampf in Sachsen habe man vor einer »Reise ins Blaue« gewarnt, »das Weltbild der AfD passt nicht zu unserer freiheitlichen und marktwirtschaftlichen Grundüberzeugung«, sagte sie. Deshalb scheue man die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Partei auch nicht. »Reden heißt nicht zusammenarbeiten. Und wer gar nicht mehr redet, hat inhaltlich aufgegeben – gerade diejenigen überlassen das Feld den Extremisten.« Man könne sich nicht der Debatte verweigern und wehr- und tatenlos auf eine Verbesserung der Wahlergebnisse hoffen.
Die Unionsparteien CDU und CSU lehnen Koalitionen und ähnliche Formen der Zusammenarbeit mit der AfD bislang ab. Über diese sogenannte Brandmauer wird seit Wochen heftig diskutiert, auch aus Angst vor parlamentarischen Blockaden bei einem weiteren Erstarken der AfD. Diese Diskussion stößt besonders bei Sozialdemokraten, Grünen und anderen Kräften des linken politischen Spektrums auf heftige Kritik.
Auch der Ökonom Marcel Fratzscher warnte davor, die AfD als normale Partei zu behandeln. Dies »könnte erheblichen Schaden für die deutsche Wirtschaft im Ausland wie im Inland anrichten«, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) dem »Handelsblatt«. Verbände und Unternehmen dürften nicht »auf ihren kurzfristigen ökonomischen Nutzen schauen«, sie müssten vielmehr »politisch wie gesellschaftlich klare Positionen beziehen und diese öffentlich und sichtbar kommunizieren«.
Lesen Sie hier den Kommentar zum Thema: Der fatale Flirt der Familienunternehmer mit der AfD
