SpOn 19.02.2026
10:00 Uhr

Bundespräsidentin: Eine Frau für dieses Amt vorschlagen und sich dafür feiern? Das ist billig – Meinung


Zum ersten Mal soll eine Frau Staatsoberhaupt werden. Das ist gut, offenbart aber auch die Doppelmoral der Männer in der Regierungskoalition.

Bundespräsidentin: Eine Frau für dieses Amt vorschlagen und sich dafür feiern? Das ist billig – Meinung

Es wird eine Frau. Da sind sich Linke und CDU, Grüne, CSU und SPD einig. Nach zwölf Männern soll Anfang des kommenden Jahres zum ersten Mal eine Bundespräsidentin gewählt werden. Auch der Kanzler hat sich dafür ausgesprochen: »Ich kann mir das sehr gut vorstellen, dass wir 2027 eine Frau zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zur Bundespräsidentin wählen«, sagte Friedrich Merz.

Auf eine Kandidatin festgelegt hat sich der Kanzler noch nicht. Die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner war im Gespräch, ebenso Familienministerin Karin Prien. Inzwischen heißt es, vielleicht werde es am Ende auf eine Frau ohne Parteibuch hinauslaufen. Das Gerücht, Angela Merkel könne die erste Bundespräsidentin werden , hat die Altkanzlerin schon selbst abgeräumt. Verständlich, sie musste ja schon 16 Jahre lang als Feigenblatt für politische Männerclubs herhalten.

Die deutsche Politik vermännlicht sich wieder.

Es ist eine gute Nachricht, dass bald eine Frau Staatsoberhaupt werden soll. Aber es ist auch bezeichnend, dass sich Politiker ausgerechnet bei diesem Amt einhellig für eine Frau einsetzen. Denn Bundespräsidenten mögen eine wichtige repräsentative Funktion haben. Für das politische Tagesgeschäft sind sie aber von geringer Bedeutung.

Die Debatte über eine Bundespräsidentin sollte daher nicht über die realen Verhältnisse hinwegtäuschen: Die deutsche Politik vermännlicht sich wieder zunehmend.

Das begann schon während der Ampelkoalition. Nach 16 Jahren Merkel waren es plötzlich wieder drei Männer, die über die Geschicke des Landes bestimmten: Olaf Scholz, Robert Habeck und Christian Lindner. Der Ampel lässt sich zugutehalten, dass zumindest im erweiterten Führungskreis einige Frauen saßen. Unter Schwarz-Rot ist aber auch das vorbei.

Männlicher Gratismut

Der Kanzler, sein Stellvertreter, die Generalsekretäre der drei Koalitionsparteien, die Fraktionschefs von Union und SPD, die Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer: alles Männer. In den wichtigsten Ämtern dieser Koalition sitzt kaum eine Frau. Das zeigt sich auch im Koalitionsausschuss, der über die zentralen Linien des Regierungsbündnisses entscheidet. In dieser Legislatur besteht er aus elf Personen: zehn Männern und einer Frau, SPD-Chefin Bärbel Bas.

Viele Spitzenpolitiker betonen, dass ihnen die Repräsentation von Frauen ein Anliegen sei. »In der SPD und auch für mich persönlich ist Parität eine Selbstverständlichkeit«, sagte etwa SPD-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil im vergangenen Jahr. Dann zählte er auf: Ins Kabinett habe die SPD mit Bärbel Bas, Stefanie Hubig, Reem Alabali-Radovan und Verena Hubertz vier Frauen geschickt. Auch im Vorstand der Partei und der Fraktion säßen mehr Frauen als Männer. Parität ist für den Vizekanzler also selbstverständlich – aber nur in der zweiten und dritten Reihe.

Dieser Blick eint viele männliche Politiker. Sie sehen Frauen gern in Parteigremien, als Staatssekretärinnen oder in repräsentativen Funktionen, um bei Bedarf auf sie zeigen zu können: »Guckt mal, da hinten sitzen doch ganz viele!« Aber wenn es wirklich darum geht, Macht zu verteilen, ist Parität plötzlich zweitrangig.

Parität wird zur Pose

Es ist hinreichend erforscht, dass Gesellschaften von Parität in der Politik profitieren. Spitzenpolitikerinnen setzen häufiger Themen wie Gesundheit und Bildung auf die Agenda. Ihre Präsenz sorgt dafür, dass Mädchen sich stärker für Politik interessieren. Dazu sind Regierungen, in denen auch Frauen zentrale Positionen bekleiden, laut einer Studie kompromissfähiger, stabiler und zerbrechen seltener.

Vor einer Weile fragte eine Abgeordnete den Kanzler in einer Regierungsbefragung, wie er zum Thema Parität im Bundestag stehe, also wie er den Anteil von Frauen in der Politik erhöhen wolle. Die Entscheidung, wen sie aufstellten, solle den Parteien überlassen bleiben, antwortete Merz. »Wir sollten sie nicht durch das Wahlrecht vorgeben.«

Die Abgeordnete hakte nach: Wie sich denn sonst der Frauenanteil erhöhen lasse? »Ich bin in meiner Partei, seitdem ich dort Vorsitzender bin, unermüdlich darum bemüht, genau dieses Ziel zu erreichen«, sagte Merz.

Frauen in der Politik fordern, aber wenig daraus folgen lassen – das ist männlicher Gratismut. Parität wird so zur Pose statt zum politischen Anliegen.

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Politikern wäre ihr Einsatz für Frauen abzukaufen, wenn sie Politikerinnen an die Spitze ihrer Fraktionen wählen oder als Kanzlerkandidatinnen vorschlagen würden. Wenn sie es nicht wieder den Politikerinnen überlassen würden, Parität im Wahlrecht zu fordern. Wenn sie es für inakzeptabel hielten, dass ihr Koalitionsausschuss aus einer Frau und zehn Männern besteht.

Aber nach fast 80 Jahren den Weg für eine Bundespräsidentin ebnen, sich dafür feiern und in der Koalition die zentralen Posten dann doch an Männer vergeben? Das ist billig.