Borussia Dortmund tat in der Schlussphase des Topspiels bei Bayer Leverkusen viel für die nächste Enttäuschung.
Der BVB verteidigte nach dem Anschlusstreffer von Christian Kofane (83. Minute) tief, kaum ein Pass fand noch den Mitspieler, es gab keine Entlastung für die eigene Defensive. Es drohten die nächsten späten Punktverluste, wie gegen St. Pauli, wie gegen Juventus in der Champions League, wie gegen den HSV und in der Vorwoche beim 3:3 gegen Stuttgart.
Diesmal passierte nichts mehr. Die Dortmunder siegten 2:1 (1:0) bei der Werkself und festigten den Platz in der Spitzengruppe. Niko Kovač will bei seiner Mannschaft einen Lerneffekt erkannt haben. »Ich denke, dass die Mannschaft das gut verteidigt hat«, sagte der BVB-Trainer. »Heute hatte ich ein richtig gutes Gefühl, gegen Stuttgart war das nicht so.«
Was Kovač – in seiner Rolle als Coach verständlich – unerwähnt ließ, war der Anteil der Leverkusener an dem knappen Auswärtssieg der Borussia. Das Team seines Gegenübers Kasper Hjulmand wusste mit dem Geschenk der Passivität nichts anzufangen. Bayer fehlte an diesem Abend, wenige Tage nach dem umjubelten 2:0-Sieg bei Manchester City, eine klare Spielidee. Das änderte sich in der Schlussphase nicht.
Wer die Frage nach dem Lerneffekt etwas weiterdenkt, kommt schnell zu einem anderen Thema: Ist Borussia Dortmund wieder eine Spitzenmannschaft?
Titel haben beim BVB eine große Bedeutung
Bevor die Spurensuche beginnt, seien zwei Dinge vorangestellt. Zum einen die Erinnerung, wo der BVB herkommt, wo er vor zehn Monaten stand. Als Kovač als Nachfolger von Nuri Sahin übernahm, war die Mannschaft zutiefst verunsichert, und der gesamte Verein steckte in einer schweren Identitätskrise. Pragmatiker Kovač packte an, er redete die Spieler stark, verbesserte die defensive Grundhaltung und führte den Klub wieder in die Champions League.
BVB-Trainer Kovač: »Ich liebe Spieler, die ihren Job mit Hingabe ausfüllen«
Foto: Christopher Neundorf / EPAZudem ist das Dortmunder Umfeld traditionell sehr aufgeregt, mehr als an anderen Bundesliga-Standorten. Der Erwartungsdruck ist hoch, Titelgewinne sind seit der Ära Jürgen Klopp eine wichtige Währung in Dortmund, gepaart mit dem Anspruch, begeisternden und attraktiven Fußball vorgesetzt zu bekommen.
Aus dem letzten Punkt speist sich eine Unzufriedenheit, die in Dortmund in den vergangenen Wochen zugenommen hat. Die späten Gegentore sind dabei ein Faktor, aber die wiederholt uninspirierten Leistungen wie gegen Augsburg, den HSV, gegen Manchester City oder eine Hälfte beim FC Bayern haben bei einigen Fans eine Wirkung hinterlassen. In den sozialen Medien wird teilweise sogar schon wieder darüber diskutiert, ob Kovač noch der richtige Trainer ist.
Wie hanebüchen das ist, zeigen die Ergebnisse: In der Champions League ist der direkte Achtelfinaleinzug nach drei Siegen in fünf Spielen möglich, im DFB-Pokal wurde mit Frankfurt eine schwere Auswärtshürde genommen, und in der Liga steht der BVB auf Platz drei. Der FC Bayern ist mit neun Punkten Vorsprung bereits enteilt, die spielen allerdings eine herausragende Saison.
Zurück zur Frage, ob der BVB ein Topteam ist. Kovač hat in seinen zehn Monaten als Trainer vieles verändert:
Fitness: Die Borussia gehört zu den laufstärksten Teams in der Bundesliga. Die reine Laufleistung – am Samstagabend lief der BVB viereinhalb Kilometer mehr als Bayer – ist dabei nicht entscheidend. Sprints und sogenannte intensive Läufe sind im modernen Fußball sehr wichtig geworden, weil sie die Möglichkeiten für den ballführenden Spieler erhöhen. In dieser Statistik liegt der BVB ligaweit in den Top Drei, das war unter Şahin noch ganz anders.
Defensive: Dortmund kassiert nach den Bayern die zweitwenigsten Gegentore der Liga. Sechsmal spielte Torhüter Gregor Kobel zu null. Hier lag die größte Schwäche des BVB in den vergangenen Jahren. Kovač hat eine Dreierkette eingeführt, die den Abwehrspielern Sicherheit gegeben hat, zudem hat sich das Team bei der Verteidigung von Standardsituationen erheblich verbessert.
Effizienz: Spitzenteams zeichnen auch aus, mit wenigen Torchancen viel Ertrag zu erhalten. Dies gelingt dem BVB in dieser Saison vor allem in der Champions League, wo er in fünf Partien schon 17 Treffer erzielt hat. Doch auch in Leverkusen nutzten die Dortmunder direkt ihre erste Großchance zur Führung.
Mentalität: Viele Jahre wurde in Dortmund vor allem darüber diskutiert. Will die Mannschaft mit allen Mitteln gewinnen? Gibt sie alles für den maximalen Erfolg? Das ist vorbei. Kovač lebt eine Disziplin vor, die er auf seine Spieler übertragen hat. Sein Loblied auf Aarón Anselmino, Torschütze in Leverkusen, bringt es auf den Punkt: »Ich liebe Spieler, die ihren Job mit Hingabe ausfüllen.«
Außendarstellung: »Ich bin 54 Jahre alt, vielleicht hätte ich vor ein paar Jahren anders reagiert.« Das sagte Kovač am Samstag über Serhou Guirassy, der nach seiner Auswechslung ohne Handschlag am Trainer vorbeiging und seine Handschuhe auf die Ersatzbank warf. »Serhou und ich sind ein Herz und eine Seele.« Die Reaktion steht sinnbildlich für seine unaufgeregte Art, mediale Themen nicht größer werden zu lassen.
Der Verein, der mit der Kritik am Sponsoring von Rheinmetall, dem lange vernachlässigten Missbrauchsskandal und der knappen Präsidentenwahl von Hans-Joachim Watzke viele nicht sportliche Themen aufarbeiten muss, ist sportlich auf einem guten Weg.
Und doch existiert in Dortmund die Sehnsucht nach spielerischem Glanz, nach hohen Siegen. Seit Klopp vor mehr als 15 Jahren den Begriff »Vollgasfußball« prägte, sahen sich seine vielen Nachfolger genötigt, dem gerecht zu werden. Kovač scheint der erste Trainer zu sein, dem das egal ist.
Am Dienstag bekommt es Borussia Dortmund erneut mit Bayer Leverkusen zu tun. Dann steht das Achtelfinale im DFB-Pokal an. Es ist der Wettbewerb mit der einzig realistischen Chance, einen Titel zu gewinnen. Man sollte keinen Hurrafußball des BVB erwarten.
