Bei einer Krisensitzung zur Berlinale ist nach Angaben der Bundesregierung keine Entscheidung über die Zukunft von Intendantin Tricia Tuttle getroffen worden. »Heute Morgen fand eine Aufsichtsratssitzung der KBB GmbH im Kanzleramt statt. Thema war die Berlinale«, teilte ein Sprecher von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mit. »Die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale werden in den kommenden Tagen zwischen der Intendantin, Tricia Tuttle, und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt.«
Weimer hatte die Sondersitzung als Vorsitzender des Aufsichtsrats einberufen. 40 Prozent des Budgets der Berlinale werden aus öffentlichen Mitteln des Bundes, der EU und des Landes Berlin bestritten. Mehrere Medien hatten gemeldet, dass Tuttle vor der Ablösung stehe. Es wurde gemutmaßt, sie habe »selbst ihre Zukunft bei der Berlinale infrage gestellt«.
Kulturstaatsminister Weimer: Gegenwind aus der Branche
Foto: Mike Schmidt / IMAGOWährend des Festivals hatte es mehrfach Debatten zum Umgang mit dem Nahostkonflikt gegeben. Filmschaffende wie Tilda Swinton und Javier Bardem hatten der Berlinale vorgeworfen, sich im Gazakrieg nicht an die Seite der Palästinenser zu stellen. In Deutschland stieß indes eine Rede des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib auf heftigen Widerspruch.
Er hatte der Bundesregierung vorgeworfen, Partner »des Völkermords im Gazastreifen« zu sein. Umweltminister Carsten Schneider verließ daraufhin den Saal. Israels Regierung streitet ab, im Gazastreifen einen Völkermord zu begehen, und spricht von Selbstverteidigung nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023. Auch die Bundesregierung weist den Völkermordvorwurf zurück. Kritisiert wurde auch ein Foto der Festivalleitung mit einem Filmteam, auf dem eine palästinensische Flagge zu sehen war.
Gegen die am Mittwoch öffentlich gewordenen Pläne über eine mögliche Abberufung Tuttles als Festivalleiterin meldeten sich zahlreiche Personen aus der Branche zu Wort. Die Deutsche Filmakademie zeigte sich erschrocken über den Versuch »der politischen Einflussnahme in Bezug auf die Leitung eines der bekanntesten und bedeutendsten Filmfestivals der Welt«. Ilker Çatak, Regisseur des diesjährigen Goldener-Bär-Gewinnerfilms »Gelbe Briefe«, sagte: »Ich würde nie wieder einen Film der Berlinale geben.« Das würde auch für viele seiner Kolleginnen und Kollegen gelten.
Auch aus der Politik gab es kritische Stimmen. Linkenchef Jan van Aken nannte den Umgang mit der Berlinale-Leitung gegenüber dem SPIEGEL »unsäglich«. »Ein Kulturstaatsminister, der angetreten ist, um gegen angebliche Cancel-Culture zu kämpfen, betreibt nun selbst politische Einflussnahme auf ein internationales Filmfestival. Meinungsfreiheit heißt für Wolfram Weimer offensichtlich nur Freiheit für seine eigene Meinung«, sagte van Aken. Ein internationales Filmfestival sei nicht verpflichtet, die Position der Bundesregierung zum Gazakrieg zu vertreten, so der Politiker – und man dürfe den öffentlichen Debattenraum nicht weiter verengen. »Ein Kulturstaatsminister, der Cancel-Culture betreibt, sollte sich fragen, ob er in dem Job richtig ist.«
In einem offenen Brief, der von einer Filmagentur verschickt wurde, stellten sich knapp 700 Unterzeichnende aus der Branche hinter Tuttle. Unter ihnen sind prominente Namen wie Regisseur Tom Tykwer (»Babylon Berlin«), Schauspielerin Tilda Swinton (»The Room Next Door«) und der frühere Jurypräsident und Filmemacher Todd Haynes (»Carol«).
