In der Kolonialzeit haben Seefahrer immer wieder Kunstwerke geraubt und unrechtmäßig nach Europa transportiert. Das Ahnenbild »Pou der Hinematioro« der neuseeländischen Māori ist eines davon. Es zeigt die Herrscherin Hinematioro, die vor rund 250 Jahren lebte und als charismatische Führungsfigur galt.
Der britische Seefahrer James Cook landete am 8. Oktober 1769 in Neuseeland. In den zwei Tagen nach der Ankunft erschoss seine Mannschaft mehrere Māori und segelte anschließend in die 60 Kilometer weiter nördlich gelegene Ūawa-Bucht.
Zwei Jahre später brachte er das Kunstwerk »Pou der Hinematioro« nach London. Wie genau es auf sein Schiff kam, ist unklar. Fest steht: Über Umwege gelangte es dann in die Ethnologische Sammlung der Universität Tübingen, wo es für lange Zeit in Vergessenheit geriet. Die Uni hat nun angekündigt, das Kunstwerk an die Māori-Gemeinschaft Te Aitanga-a-Hauiti zurückgeben zu wollen, vermutlich im März.
»Wenn wir es berühren, spüren wir den Atem unserer Ahnen«
»Pou der Hinematioro« ist einen Meter hoch, 33 Zentimeter breit und wurde aus rotem Tatara-Holz mit Steinwerkzeugen geschnitzt. Es zeigt eine stehende Figur, Ornamente und kunstvoll geriffelte Muster umspielen Zunge, Gesicht und Körper. Für die Māori-Gemeinschaft Te Aitanga-a-Hauiti ist die Skulptur von großer Bedeutung. »Das Pou repräsentiert unsere Herrscherin Hinematioro und die Reihe ihrer Ahnen bis zum Beginn unserer Zeit als Gemeinschaft«, sagte Victor Walker, der Sprecher der Māori-Gemeinschaft Te Aitanga-a-Hauiti, laut einer Mitteilung . »Wenn wir es berühren oder in seiner Nähe sind, spüren wir den Atem und die Präsenz unserer Ahnen und fühlen uns lebendig.«
Das »Pou der Hinematioro«
Foto: Valentin Marquardt / Uni TübingenSchon im Jahr 2008 war eine Delegation der Te Aitanga-a-Hauiti nach Tübingen gereist, um das Ahnenbild zu ehren. Zwischenzeitlich war das Pou auf Leihbasis nach Neuseeland zurückgekehrt, wo es mit einer bewegenden Zeremonie empfangen wurde. Zurzeit ist es in einer Ausstellung auf Schloss Hohentübingen zu sehen. 2024 hat die neuseeländische Regierung dann ein formales Restitutionsbegehren für das Kunstwerk gestellt.
Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) begrüßt die geplante Rückgabe des Ahnenbildes. »Nicht nur in unseren Museen, sondern auch in unseren Universitätssammlungen befinden sich noch zahlreiche Kulturgüter aus kolonialen Kontexten, die in heute nicht mehr vertretbarer, unethischer Weise erworben wurden«, wird sie von der Universität Tübingen zitiert.
Für viel Aufsehen hatte Ende 2022 die Rückgabe wertvoller Benin-Bronzen aus Museen in Berlin, Hamburg, Köln, Stuttgart und Dresden/Leipzig geführt. Mehr als 1100 der Arbeiten aus dem Palast des damaligen Königreichs Benin, das heute zu Nigeria gehört, waren bis dahin in rund zwanzig deutschen Museen zu finden. Die Objekte stammen größtenteils aus britischen Plünderungen im Jahr 1897.
Eines der bekanntesten Artefakte, das für geraubte Kunst steht, ist die Büste der Nofretete. Sie ist im Neuen Museum in Berlin ausgestellt, eine Aktivistin fordert ihre Rückkehr nach Ägypten. Was es damit auf sich hat, lesen Sie hier .

