West Ham United hat schon deutlich bessere Zeiten erlebt. Der Klub hat am Sonntag mal wieder verloren, daheim gegen den FC Liverpool (0:2) – und das, obwohl die Reds zuvor in neun von elf Spielen unterlegen gewesen waren. Wahrscheinlich konnte Liverpool keinen besseren Aufbaugegner bekommen als die Hammers, die jetzt nur die Tordifferenz noch von einem Abstiegsplatz trennt.
Ein trister Nachmittag im London Stadium.
Trikot vor der Tribüne niedergelegt
Und doch gab es an diesem Spieltag einen großen West-Ham-Moment. Es war der Augenblick, als Kapitän Jarrod Bowen ein Trikot mit der Nummer vier vor der North Stand, der Fantribüne, niederlegte. Ein fast religiös wirkender Augenblick, es war das Trikot desjenigen, der diesen Klub verkörpert hat wie niemand sonst. Eine Hommage an Billy Bonds, der am Sonntag im Alter von 79 Jahren gestorben ist. Für einen wie ihn ist es irgendwie logisch, dass er an dem Tag stirbt, an dem West Ham ein Heimspiel hat.
Gedenken an Billy Bonds beim Spiel gegen Liverpool
Foto: Adam Davy / PA Wire / dpaIn der vierten Minute des Spiels wurde durchapplaudiert. Die Nummer vier ist bei West Ham ikonisch.
Billy Bonds, ein Name und noch eine magische Zahl: 799. So viele Pflichtspiele hat Bonds für West Ham absolviert. Als er zu den Londonern wechselte, war er 20 Jahre jung. Als er aufhörte, war er 41 und hatte 21 West-Ham-Jahre hinter sich, mehrfach zurückgeholt vom Verein, weil es ohne ihn nicht ging, weil es ohne ihn irgendwann nicht mehr vorstellbar war. Er sagte immer zu, auch wenn der Körper eigentlich schon kaputt war.
Ein echter Londoner
Man muss nicht mehr gesondert hervorheben, dass Bonds ein waschechter Londoner war, geboren, und das ist der Schönheitsfehler in seiner Biografie, nicht in West Ham, sondern in Woolwich im Südosten der Hauptstadt. Das ist eigentlich die Heimat des FC Arsenal, der dort gegründet wurde. Aber mit den Gunners hatte er nichts am Hut, er war ein Hammer. 663-mal in der Liga, die 95 Spiele zuvor für Charlton Athletic als Teenager kann man geflissentlich unter den Tisch fallen lassen, das waren Jugendsünden.
Junger West-Ham-Fan neben West-Ham-Legende
Foto: Andrew Couldridge / Action Images / ReutersEs gibt sie, diese Ewigen, diese Vereinstreuen: Francesco Totti, den Römer, ganz vorn dran, aber bei ihm waren es nur 14 Jahre AS Rom. Totti wurde zudem Weltmeister mit Italien, eine Berühmtheit im Fußball, jeder kennt ihn.
Wer kennt außerhalb Englands Billy Bonds?
Er hatte am Ende seiner Laufbahn kein einziges Länderspiel vorzuweisen. Immer nur der Klub, immerhin zweimal FA-Cup-Gewinner. Zweimal durfte der Kapitän die Trophäe danach in die Luft recken, 1975 und 1980, zweimal hieß der Kapitän Billy Bonds.
Kapitän nach Bobby Moore
Die Kapitänsbinde hat er 1974 übernommen von Bobby Moore, auch ein ganz Großer, vielleicht der Größte im englischen Fußball, Moore und Bonds in den Siebzigern. Das fordert die Wortspiele mit 007 fast heraus, auch Bobby Moore war schließlich ein Gentleman wie Roger Moore als Superagent James Bond.
Billy Bonds 2019
Foto: John Sibley / Action Images / ReutersViel mehr jedoch gemahnt der Name daran, welch großer Klub West Ham einst war. Nicht nur Bobby Moore stand für diesen Verein, auch Geoff Hurst, der zweieinhalbfache Torschütze des WM-Endspiels 1966 in Wembley, war ein Hammer. Trevor Booking, Bryan Robson, Martin Peters, Harry Redknapp – ein Team, gespickt mit berühmten Namen in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Heute ist Niclas Füllkrug fast der Prominenteste.
Geehrt mit dem Orden MBE
Billy Bonds war für Wembley 1966 noch nicht reif genug. Elf Jahre später wurde er erstmals für England nominiert, kam aber nicht zum Einsatz. Bonds und England, dem war wenig Segen beschieden. Und dennoch hat ihn das Königreich zum Ritter geschlagen, er erhielt den Orden Member of the Order of the British Empire MBE. Eine Tribüne im West-Ham-Stadion ist heute nach ihm benannt.
Als er 1988 seine aktive Karriere dann doch mal und diesmal wirklich beendete, ging sein deutlich kürzeres Trainerleben los, selbstredend bei West Ham.
Von 1990 bis 1994 betreute er den Klub als Coach, dann reichte er den Staffelstab weiter an Redknapp. Den Start der Premier League 1992 erlebten Bonds und seine Hammers nur als Zuschauer, West Ham war in der Zwischenzeit abgestiegen. Die Ära von Bonds, Moore, Hurst, Brooking war längst vergangen.
Der frühere Nationalspieler Joe Cole hat am Sonntag gesagt: »Sein Name ist gleichbedeutend mit dem Verein. Alles, was an West Ham gut war, war er.«
Es heißt so häufig und gern im Fußball: Keiner ist größer als der Klub. Bei Billy Bonds und West Ham United muss man diesen Satz überdenken.
