SpOn 21.02.2026
19:18 Uhr

CDU-Parteitag in Stuttgart: Was eine Abschaffung der Telefon-Krankschreibung bedeutet


Die CDU will die Krankschreibung per Anruf streichen – sie sieht darin einen Grund für steigende Krankmeldungen. Doch eine Analyse zeigt: Das stimmt so nicht.

CDU-Parteitag in Stuttgart: Was eine Abschaffung der Telefon-Krankschreibung bedeutet

Der CDU-Parteitag in Stuttgart hat auf Antrag der Mittelstands- und Wirtschaftsunion beschlossen, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Kanzler Friedrich Merz (CDU) hatte das Thema zuvor selbst auf die Agenda gesetzt, Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) eine Überprüfung der Regelung angekündigt. Der Beschluss reiht sich ein in eine Debatte über den Krankenstand in Deutschland – und wirft Fragen auf, die über das Für und Wider eines Telefonats mit dem Hausarzt hinausgehen.

Was die telefonische Krankschreibung ist – und was nicht

Die Regelung erlaubt es Patienten, sich telefonisch krankschreiben zu lassen – allerdings nur unter engen Voraussetzungen: Sie müssen in der Praxis bekannt sein, leichte Symptome haben, und die Krankschreibung gilt für maximal fünf Kalendertage. Für eine Folgebescheinigung ist ein persönlicher Arztbesuch vorgeschrieben. Es handelt sich also nicht um eine voraussetzungslose Ferndiagnose, sondern um ein abgestuftes Verfahren, das während der Pandemie eingeführt und später verstetigt wurde – auch auf Wunsch der Ärzteschaft, die ihre Praxen entlasten wollte.

Warum der Krankenstand steigt

Der Parteitagsantrag argumentiert, eine niedrigere Hürde zur Krankschreibung führe zu mehr Krankmeldungen. In der Antragsbegründung ist von der »Bettkantenentscheidung« die Rede: Je einfacher eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu erhalten sei, desto eher falle die morgendliche Entscheidung zugunsten der Krankmeldung aus. Das ist eine Plausibilitätsannahme. Die tatsächlichen Ursachen des gestiegenen Krankenstands sind vielschichtiger.

Ein wesentlicher Faktor ist die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU), die seit 2023 flächendeckend eingesetzt wird. Erstmals werden Krankschreibungen digital und lückenlos an die Arbeitgeber übermittelt. Zuvor gingen papierbasierte Bescheinigungen regelmäßig verloren oder wurden nicht eingereicht – sie tauchten in keiner Statistik auf. Der statistische Anstieg bildet also teilweise einen Erfassungseffekt ab, nicht zwingend eine Zunahme tatsächlicher Erkrankungen.

Daneben spielen epidemiologische Faktoren eine Rolle: nachlaufende Infektionswellen, eine alternde Belegschaft, die Zunahme psychischer Erkrankungen als häufigster Grund für Langzeitausfälle.

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Was eine Abschaffung bedeuten würde

Die Rückkehr zum verpflichtenden Praxisbesuch hätte unmittelbare Folgen für das ambulante Versorgungssystem. Patienten mit leichten Erkältungen, die bisher per Telefon versorgt wurden, müssten wieder persönlich vorstellig werden – in Hausarztpraxen, die nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vielerorts bereits an der Kapazitätsgrenze arbeiten. In ländlichen Regionen schrumpft die Versorgungsdichte seit Jahren.

Arbeitsmediziner verweisen zudem auf das Phänomen des Präsentismus: Wenn die Hürde zur Krankmeldung steigt, erscheinen mehr Beschäftigte krank am Arbeitsplatz. Die Folgen – Produktivitätsverluste, verschleppte Erkrankungen, Ansteckung von Kollegen – werden in der Fachliteratur als volkswirtschaftlich mindestens ebenso kostspielig eingeschätzt wie krankheitsbedingte Fehlzeiten.

Die geplante Abschaffung ignoriert die strukturelle Belastungsgrenze des ambulanten Sektors. Während die Politik eine Senkung des Krankenstandes suggeriert, würde die Rückkehr zur Präsenzpflicht faktisch nur eine Verlagerung der Problematik bedeuten: Hausarztpraxen müssten Kapazitäten für Bagatellfälle binden, die für die Versorgung chronisch Kranker fehlen. Zudem unterschätzt der Vorstoß die epidemiologische Dynamik; das Wartezimmer wird bei einer Rückabwicklung der Telefon-AU wieder zum Infektionsherd. Eine Analyse der Ursachen zeigt zudem, dass der statistische Anstieg auch eine Folge der lückenlosen digitalen Erfassung und der demografischen Alterung ist – Faktoren, die durch eine Erhöhung der Hürden beim Arztbesuch nicht beeinflusst, sondern lediglich kaschiert werden.

Die Datenbasis dafür existiert: bei den Krankenkassen, den Kassenärztlichen Vereinigungen, in der Arbeitsmedizin. Ob die Evaluation ergebnisoffen verläuft oder den Parteitagsbeschluss nachvollzieht, wird sich an einer einfachen Frage messen lassen: Werden die Daten vor der Entscheidung ausgewertet – oder danach?